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Donnerstag, 08.11.2018

Geh weg vom Alltag

Von Karin Großmann

Willkommen in der schönen neuen Arbeitswelt, in der sich die weichen Glastische im Büro dem Körper anpassen und das Denken gleich mit übernehmen. Alles, was die Kollegen zum Leben brauchen, stülpt sich direkt aus der Wand, sogar rosa Seife. Doch Vorsicht. Einmal verschwindet ein Mann mit einem Flupp in der Tapete. Niemand weiß genau, was hier gearbeitet wird. Hauptsache, die Leute sind beschäftigt.

In dieser grotesken Welt spielt der Roman „Miakro“ von Georg Klein. Der 65-jährige Schriftsteller las daraus am Dienstagabend beim Dresdner Festival „Literatur Jetzt!“ im Hygiene-Museum. Die Dichterin Nora Gomringer war als Mitspielerin angekündigt, sagte aber krankheitshalber ab. Auch im Saal blieben reichlich Plätze frei.

Dabei ist es ein großer Spaß, den verwinkelten Gedankengängen des Autors zu folgen, wenn sich Innen- und Außenwelten vermischen und der Bürobau ins Rutschen gerät. Mit einer durchsichtigen Kuppel erinnert er an den Bundestag in Berlin. Georg Klein erzählt, wie er mit einer Schriftstellerdelegation bei der Bundeskanzlerin zu Gast war und sie ganz anders erlebte als in der offiziellen Berichterstattung. Gar nicht bieder, verlässlich und brav, sondern unglaublich witzig, schalkhaft und schlagfertig. „Was für eine Anstrengung muss es bedeuten“, so Klein, „die Vielschichtigkeit des eigenen Charakters zu verbergen?“ Klein erklärt es sich damit, dass viele Bürger platte Eindeutigkeit erwarten und jede Ambivalenz misstrauisch beäugen.

Gerade das Uneindeutige, Rätselhafte und Komplexe ist sein bevorzugtes Spielfeld, seit er Anfang der Achtzigerjahre ein beinahe fertiges Manuskript samt Recherche zur Mülltonne trug. „Der Text saß zu dicht auf der Gegenwart“, sagt Klein, „deshalb kam ich nicht weiter. Seitdem rate ich Anfängern: Geh weg vom Alltag, von der eigenen Misere, schreib Gruselgeschichten.“ Die Gegenwart schreibt sowieso stets mit.

„Literatur Jetzt!“ an diesem Donnerstag: Gespräch

zwischen Autor Thomas Lehr und der Astrophysikerin

Sibylle Anderl, 19 Uhr im Hygiene-Museum Dresden.

Nacht der Lesebühnen, 20 Uhr, Kulturzentrum Scheune

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