erweiterte Suche
Mittwoch, 10.10.2018

Gedankenblitz aus Tiflis

Die Frankfurter Buchmesse beginnt mit dem Blick nach Georgien und einer magischen Zahl.

Von Karin Großmann

Der Designer George Bokhua setzt im Pavillon des Ehrengastes Georgien auf Selbsterleuchtung.
Der Designer George Bokhua setzt im Pavillon des Ehrengastes Georgien auf Selbsterleuchtung.

© Andreas Arnold/dpa

Nicht weniger als die „Seele Georgiens“ will der Designer George Bokhua auf der Frankfurter Buchmesse zeigen. Sie wurde am Dienstagabend eröffnet und stellt mit Georgien als Ehrengast eine jahrtausendealte Kulturnation ins Zentrum. Bei der Gestaltung des Pavillons ließ sich der Designer aus Tiflis vom Alphabet seines Landes inspirieren. Er macht die 33 Buchstaben begehbar und variiert sie schwungvoll. Es öffnen sich 33 Türen, 33 Lieder erklingen, 33 Boote segeln und 33 Brote werden gebacken. Das einzigartige georgische Alphabet stammt aus dem vierten Jahrhundert und steht seit 2016 auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturguts. In einer seiner Installationen setzt George Bokhua auf die Selbstbeleuchtung des Betrachters.

Wohlwollend verfolgen die Literaten an den Schauwänden das Ergebnis. Schriftsteller tragen viel Erhellendes bei. Dazu zählt der Satiriker Lasha Bugadze ebenso wie der Lyriker Besik Kharanauli oder Lewan Berdsenischwili, ehemaliger Direktor der Georgischen Nationalbibliothek. Insgesamt sind in diesen Tagen mehr als 70 georgische Schriftsteller am Main zu Gast. Der finanzielle Zuschuss aus Georgien für ein Übersetzerprogramm ermöglicht die Begegnung mit Büchern, die sonst wohl kaum ins Deutsche gefunden hätten. Insgesamt kostet der Messeauftritt rund sechs Millionen Euro.

Wie ein Flughafen geehrt wird

Die ehemalige Sowjetrepublik an der Schnittstelle zu Asien nutzt die Gelegenheit, um sich von ihren besten Seiten zu zeigen – und um nachzuweisen, dass das Land historisch-kulturell schon lange zu Europa gehört. Laut Umfragen empfinden das auch 75 Prozent der Einwohner so.

In der Literatur gibt es manche Gemeinsamkeiten. Die klassische europäische Dichtung von König Artus zum Beispiel findet sich im Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ wieder. Jeder, der in Georgien zur Schule geht, lernt den 800 Jahre alten Text kennen. Die Prachtstraße, das Theaterhaus und der Flughafen von Tiflis sind nach dem Verfasser Schota Rustaweli benannt. „Auf den Gedanken, den neuen Berliner Flughafen nach Wolfram von Eschenbach oder dem Nibelungenlied zu benennen, käme in Deutschland vermutlich niemand“, meint der Autor Tilman Spreckelsen. Er hat den märchenhaften Versroman unter dem Titel „Der Held im Pardelfell“ neu in Prosa gefasst. Erzählt wird von der Freundschaft dreier Ritter, von Schwermut und schönen Frauen. Die vielen Tränenströme des Originals, so Spreckelsen, wurden in der neuen Fassung ein wenig getrocknet. Die zauberhaften Illustrationen von Kat Menschik verbinden Mythos und Moderne. Die magischen Buchstaben laufen auch hier mit.

Im Frankfurter Messepavillon erinnert ein Buchstabe an das Schicksal von Petre Otskheli, Designer und Modernist aus Tiflis, dessen Arbeiten bis heute in Georgien verehrt werden. Er wurde 1937 in Moskau im Alter von 30 Jahren erschossen. Stalin, der berühmteste Georgier, hat seine Feinde und jene, die er dafür hielt, liquidiert. Auch dem „Roten Gott“ sind einige Neuerscheinungen des Herbstes gewidmet. Rund 70 deutschsprachige Verlage haben Titel über das Gastland im Programm.

Dazu zählen Reiseführer wie der Band „Georgien und der Kaukasus“ des Dresdner Fotografen Jörg Schöner, der das Gebiet seit zwanzig Jahren erkundet. Er schildert die landschaftlichen Reize ebenso begeistert wie die kulturelle Vielfalt. Zu den Neuerscheinungen gehören auch Länderporträts, Einblicke in die georgische Küche und literarische Anthologien.

Die Schriftstellerin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili ist in diesen Tagen besonders gefragt. Sie lebt zwar schon lange in Deutschland und schreibt auch auf Deutsch, doch sie wurde in Georgien geboren, hat in Tiflis ein Laientheater gegründet und sagt: „Das Leben bleibt für Menschen wie mich immer ein Hin und Her zwischen den Welten, zwischen den Kulturen.“ Nino Haratischwili gestaltete die Eröffnung der Buchmesse mit. Die Schau ist am Wochenende für das allgemeine Publikum geöffnet. Erwartet werden wie jedes Jahr rund 300 000 Besucher an den fünf Messetagen. Aus Sachsen nehmen 25 Verlage mit einem eigenen Stand teil, weitere acht am Gemeinschaftsstand, an dem auch andere Institutionen vertreten sind. Insgesamt zeigen rund 7 500 Aussteller aus 110 Ländern ihre neuen Produktionen.

Krönender Abschluss des Ehrengast-Programms ist die traditionelle Gastrollen-Übergabe. Dann wird der georgische Autor Zurab Karumidze den Stab an die norwegische Schriftstellerin Åsne Seierstad weitergeben. Unter dem Motto „Der Traum in uns“ wird sich Norwegen 2019 als Ehrengast der Buchmesse vorstellen.