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Dienstag, 24.01.2012

Ganz neue Einblicke

Das freie sächsische Theater ist experimentierfreudig und bodenständig. Das wollen Theatermacher ab heute in Zittau zeigen.

Von Johanna Lemke

Holdes Kulturland Sachsen! Welch ein Reichtum aus Schlössern und Burgen, Museen und Opern. War’s das? Zumindest in Sachen Theater war es das noch lange nicht. Denn neben den subventionierten Stadt- und Staatstheatern hat Sachsen eine umtriebige Off-Szene. Unzählige freie Gruppen, die ohne feste Förderung auskommen, sind über das ganze Land verteilt. In regelmäßigen Abständen kommen sie zu einem Arbeitstreffen zusammen, um sich auszutauschen und Zuschauern einen Einblick in ihre Arbeit zu bieten. In diesem Jahr treffen sie sich zum dritten Mal, beim „Off 11“, und werfen sozusagen einen reflektierenden Blick auf das vergangene Off-Jahr. Ab heute, in Zittau.

Dass das diesjährige Treffen ausgerechnet in Zittau stattfindet, ist kein Zufall, meint Michael-Paul Milow. Er ist einer der Strippenzieher des Treffens und freut sich auf die kommenden vier Tage im Gerhart-Hauptmann-Theater. Es ist das erste Mal, dass sich die freien Gruppen in einem Stadttheater treffen, was ja eigentlich wie ein Widerspruch aussieht – in Wirklichkeit aber keiner ist. „In Zittau spürt das Theater das Damoklesschwert der Kürzungen besonders stark und ist daher offen für neue Kooperationsmöglichkeiten“, so Milow. Weil freie Gruppen ganz andere Zugänge zu Fördertöpfen haben, an die feste Häuser meist nicht herankommen würden. Tut man sich zusammen, haben beide etwas davon: Das Theater erreicht andere Töpfe, die freien Truppen kommen in den Genuss professioneller Ausstattung.

Die einst so heilige Grenze zwischen dem gesetzten Subventionstheater und der wilden freien Szene ist auf künstlerischer Ebene sowieso längst obsolet. Formen, die einst im freien Theater entstanden sind, haben sich an den städtischen Bühnen durchgesetzt.

Michael-Paul Milow versteht es auch als Zeichen, das Treffen nach Dresden und Chemnitz in der Oberlausitz stattfinden zu lassen. Natürlich sei die freie Szene in der Region nicht so stark, sagt er. Gerade im Bereich Schultheater sei man Entwicklungsland. „So sehr Sachsen sich als Kulturland geriert, in der Region hört es bei Burgen und Schlössern oft auf.“ Deswegen ist es Milow wichtig, die Menschen in Zittau aufmerksam zu machen.

Die Schmelztiegel der Off-Szene sind natürlich die Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz. Leipzig ist mit den Spielstätten Lofft und der Schaubühne Lindenfels ein Schwergewicht; hier entsteht meist sehr mutiges Theater. In Dresden hingegen, sagt Michael-Paul Milow, spüre man die Beamten- und Verwaltungsmentalität. Der Tanzbereich sei hier durch die Palucca-Schule sehr stark. „Und ich bewundere die anarchischen Puppentheaterspieler in Dresden“, sagt Milow. Chemnitz, wo er selbst lebt und arbeitet, habe einen Außenseiterstatus in Sachsen. „Die Chemnitzer sind eben protestantisch, gesittet und lachen nicht viel“, sagt er mit einem Lächeln. Hier ist Off-Theater oft noch ein Abenteuer.

Im Großen und Ganzen hat Sachsen sich aber nicht zu verstecken. „Das sächsische Off-Theater ist oft wagemutiger als das in anderen Bundesländern“, sagt Milow. Es sei hier sehr nah am Volk und habe nicht die Hybris, sich permanent neu zu erfinden. Außerdem fühlten sich viele der Macher hohen künstlerischen Standards verpflichtet. „Es gibt wenig Dilettantismus“, sagt Milow.

Bodenständig, professionell und experimentierfreudig – an Selbstbewusstsein mangelt es den Theatermachern offensichtlich nicht. An Anerkennung mitunter schon. Fördergelder werden immer noch sehr zaghaft vergeben. Auf Themen wie diese soll in diversen Podien aufmerksam gemacht werden.

Bis Freitag sind in Zittau 13 der besten Produktionen des Jahres 2011 zu sehen. Von den Dramaten aus Dresden über das Arme Theater aus Chemnitz bis hin zur Truppe TheaterSchafft aus Leipzig, Tanz ist ebenso dabei wie Schauspiel und Figurentheater. Und jeden Abend gibt es eine Party. Damit auch bloß kein Gedanke an Schlösser und Burgen aufkommt.

Off 11 Arbeitstreffen der freien sächsischen Theater: heute bis Freitag, 27.1., Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau.