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Mittwoch, 06.12.2017

Für Toleranz lässt sich heftig streiten

Zum Buchmesse-Protest der „Charta 2017“, die von Autoren wie Uwe Tellkamp angeführt wird, starten Marcel Beyer, Durs Grünbein und andere nun einen „Aufruf“.

Von Karin Großmann

Meinungsverschiedenheiten zwischen Intellektuellen gibt es schon immer. Voltaire nannte Rousseau einen Vagabunden, Rousseau schrieb zurück: Ich hasse Sie! Die beiden französischen Philosophen trugen ihren Streit öffentlich aus, scheuten aber auch das anonyme Diffamieren des Gegners nicht.
Meinungsverschiedenheiten zwischen Intellektuellen gibt es schon immer. Voltaire nannte Rousseau einen Vagabunden, Rousseau schrieb zurück: Ich hasse Sie! Die beiden französischen Philosophen trugen ihren Streit öffentlich aus, scheuten aber auch das anonyme Diffamieren des Gegners nicht.

© ullstein bild

Alle schwören, dass es nur um die Sache geht und nicht um persönliche Angriffe. Das ist leichter gesagt als getan, wenn Intellektuelle ihren Namen in die Waagschale werfen im Streit um die „Sache“, die hier Meinungsfreiheit heißt, Toleranz oder Menschenrecht, denn ein paar Nummern kleiner geht es wohl nicht. So stehen sie sich nun gegenüber, Schriftsteller wie Uwe Tellkamp und Marcel Beyer, beide um die fünfzig, beide begabt mit literarischem Feingefühl und Intellekt, beide in spröder Zuneigung Dresden verbunden. Sie veröffentlichen ihr Hauptwerk sogar im selben Verlag, bei Suhrkamp, und sind gleichermaßen auf anderen Spielwiesen unterwegs. Uwe Tellkamp gehört zu den Erstunterzeichnern der „Charta 2017“, Marcel Beyer unterschrieb einen „Aufruf“, der sich gegen diese „Charta“ richtet.

Den Anlass lieferte die Frankfurter Buchmesse. Der Börsenverein als Betreiber der Messe hatte rechtsnationalen Verlagen ein Podium gegeben, hatte Standgebühr und Veranstaltungskosten kassiert – und war dann mit seinen Honoratioren protestierend dort aufmarschiert. Das war gewiss nicht die schlaueste Idee, und nichts rechtfertigt die tätliche Auseinandersetzung danach. Die „Charta 2017“ kritisiert den Protest des Börsenvereins mit Begriffen wie „Gesinnungsdiktatur“. Von „Gesinnungskorridor“ sprach Uwe Tellkamp bei einer Lesung im Kulturhaus Loschwitz.

Der Riss geht quer durch

Dazu nimmt der jetzt veröffentlichte „Aufruf“ Stellung, den neben Marcel Beyer Schriftsteller wie Ingo Schulze, Durs Grünbein, Rudolf Scholz und Michael Wüstefeld unterschrieben. Auch Musiker, Schauspieler und Germanisten aus der Region beteiligen sich. Zu den Mitinitiatoren gehört der Historiker Justus H. Ulbricht, neuer Chef des Dresdner Geschichtsvereins. Die Unterzeichner mahnen zu einer „angemessenen Sprache“. Die Aufforderung zur Kritik an Autoren, Texten und politischen Botschaften dürfe nicht als „Gesinnungsdiktatur“ verunglimpft werden. „Diese Diffamierung bedeutet eine verbale Entgleisung.“ Es sei ein Widerspruch, heißt es weiter, Demokratie und Toleranz einzufordern und zugleich solche Texte zu verteidigen, „welche die demokratische Grundordnung infrage stellen oder rassistisch argumentieren“.

Hinter jedem der beiden Papiere versammeln sich nun Sympathisanten, wie das üblich ist, spätestens, seit Voltaire und Rousseau gedanklich die Degen kreuzten. Auch unter sächsischen Literaten herrschte selten herzliche Zuneigung. Wenn Ludwig Tieck in seinen Salon an der Ecke zwischen Kreuzstraße und Altmarkt zum Tee bat, rümpfte er öffentlich die Nase über den Texter von Carl Maria von Weber, der nur ein paar Häuser weiter wohnte.

Daran hat sich seit 200 Jahren wenig geändert. Der Riss geht quer durch: Verleger, Buchhändler, Publizisten und auch Dresdner Stadtschreiber finden sich auf der einen wie auf der anderen Seite. Zwei engagierte Literaturveranstalterinnen führen die Reihen an. Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz verbreitet die „Charta 2017“, die bereits über 7 000 Unterzeichner hat. Andrea O’Brien von der Villa Augustin brachte den „Aufruf“ mit zunächst 100 Unterschriften auf den Weg. Ihr geht es um mehr als einen Protest gegen den Protest. „Wir wollen die Sprache der neuen Rechten dekonstruieren, die eine Umdeutung der Begriffe vornehmen.“

Zu diesem Zweck soll eine Werkstattarbeit installiert werden, die nicht zufällig am 11. Februar starten soll. Es ist der Todestag des Dresdner Romanisten Victor Klemperer, der in seinem Werk „LTI“ die Sprache der Nationalsozialisten brillant analysierte. Tom Hantschel, Schauspieler an den Landesbühnen Sachsen und Mitunterzeichner des „Aufrufs“, plant ein Programm mit Klemperer als Kronzeugen. Ein anderer Weg wäre womöglich der des Gesprächs. Es erscheint denkbar, in einer Stadt miteinander zu reden, statt einander Pamphlete zu schicken. Meinungsunterschied muss nicht Feindschaft bedeuten.