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Montag, 21.02.2011

„Für mich war die Natur immer eine eigene Figur“

Kinder auf der ganzen Weltlieben den kleinen Maulwurf. Heute wird sein Schöpfer Zdenek Miler 90.

Von Udo Lemke

Die Geschichte ist auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch gut: Der Prager Zeichner Zdenek Miler stolpert 1956 bei einem Spaziergang über einen Maulwurfshügel, was einen Geistesblitz zur Folge hat: die Idee, einen kleinen Maulwurf zur Trickfilmfigur zu machen. Noch besser als diese Legende ist die tschechische Zeichentrickserie selbst: In gut 80 Ländern der Erde sind Millionen von Kindern mit dem kleinen Maulwurf aufgewachsen, und seine Beliebtheit ist bis heute ungebrochen. Eine Begründung dafür lieferte Miler kürzlich in einem Interview: „Ich glaube, Kinder lieben den Maulwurf, weil er eine Frohnatur ist, die nichts umwerfen kann.“

Das ist schon im allerersten Teil der bis 2002 produzierten Filme „Wie der Maulwurf zu seiner Hose kam“ (1957) zu sehen. Weil er das ganze Spielzeug nicht tragen kann, bittet der Maulwurf die Tiere um „ein Höschen mit großen Taschen“. Und das wörtlich, denn in den ersten Filmen hat der Maulwurf noch gesprochen. Miler wollte jedoch, dass seine Figur überall auf der Welt verstanden wird und verzichtete später auf die Sprache. Übrigens: Gleich mit seinem Maulwurfs-Erstling hatte er bei den Filmfestspielen Venedig einen Silbernen Löwen gewonnen.

Von Anfang an eroberte der kleine schwarze Geselle mit dem grauen Bauch und dem spitzen Näschen, den drei Haaren auf dem Kopf und den viel zu großen Händen die Herzen des Publikums. Nicht nur, weil er eine Frohnatur war, sondern weil er mit seinen Begleitern Hase, Igel und Maus für etwas Seltenes stand: Freundschaft. Und für die Liebe zur Natur: „Für mich war sie immer eine eigene Figur“, so der studierte Grafiker und Fotograf Miler, der 1942 in einem Zeichentrickstudio zu arbeiten begann und nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als Zeichner, Regisseur und Autor in der Zeichentrickfirma „Bratri v triku“ wirkte, bevor er deren Direktor wurde.

Seine Liebe zur Natur transportierte Miler, der rund 70 Filme schuf, darunter 50 Maulwurf-Folgen, im Gegensatz von Stadt und Land. Am direktesten gezeigt wird dies im Streifen „Der Maulwurf kommt in die Stadt“ (1982). Eigentlich kommt die Stadt in den Wald, der abgeholzt wird, um Platz für eine Plattenbau-Stadt zu schaffen. Von Verkehrschaos über Smog, Massenproduktion und Bauen ohne menschliches Maß hat Miler alles in diesen Film gepackt, und dennoch wirkt nichts aufgesetzt, vielmehr auf einer kindlichen Ebene erzählt. Diese Kunst machte die Filme zu zeitlosen Geschichten. Und zu systemübergreifenden. Denn nicht nur im DDR-Kino und -Fernsehen war der kleine Maulwurf ein gern gesehener Dauergast, sondern seit 1972 auch in der „Sendung mit der Maus“, und damit ist er ein Stück gesamtdeutscher Kindheitserfahrung – Dank Zdenek Miler.

Heute feiert der Vater des Maulwurfs seinen 90. Geburtstag. Wer wollte bezweifeln, dass seine Figur auch in kommenden Kindern weiterleben wird?