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Montag, 09.07.2012

Für immer ein kleines Mädchen?

Fränzi ist das berühmteste Modell der „Brücke“-Maler.Die Kunstwelt kennt sie im Grunde nur als Kind, doch es kommen immer mehr Details ihres weiteren Schicksals ans Licht.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Giorgiones Schlummernde Venus, Raffaels Sixtinische Madonna – bei vielen großartigen Bildern wissen wir nicht, wer Modell gesessen, gelegen, gestanden hat. Bei anderen wie Leonardos Mona Lisa gibt es Vermutungen. Diese Werke sind freilich ein halbes Jahrtausend alt. Doch auch aus der jüngeren Kunstgeschichte kennen wir Figuren, über deren Vor-Bilder nur wenig bekannt ist.

Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel von der Künstlergruppe „Brücke“, die 1905 in Dresden gegründet worden war, zeichneten und malten zwischen 1909 und 1911 immer wieder aufgeweckte, quirlige Mädchen, die kaum älter als zehn, zwölf Jahre sein konnten. Wer waren diese Kinder, die sich in den Ateliers in der Dresdner Friedrichstadt und, bei den Sommerausflügen der Maler, mit ihnen an den Ufern der Moritzburger Seen tummelten?

Artistenkinder, Isabella, Senta, Marcella, Fränzi – aus Bildtiteln, Gesprächen, Postkarten, Briefen, Aufzeichnungen puzzelten Kunsthistoriker später Vermutungen darüber zusammen, wer da wann aufs Papier oder auf die Leinwand gebannt worden war. Bei „Marcella“, einem Namen, der in den Quellen mehrfach auftaucht, wird inzwischen vermutet, dass es die am 15.Dezember 1895 in der Dresdner Neustadt geborene Marcella Sprentzel war, die um 1910 Kirchner und Heckel als Modell diente. Falls das stimmt – die Spur verliert sich schon 1912, als jene Marcella, als Bewohnerin der „Wormserstr. 3 II“, letztmalig in einem Adressbuch genannt wird. Hat sie jung geheiratet? Ist sie weggezogen oder früh gestorben? Wir wissen es bislang nicht.

Anders ist es mit „Fränzi“, die von Fachleuten heute mit mehr als 50 Bildern der „Brücke“-Künstler in Verbindung gebracht wird. Sie konnte 1995 eindeutig identifiziert werden, als ein Skizzenbuch Kirchners wiedergefunden wurde. Kirchner, der 1911 nach Berlin und später in die Schweiz gezogen war, besuchte 1926 noch einmal Dresden, wo seine Künstlerkarriere einst begonnen hatte. Er vermerkte in seiner krakeligen Handschrift für den 12. Februar: „Ich war heute bei Fehrmanns, es war ganz seltsam, alles noch so wie früher, nur dass sie umgezogen sind und nun Kl. Plauensche Gasse 60 wohnen. Die Fränzi hat zwei uneheliche Mädchen … nette Kinderchen, sehr intelligent und fleißig. Die alte Frau Fehrmann ist noch genau so wie früher, sieht auch noch genau so aus … Fränzi selbst ist sehr trüb und traurig gestimmt durch ihr Pech mit den Kindern. Ihre Jugenderinnerungen an Moritzburg etc. sind auch ihr das Liebste im Leben … Fränzi möchte gern mit überall sein nur nicht in Dresden bleiben.“

Sie blieb aber in Dresden, wie wir heute wissen, und sie ist wohl weder besonders glücklich noch sehr alt geworden. Voriges Jahr in Juni wurden auf Betreiben der Heimatforscher Claus und Christine Wagner ein Gedenkstein und eine Tafel auf dem Äußeren Briesnitzer Friedhof am Südwestrand Dresdens eingeweiht. Das Grab nahe der Friedhofsmauer ist zwar nicht erhalten, die Stelle aber dank der Friedhofsunterlagen genau bekannt. Hier ist Franziska Fleischer, geb. Fehrmann, am 15. Juni 1950 bestattet worden, nachdem sie fünf Tage zuvor, grad 49 Jahre alt, im Friedrichstädter Krankenhaus einem Herzleiden erlegen war.

Die Wagners haben weitere Zeugnisse aus Fränzis Leben ausfindig gemacht, Dokumente aus der Zeit, als sie längst nicht mehr das hibbelige kleine Mädchen war, das Kirchner zu „etwas ganz Neuem“ animiert hatte, „dem Studium der Bewegung“, wie er sich 1935 erinnerte, „aus dem ich meine eigene Formensprache erhielt“. Bekannt war schon länger, dass Fränzi 1931 den Buchdrucker Alfred Kurt Fleischer geheiratet hatte, der nicht der Vater ihrer Kinder war, und 1948 von ihm geschieden wurde. Claus Wagner vermutet, dass sie ihren vier Jahre jüngeren Ehemann schon aus Kindheitstagen gekannt hat, beide wohnten 1910 in der Polierstraße, Fränzi in der Nr. 18 und Alfred in der Nr. 23. Auf der Eheurkunde wird sie als Buchbindereiarbeiterin geführt, und an die Tatsache, dass sich im Hinterhaus der Kleinen Plauenschen Gasse 60, wo Fränzi noch immer wohnte, die Druckerei Heider befand, knüpft Wagner die These, dass beide dort gearbeitet haben. Trauzeuge war der 35-jährige Hilfsheizer Max Richard Fehrmann – gewiss ein Bruder Fränzis.

Das Ehepaar Wagner hat über Dokumente, Hausbucheinträge und Gespräche mit Zeitzeugen im vergangenen Jahr auch Neues über die Töchter Fränzis herausgefunden. Gertrud, die ältere der beiden, am 12.Oktober 1917 geboren und am 26. August 1992 im Dresdner Joseph-Stift kinderlos verstorben, war mit Georg Arlt verheiratet, der als Buchhalter im Großhandel gearbeitet hatte. Doch außer dem Witwer tauchte in der Erbfolge auch die andere Schwester auf. Eine Pflegerin, die sich im Rahmen der Nachbarschaftshilfe um Herrn Arlt kümmerte, berichtet, dass sich nach dessen Tod 1995 eine Erika Koebel aus Munster telefonisch meldete: Gertruds Schwester, geboren am 4. November 1923. Die Pflegerin war im Testament bedacht worden, was ihr die jüngere Tochter Fränzis nun mitteilte. Da Claus Wagner diese Information erst Ende 2011 in die Hände bekam, konnte er Erika leider nicht mehr kontaktieren. Laut Melderegister von Munster, einer Kleinstadt südlich Hamburgs im niedersächsischen Heidekreis, ist Erika Eleonore Koebel, geborene Fehrmann, die 1956 dorthin in die Brucknerstraße 23 gezogen war, am 3. Dezember 2006 verstorben, und auch ihr Mann lebt inzwischen nicht mehr. War sie die letzte nahe Verwandte Fränzis? Könnte noch jemand etwas über sie und ihre berühmte Mutter wissen, vielleicht gar Fotos haben?

Es gab noch eine andere Spur. In der Martin-Opitz-Straße in Dresden-Omsewitz, wo Fränzi zuletzt bis zu ihrem Tod 1950 gewohnt hatte, waren zu jener Zeit auch Lucia und Margit Fehrmann gemeldet, Jahrgang 1911 und 1937. Ingrid Bochmann, die damals als Kind nebenan wohnte und sich auf einen SZ-Artikel hin meldete, erinnert sich noch an die zwei Frauen und das Mädchen. Lucia habe in der Schokoladenfabrik gearbeitet und ihr öfter fürs Schuheputzen „als Belohnung eine Tafel Schokolade“ gegeben. Margit, vermutlich Lucias Tochter, ist später nach Wiesbaden gezogen, konnte aber bislang nicht gefunden werden. Lucia hat bis zu ihrem Tod 1973 in der Dresdner Neustadt im Dachgeschoss der Sebnitzer Straße 30 gewohnt. Auch hier machten die Wagners einen Zeitzeugen ausfindig. Lutz Weißer hat für die freundliche Dame oft die Kohlen aus dem Keller geholt, wofür sie sich mit kleinen Geschenken bedankte. Das Kinderbuch „Das Tierhäuschen“ mit Illustrationen von Ingeborg Meyer-Rey hat er heute noch. Es birgt die Widmung für „meinen kleinen Lutz von seiner Frau Fehrmann, Weihnachten 1972“. Er ist der Ansicht, dass Lucia eine Nichte Fränzis war, eine Tochter also von einem ihrer elf älteren Geschwister. Auch die Wagners, seit vielen Jahren im Landesverein Sächsischer Heimatschutz aktiv, tendieren zu dieser These, aber zu beweisen ist sie nicht.

Wir wissen nicht, ob eine schöne Venezianerin für Giorgiones Venus „Modell geschlafen“ hat und ob eine Römerin aus Fleisch und Blut Vorbild für Raffaels Sixtina war. Wir wissen aber, dass es einige weltberühmte Bilder von Künstlern der „Brücke“ nicht gäbe, hätte nicht dieses quicklebendige Dresdner Mädchen namens Fränzi deren Weg gekreuzt. Sie war zehn, als die Maler weiterzogen. Sie lebte danach ein schwieriges Leben in schwieriger Zeit, zog zwei Mädchen auf, von denen eins im Krieg und eins in der Inflationszeit zur Welt gekommen war, und überlebte mit ihnen in Dresden einen weiteren Krieg und die Bombennacht von 1945. Das sensible Gesicht, das aus dem Foto von 1910 herausblickt, hat etwas Vertrautes. Und da keine späteren Bilder von ihr aufgetaucht sind, bleibt sie trotz aller biografischen Details, die inzwischen bekannt sind, in der öffentlichen Wahrnehmung doch immer, was sie auch auf den Gemälden und Zeichnungen ist – ein Kind, unschuldig, wild, lebenshungrig, ein sympathisches Mädchen, das alles noch vor sich hat.