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Dienstag, 09.01.2018

Früher war auch nicht alles besser

Ein altes Fernseh-Interview mit Hannah Arendt wird zum Youtube-Erfolg. Was verrät uns das über den Zeitgeist?

Von Jonas-Erik Schmidt

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Intellektuelle Kraft, Ehrlichkeit und Nikotingenuss: Hannah Arendt.
Intellektuelle Kraft, Ehrlichkeit und Nikotingenuss: Hannah Arendt.

© dpa

Das Gespräch ist keine drei Minuten alt, als Hannah Arendt etwas für heutige Verhältnisse Ungehöriges tut. Sie greift zur Zigarette, vor laufenden Kameras, im Fernsehen. Ihren Gesprächspartner Günter Gaus irritiert das allerdings in keiner Weise. Ihn interessiert vielmehr Folgendes: Wo Arendt den Unterschied zwischen politischer Theorie und der „Philosophie über politische Fragen“ sehe? Arendt atmet Rauch aus der Nase.

Wer sich das Interview des Journalisten Günter Gaus (1929 – 2004) mit der Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) aus dem Jahr 1964 heute ansieht, ist womöglich schnell fasziniert. Denn es liegt quer zu allen aktuellen Sehgewohnheiten, optisch und inhaltlich. Auf Youtube hat dieses Gespräch in verschiedenen Versionen etwa eine Million Aufrufe. Alles an ihm ist anders, als das, was man mit der Video-Plattform assoziiert. Schwarz-weiß, viel Text, wenige Schnitte, eigentlich sieht man nur Arendt, Qualm und den Hinterkopf von Gaus. Der wiederum nutzt fast vergessene Wörter wie „rubrizieren“ und eröffnet mit eher akademischen Fragestellungen.

Es gibt verschiedene Erklärungen für die vielen Klicks, die vielleicht kein Superhit sind, sicherlich aber ein Phänomen. Das Video ist schon ein paar Jahre online, da sammelt sich etwas. Es gibt Philosophie-Nerds. Es gibt glühende Arendt-Fans wie den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. 2012 gab es einen Kinofilm über sie. Und die Interviews, die Gaus für seine Reihe „Zur Person“ führte, sind allesamt legendär. Ganz reicht das aber nicht als Erklärung.

Der Forscher Manuel Menke hat sich in seiner Dissertation mit Mediennostalgie beschäftigt. „Ich würde sagen, dass es ein grundsätzliches Bedürfnis gibt, sich mit Medien der Vergangenheit zu beschäftigen“, sagt er. Heute ist das dank des Internets und seiner Archive viel leichter möglich als früher. Vor allem auf Youtube.

Daher hat nicht nur Arendt ihre Klicks. Ein wie üblich pöbelnder Klaus Kinski in „Je später der Abend“ von 1977 kommt auf über 2,5 Millionen. Helmut Schmidt in der „NDR Talk Show“ von 1986 immerhin auf mehr als 200 000. Die Kommentare unter derartigen Clips ähneln sich. Tenor: Ach, das war noch Fernsehen! Da wurde noch wirklich diskutiert! Nicht so wie heute!

„Gaus hatte Angst, sie haut ab.“

Ganz schnell gehe diese Medien-Kritik in eine Kritik am gesellschaftlichen Wandel im Allgemeinen über, sagt Menke. Leute diskutieren darüber, dass man damals ja noch rauchen durfte und sich vermeintlich weniger um Political Correctness scherte. Zeitdokumente à la Arendt werden zu Stellvertretern, vielleicht auch gerade in ansonsten komplizierten Zeiten. Und ein bisschen romantisiert. „Ein Fernseh-Interview ist aus gutem Grund nicht mehr so wie damals. Damals fanden das einige Leute sicher interessant. Aber auch viele ätzend langweilig“, sagt Menke. Erst der Umstand, dass es diese Form heute nicht mehr gebe, wärme das Nostalgie-Gefühl. „Nostalgie ist auf der Idee aufgebaut, dass es eine Verlusterfahrung gab“, sagt Menke.

Doch das Arendt-Interview hat mehr zu bieten als das wohlige Gefühl früherer Fernsehtage. „Es ist ein unglaubliches Dokument in seiner Mischung aus intellektueller Kraft und erschütternder Ehrlichkeit“, sagt der Lüneburger Kulturwissenschaftler Götz Bachmann. Die jüdische Publizistin Arendt („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“) spricht über die NS-Zeit, über Flucht und Holocaust. „Sie redet über Flüchtlingshilfe, sie redet über rechte Bewegungen und was es heißt, existenziell angegriffen zu sein. Da werden sich viele auch vor dem aktuellen Hintergrund angesprochen fühlen. Sie spricht darüber, wie man sich zu Politik stellt“, sagt Bachmann. Und dabei meint man greifen zu können, wie die Gedanken in ihr arbeiten. „Es ist wie ein Theaterstück. Jedes Wort haut hin“, sagt der Arendt-Experte Wolfgang Heuer. Dabei habe das Gespräch unter keinem guten Stern gestanden. Arendt sei öffentlichkeitsscheu gewesen. Wegen einer technischen Panne musste man warten. Man sei dann zusammen raus, eine rauchen, berichtet Heuer. „Gaus hatte Angst, sie haut ab.“ (dpa)

sz-link.de/arendt

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Joachim Herrmann

    Ich hatte das Glück, die Sendungen von Herrn Gaus in den 90-iger Jahren ansehen zu können.Das hat mir, aus heutiger Sicht über die Wirren und das Konstrukt der "Vereinigung" in Vielem hinweg geholfen.Dort fand all das statt, was ich mir im Dialog, der Auseinandersetzung und in der Vielfalt von humanistischen Gedanken im Vereinigungsprozess gewünscht hätte.Aber meine Landsleute waren, wie wir heute wissen, im Einheitstaumel versunken, ja unter gegangen.Wenn man sich an den Massenmörder, rauchend, Wiskey saufend erinnert, der in den zielgerichteten Fragen von Kaus seine gesamte Trivialität, ja dumpfe Hohlheit zur Schau trug, so wünschte man sich im Hier und heute solcherart Kommunikation.Denn dieser Typ Mensch mit seiner ganzen Verlogenheit taucht hin und wieder und dazu noch vielfältig in unterschiedlichen Sendungen auf.Auch, wie von Arendt dargelegt,die Verquickung von Philosophie und Politischer Suche im Realen muss man heute ad absurdum führen, nur machen das die Protagonisten nicht!

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