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Freitag, 20.10.2017

Fronten von früher

Der Streit um DDR-Kunst wird heftig geführt. Die Chefin der Staatlichen Kunstsammlungen plädiert dafür, nicht immer im Ost-West-Muster zu denken.

Von Marion Ackermann

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Abtanzen beim „Intermedia I“ 1985 in Coswig. Im Rahmen der Sonderschau „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in West- und Ostdeutschland“ (bis 19. November) findet am 26. Oktober ab 19 Uhr im Lichthof des Albertinums eine Podiumsdiskussion zum Festival „Intermedia I“ statt. Von 18 bis 19 Uhr ist die Sonderausstellung zudem kostenfrei geöffnet.
Abtanzen beim „Intermedia I“ 1985 in Coswig. Im Rahmen der Sonderschau „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in West- und Ostdeutschland“ (bis 19. November) findet am 26. Oktober ab 19 Uhr im Lichthof des Albertinums eine Podiumsdiskussion zum Festival „Intermedia I“ statt. Von 18 bis 19 Uhr ist die Sonderausstellung zudem kostenfrei geöffnet.

© Matthias Creutziger

  • Abtanzen beim „Intermedia I“ 1985 in Coswig. Im Rahmen der Sonderschau „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in West- und Ostdeutschland“ (bis 19. November) findet am 26. Oktober ab 19 Uhr im Lichthof des Albertinums eine Podiumsdiskussion zum Festival „Intermedia I“ statt. Von 18 bis 19 Uhr ist die Sonderausstellung zudem kostenfrei geöffnet.
    Abtanzen beim „Intermedia I“ 1985 in Coswig. Im Rahmen der Sonderschau „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in West- und Ostdeutschland“ (bis 19. November) findet am 26. Oktober ab 19 Uhr im Lichthof des Albertinums eine Podiumsdiskussion zum Festival „Intermedia I“ statt. Von 18 bis 19 Uhr ist die Sonderausstellung zudem kostenfrei geöffnet.
  • Marion Ackermann, Jahrgang 1965, ist seit einem Jahr Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zuvor leitete sie das Kunstmuseum Stuttgart und die Kunstsammlungen NRW in Düsseldorf.
    Marion Ackermann, Jahrgang 1965, ist seit einem Jahr Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zuvor leitete sie das Kunstmuseum Stuttgart und die Kunstsammlungen NRW in Düsseldorf.

Wie Hilke Wagner bin ich für eine integrierte Hängung von DDR-Kunst, das heißt, eine Hängung, die weder separierend noch kategorisierend vorgeht und die DDR-Kunst in ihrem zeitgenössischen Kontext zeigt. Ein kleines Beispiel aus eigener Erfahrung: Als ich vor etwa zehn Jahren Willi Sitte in Halle besuchte, um ihn zur Teilnahme in meiner Ausstellung „Das Triptychon der Moderne“ in Stuttgart einzuladen, erzählte er mir, dass zur Zeit des Vietnamkrieges Werner Tübke, Bernhard Heisig und er nach München gereist wären, um sich gemeinsam Werke der Alten Pinakothek anzuschauen.

Vor dem „Höllensturz der Verdammten“ von Rubens hätten sie untereinander einen malerischen Wettbewerb beschlossen: Jeder sollte versuchen, einen eigenen Höllensturz als Antikriegsbild zu schaffen. Das Triptychon von Sitte hatte ich zum Auftakt der Ausstellung in einem Raum mit Niki de Saint Phalle, Katharina Sieverding und Damien Hirst gehängt, was fantastisch funktioniert hat, von dort aus ging man zu Otto Dix und Max Beckmann. Letztere haben bekanntlich eine starke Rezeption in der DDR erfahren.

Wie unterschiedlich Kunstgeschichte in beiden Teilen Deutschlands fortgewirkt hat, geht einem aktuell in der Käthe-Kollwitz-Ausstellung im Kupferstich-Kabinett durch den Kopf. Entscheidend ist, dass die Narrationen der Kunstgeschichte immer wieder überprüft werden müssen. Es geht somit auch darum, andere Perspektiven auf DDR-Kunst zu eröffnen, den jeweils nächsten Generationen die Freiheit eigener Deutungen zu lassen. Dies kann nicht in einer erstarrten oder rekonstruktiv-nostalgischen Sammlungspräsentation geschehen. Ganz fürchterlich finde ich es, wenn ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt, der so viele positive Chancen in sich birgt, wieder angefangen wird, nach „Ossi“ und „Wessi“ zu unterscheiden, und Letzterem aufgrund seiner Herkunft die Befähigung abgesprochen wird, repräsentativ und fachkundig argumentieren und entscheiden zu können. Statt uns auf unsere Herkunft zu reduzieren, sollten wir uns aufeinander einlassen und wechselseitig zuhören.

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, nur wenige Monate nach mir nicht in Göttingen, sondern in Jena geboren, nur 200 Kilometer entfernt, hat gerade in einem berührenden Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit unter der Überschrift „Die Mauer ist nicht gefallen“ (28.9.2017) über die Kränkungen und Traumata seiner, nein, unserer Generation geschrieben. Ich muss gestehen, ich habe es nicht gewusst, wie stark dieses Gefühl bei vielen Menschen angewachsen ist, seiner Identität, seiner Lebensgeschichte, seines Stolzes beraubt worden zu sein. Oberender stellt wichtige Fragen: „Warum sprechen wir, wenn wir über Dekolonialisierung sprechen, nicht auch über das Zusammenkommen der zwei deutschen Staaten? Was ist aus den Runden Tischen geworden?“ Nein, es ist nicht fair, dass es immer noch, 28 Jahre nach dem Mauerfall, ein Gefälle im Ost- und Westgehalt gibt, und es gibt noch viele andere Ungerechtigkeiten. Das muss sich ändern.

Wenn Oberender zu Recht schreibt, dass es Zeit sei, sich andere Geschichten anzuhören, weil sie uns bereichern, dann kann ich nur antworten: Ja, genau darum muss es gehen, nur darin kann unsere gemeinsame Chance liegen, fast dreißig Jahre danach. Doch ist dabei zu beachten, dass es erstens ein Prozess ist, bei dem wir geduldig Schicht um Schicht abtragen müssen, um unerzählte, vergessene oder unterdrückte Geschichten zu erzählen; dass zweitens nicht die Kunst, die im 20. Jahrhundert viel zu oft in unheiligen Allianzen benutzt worden ist, alles heilen kann; und dass es drittens notwendig ist, unsere jeweiligen Sprecherperspektiven zu kennzeichnen, aber dabei alle gelten zu lassen, ohne Vorurteile, in Demut und Neugier, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht.

Der öffentliche Auftrag besagt, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden für alle Menschen da sein müssen. Wie aber diesem Auftrag gerecht werden? Die einen wünschen sich, Dresdner Maler wieder vermehrt im Albertinum zu sehen, die anderen fordern Positionen des 20. Jahrhunderts ein, welche durch den Lauf der Geschichte in den Dresdner Sammlungen schmerzlich fehlen. Außerdem wird zeitgenössische Kunst vermisst.

Auch hierzu gehört die Überwindung von zwischen West und Ost verfestigten Bewertungsmustern. Dies hat kürzlich die Performancekünstlerin Else Gabriel im Magazin Monopol kritisiert: „Insbesondere die ,inoffizielle‘ künstlerische Produktion in der DDR wird meist rein historisch betrachtet. Das hat mit Gewohnheitsrecht zu tun. Man bleibt mit der Deutungshoheit gern unter sich ...“ Grundsätzlich sind, dies betont auch Hilke Wagner, die Werke der Künstlerinnen, die in der Zeit der DDR tätig waren, noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein.

Viele der besten Künstlerinnen und Künstler kommen aus dem Osten. Manche sind in den Westen gegangen, hängen aber mit großer Liebe an ihrer ehemaligen Heimat. Von daher schmerzt es mich besonders, wenn ich Anti-Haltungen gegenüber denjenigen, die weggegangen sind, erleben muss: gerade im Fall des Dresdner Künstlers Gerhard Richter, der mit seinem Werk eine Mittlerfigur zwischen Ost und West darstellt, der die Pole von Gegenständlichkeit und Abstraktion vereint.

Meines Erachtens müssen wir die uns anvertrauten Werke grundsätzlich im Zusammenhang und Dialog denken, auf Grundlage vertiefter Kenntnisse und Forschung in interdisziplinären Zusammenhängen. Aktuell forschen die SKD unter anderem zu Themen wie DDR-Design oder der Vermittlungs- und Bildungsarbeit während der Zeit der DDR. Auch ist es wesentlich für die kommenden Generationen, dass wir die Sammlungen der SKD erweitern, gerade im Hinblick auf unerzählte Geschichten und eine übergreifende Narration.

Der radikal moderne Kunstbegriff, dem Freiheit, Subjektivität und Vorrang der Form bis hin zur Abstraktion verbürgt sind, gilt zu Recht als unverzichtbar, aber das bedeutet nicht, dass er der einzig denkbare ist. Das hatte Walter Grasskamp schon am 28.9.1990 in der Zeit betont. Und zur Debatte um Kunst in der DDR: „... die Fronten sind alt, dieser Krieg war nie kalt.“

Inzwischen sind 27 Jahre vergangen, manches braucht eben mindestens eine Generation. In der letzten Zeit aber konnte man einen überraschend freien Umgang mit realistischer Kunst des 20. Jahrhunderts beobachten, die in vielen Ländern der Welt unter unterschiedlichsten politischen Bedingungen entstand. Ich glaube, dass die Beschäftigung mit globaler Kunstgeschichte unseren Blick auch im Hinblick auf die eigene deutsch-deutsche Kunst geweitet hat. Lassen Sie uns diese Debatte doch als Anreiz nehmen, um den Austausch miteinander zu intensivieren.

Ein Anfang sei gemacht mit einer herzlichen Einladung ins Albertinum zur Diskussion über all diese Themen am 6. November ab 19 Uhr.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

>>> Dossier: Der Streit über die DDR-Kunst