erweiterte Suche
Freitag, 14.09.2018

Fragen an uns selbst

Statt Empörung und Resignation: Was lehren uns die jüngsten Ereignisse von Chemnitz? Ein Beitrag von Werner J. Patzelt aus der Reihe „Besorgte Bürger“.

Von Werner J. Patzelt

Prof. Werner J. Patzelt
Prof. Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Die Chemnitzer Ereignisse könnten einen zum Satiriker machen. Gemäß mancherlei Darstellungen scheint es ja so zu sein: „Da wurden, über das Erstechen eines eher dunkelhäutigen Linken hinaus, Dutzende von missliebigen Migranten und Antifa-Leuten von Hunderten Nazis durch Chemnitz gejagt und in versuchter Selbstjustiz fast gelyncht. Hoffentlich bereitet der Verfassungsschutz bald das Verbot der AfD vor, die das alles herbeiagitiert hat!“ Besser als Empörung oder Resignation wären aber Lehren aus dem Geschehenen – und zwar am besten für einen selbst, nicht anklageartig für andere. Vielleicht helfen dabei die folgenden Fragen:

Bin ich am Kennenlernen von Tatsachen interessiert, und zwar gerade dann, wenn sie meinen Vermutungen widersprechen? Höre ich politisch Andersdenkenden in der Absicht zu, ihre Weltsicht und Wünsche zu verstehen – oder vor allem, um Ansatzpunkte eigener Angriffe zu finden? Gehe ich in politische Auseinandersetzungen mit der Bereitschaft, gemeinsamen Grund zu finden? Drehe ich Begriffe und Argumente gerne so hin, wie sie mir gerade passen? Empfinde ich Schadenfreude, wenn meinem Gegner Gewalt geschieht, gleich, ob rhetorisch oder körperlich? Befriedigen mich Verbrechen, wenn sie vorab vergebliche Warnungen bestätigen? Nutze ich üble Vorkommnisse zur Bestätigung von Vorurteilen? Mag ich es, wenn Kundgebungen solchen Leuten als Bühne dienen, mit denen ich zwar nur wenig übereinstimme, die aber größere Traute als ich für Handlungen haben, die zwar schlecht sind, doch meinem Anliegen wuchtvolle Aufmerksamkeit verschaffen? Schätze ich eine Art Abenteuerstimmung auf Demonstrationen? Suche ich körperliche Auseinandersetzungen? Habe ich den Mut, mich gerade ähnlich Gesinnten in den Weg zu stellen, wenn sie Regeln des Anstands oder gar Gesetze verletzen? Habe ich meine Gefühle in Lagen unter Kontrolle, in denen ich zur Aggression neige – und vermeide ich gegebenenfalls solche Situationen? Beeinflusst eine Art „Hass“ mein Denken oder Handeln, und wenn ja: in welchem Ausmaß? Wie viel Selbstgerechtigkeit findet sich in meinem Engagement?

Wäre es nicht gut, wenn möglichst viele – gerade nach Chemnitz – diese Fragen redlich beantworteten und gemeinwohlverträgliche Folgerungen zögen? Dann fangen wir alle am besten bei uns selber an …

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.