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Mittwoch, 07.03.2018

FDJ-Geburtstag mit Popstars aus dem Westen

Vo 30 Jahren spielten Depeche Mode ihr einziges Konzert in der DDR. Für alle, die damals dabei waren, ist das bis heute ein unvergessliches Erlebnis.

Von Andy Dallmann

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Offiziell das Geburtstagskonzert für die FDJ mit geladenen Gästen, in Wirklichkeit das einzige große Treffen der Depeche-Mode-Fans in der DDR: Dave Gahan und Kollegen traten ohne vorherige Ankündigung am 7.März1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf.
Offiziell das Geburtstagskonzert für die FDJ mit geladenen Gästen, in Wirklichkeit das einzige große Treffen der Depeche-Mode-Fans in der DDR: Dave Gahan und Kollegen traten ohne vorherige Ankündigung am 7. März 1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf.

© dpa/ADN

  • Offiziell das Geburtstagskonzert für die FDJ mit geladenen Gästen, in Wirklichkeit das einzige große Treffen der Depeche-Mode-Fans in der DDR: Dave Gahan und Kollegen traten ohne vorherige Ankündigung am 7.März1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf.
    Offiziell das Geburtstagskonzert für die FDJ mit geladenen Gästen, in Wirklichkeit das einzige große Treffen der Depeche-Mode-Fans in der DDR: Dave Gahan und Kollegen traten ohne vorherige Ankündigung am 7. März 1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf.
  • Marcus Großer mit seiner ersten Depeche-Mode-Platte.
    Marcus Großer mit seiner ersten Depeche-Mode-Platte.

Wofür Marcus Großer eben all sein Geld ausgegeben hatte, wusste er nicht wirklich. Auf dem labbrigen Stück Papier stand in schlichtem Blau lediglich FDJ- und DT64-Geburtstagskonzert in Berlin, Hauptstadt der DDR – Werner-Seelenbinder-Halle. Darunter deutlich kleiner: Montag, den 7. März 1988, 19 Uhr, Einlass 18 Uhr. Kein Wort zum Programm, kein Hinweis darauf, dass bei diesem Geburtstagskonzert tatsächlich Depeche Mode mitmischen würden. „Aber ich war mir absolut sicher, gleich meine Helden live zu sehen“, erinnert sich Großer. „Und wie mir ging es Tausenden Jugendlichen, die sich an diesem Abend hochgradig erregt in den Straßen um die Halle herumdrückten.“

Alle waren sie einem bloßen Gerücht gefolgt, keiner kannte Fakten. „Leute von einem Depeche-Mode-Fanklub aus dem Westen hatten Wochen zuvor aufgeschnappt, dass die Band in der DDR spielen sollte. Davon hörten Freunde von mir, die deshalb unentwegt beim Jugendsender DT64 anriefen und schließlich in die Redaktion durchgestellt wurden.“ Eine klare Antwort bekamen sie nicht, doch ebenso wenig wurde dementiert, dass die Band am 7. März auftreten würde. Großer: „Das war uns Bestätigung genug.“

Alles Geld für ein Stück Papier

Der Dresdner, jetzt 47 und Werkstättenchef der Staatsoperette, machte damals eine Tischlerlehre und nahm sich den Montag frei. Mit seiner Striesener DepecheMode-Fan-Clique war er bereits am Wochenende nach Berlin gefahren, feierte ein bisschen und wollte vor allem möglichst früh vor Ort sein. „Es war merkwürdig: Keiner von uns hatte eine Karte, keiner zweifelte daran, irgendwie reinzukommen.“

In der Nähe der Seelenbinder-Halle lungerten tatsächlich jede Menge Ticketverkäufer herum, doch waren sie alle auf maximalen Profit aus. „Einer von uns schlug sofort zu – für 450 Mark hatte er sein Ticket“, so Marcus Großer. Für ihn eine utopische Summe. Entsprechend skeptisch bewertete er seine Chancen und hätte fast schon aufgegeben.

Doch einer seiner bereits mit einer Karte versorgten Freunde sprang ihm bei. „Der Verkäufer, ein absoluter Durchschnittsjugendlicher, wollte ursprünglich 300 Mark fürs Ticket haben.“ Großer konnte nur 70 Mark, zehn D-Mark und fünf D-Mark als Forumscheck bieten. Viel zu wenig, der Mann suchte schon nach solventeren Kunden. Doch Großer schüttete als Zugabe all sein Kleingeld aus dem Portemonnaie, sein Freund redete wie ein Wasserfall, und schließlich war der Kartenbesitzer weichgekocht: Entnervt willigte er in den Deal ein. Großer hatte nun gar nichts mehr, nur noch dieses seltsam nichtssagende Stück Papier. Dafür konnte er mit seiner Truppe endlich in die Halle einrücken.

„Es gab unfassbar viele Sicherheitsleute, die aber nur die Besucherströme ordneten, nichts und niemanden kontrollierten.“ Ein Freund sei unbehelligt mit seiner Spiegelreflexkamera durchmarschiert, was sich bald jedoch als fatal erwiesen habe: „Im Gedränge ging der Apparat sofort kaputt, nicht ein Foto konnte er von der Show machen.“ Andere sollen gar Kassettenrekorder mitgeschleppt und während des Konzertes Aufnahmen gemacht haben. Durchweg alle fühlten sich jedoch in eine völlig neue Erlebnissphäre befördert. „Eine Stimmung wie vor, während und nach diesem Konzert habe ich seither nie wieder erlebt“, sagt Marcus Großer. Dabei ging die Show zunächst nach hinten los. Ein stilisiertes Megafon, wie es die Band auf Plattencovern verwendete, prangte am Bühnenhimmel und reichte den Fans als sicheres Indiz dafür, dass Depeche Mode gleich spielen werden. Doch plötzlich spulte die DDR-Band Mixed Pickles ihr Programm ab.

Großer: „Vom ersten Ton an wurden die ausgebuht; in diesem Lärm ging ihre Musik förmlich unter, nach höchstens einer halben Stunde hatte die Truppe resigniert und verschwand.“ Kurz danach rief Dave Gahan „Good evening, East Berlin“, und Marcus Großer hatte die Welt um sich herum vergessen. „Keine Ahnung, wie es sonst in der Halle aussah oder wo die Toiletten waren, ich steckte in einem völlig irren Traum und wollte da nie wieder raus.“ Auch wenn er die Band inzwischen mehr als 15 Mal gesehen hat, brannte sich nur diese Show fast minutiös in sein Gedächtnis ein. „Schließlich dachte ich ja damals, diese zwei Stunden müssen für mein ganzes Leben reichen.“ Der übergroßen Euphorie folgte bald die kalte Ernüchterung. „Ich musste am nächsten Tag arbeiten, also dringend zurück nach Dresden“, erzählt Großer. Doch er hatte keinen Pfennig mehr in der Tasche. Im Zug suchte er sofort den Schaffner, beschrieb diesem sein Geldproblem und erntete Verständnis. „Er wollte meinen Ausweis sehen, dann unterschrieb ich irgendwas und durfte die Fahrkarten am nächsten Tag nachbezahlen.“ Pünktlich und noch immer völlig aufgekratzt habe er am 8. März 1988 in der Werkstatt und dort vor einer Wand aus Unglauben gestanden. Keiner seiner Kollegen wollte Großer abnehmen, dass er am Abend zuvor beim Depeche-Mode-Konzert gewesen war. Er hatte ein Ufo gesehen und fuhr die üblichen Reaktionen ein. Bis die DDR-Medien das Ganze bestätigten, etwa kurz und knapp mit einer Bildnachricht in der Jungen Welt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 21 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Berg

    Ich hätte mir zwei, drei Sätze sachkundige Erklärung gewünscht, warum eine so große und feste Fangemeinde ausgerechnet Depeche Mode verehrt: Musik? Texte? Sound? Gehabe? Noch heute ziehen Fans durch Deutschland zu Depeche-Mode-Treffs - so auch an der Frauenkirche in Kirstens Pianosalon, wenn Lars Arnold Depeche Mode am Flügel interpretiert.

  2. Der Schweißer

    @Berg: Auf welche Musik stehen Sie? Kann man das rational erklären? Aber wieder mal ein Beitrag von Ihnen untern dem Motto "Hauptsache seinen Senf dazu geben".

  3. DuliebeGüte

    @1 Berg: Ob einem Musik gefällt oder nicht, ist immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich z. B. frage mich, woher bei zahlreichen Mitbürgern die Begeisterung für Helene Fischer kommt. Aber dafür erwarte ich von einer Zeitung nicht ernsthaft eine sachliche Begründung.

  4. Berg

    Aber mein lieben Herren Kritiker: warum ziehen Sie über mich her? Worauf ich stehe und die Fischer haben damit nichts zu tun! Und: selbstverständlich kann Musik beschrieben werden. Ich hätte mir eben ein paar Sätze gewünscht über die Depeche Mode Musik. . - Kennt Ihr die Texte? Dann schildert doch mal, um was da gesungen wird. Kennt Ihr die Harmoniefolgen? Dann schildert einfach mal den Reiz. Oder isses die Stimmlage des Leadsängers? - Es hat mich einfach bei diesem Depeche-Mode-Konzert im Kirsten-Pianosalon erstaunt, dass das Publikum aus ganz Deutschland angereist war, in schwarzen Kostümen dasaß und anschließend mit Lars Arnold lieb Selfies gemacht hat. Ich habe den ganzen Abend gefilmt und unterhalte mich gerne mal mit Kennern. Aber zu denen gehört Ihr beide offenbar nicht. Wenn doch, dann bitte gerne etwas zum Thema. Um micht braucht Ihr Euch nicht zu sorgen.

  5. DuliebeGüte

    @4 Berg: Aber, aber - warum so gnatzig? Machen Sie es doch so wie ich: Wenn mich interessiert, was andere Menschen an gewisser Musik fasziniert, dann lasse ich sie mir nicht beschreiben, sondern höre sie mir SELBER an. Im konkreten Fall kann ich nur sagen, dass ich seit Mitte der 80er (dank Lutz Bertram, "Electronics" bei DT64) Fan bin. Aber noch einmal: Das spielt sich auf der Ebene der Emotio ab. Für Ihren offenbar eher akademischen Ansatz (Ratio) empfehle ich die einschlägige Fachliteratur. Immerhin ist diese Band seit dreieinhalb Jahrzehnten im Geschäft - zu komplex für diesen Rahmen.

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