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Samstag, 31.05.2014

Fast Food für die Augen

Wenn nur Gucken nicht mehr reicht: Ein Film erzählt vom Aufstieg und Fall der Peepshows.

Von Judith Marx

So geht Peepshow: Geld rein – Klappe auf – Gucken – Klappe zu. Vielleicht gab es dann gerade auf der Drehscheibe Tänzerin Lola zu sehen – in einer der letzten deutschen Peepshows in Bochum.
So geht Peepshow: Geld rein – Klappe auf – Gucken – Klappe zu. Vielleicht gab es dann gerade auf der Drehscheibe Tänzerin Lola zu sehen – in einer der letzten deutschen Peepshows in Bochum.

© Arte/Tanja Häring

Es gibt romantischere Orte, schönere und aufregendere als eine kleine Kabine. Ein Kästchen, sozusagen, von dem aus man durch ein kleines Fenster sehen kann, wie sich eine Frau auszieht.

Die Peepshow ist ein Auslaufmodell. Porno-Webcams haben sie verdrängt, die legalisierte Prostitution macht sie reizlos. Dabei waren Peepshows einst eine kleine Revolution: Ein Sicht-Loch ermöglichte den Einblick in eine verbotene Welt, ein paar Münzen, ein paar Minuten. Fast Food für die Augen.

Der Arte-Film „Klappe zu“ erzählt heute die Geschichte der Peepshows. Was im ersten Moment ein bisschen anrüchig klingt, handelt in Wahrheit von einer Revolution. Regisseur Matthias Schmidt begibt sich für seinen Film auf Spurensuche nach New York, wo es 1972 die erste Peepshow gab. Er fragt Sexualwissenschaftler und Soziologen nach der Lust am Verborgenen und stattet einer der letzten deutschen Peepshows in Bochum einen Besuch ab.

Das vermeintlich Schmuddelige bekommt nur in subtilen Bildern Raum: die Putzflasche neben einer Kabine, ein wenig glamouröser Backstage-Bereich. Erst erstaunt es, dass die Tänzerinnen, die zu Wort kommen, ihren Beruf als einen selbstbestimmten empfinden. Sie selbst, sagen sie, haben es in der Hand, sie bestimmen, wie weit sie gehen, sie fühlen sich sicher, weil eine Scheibe zwischen ihnen und den Männern ist.

Wenn die Betreiberinnen des genossenschaftlich organisierten Peepshow-Clubs Lusty Lady in San Francisco sagen: „Wir sind Feministinnen“, dann bekommt die Peepshow etwas Stolzes. Und etwas Anachronistisches: die Lusty Lady schloss vor einem Jahr für immer ihre Klappen.

Heute gibt es Porno-Häppchen aus dem Internet, heute ist Prostitution legal. Die dagegen unschuldig wirkenden Peepshows haben ausgedient. Ihr Image ist nicht mehr touristenwirksam, in Hamburg werden die letzten Schilder abgeschraubt. Die Geschichte der Peepshows ist also auch die Geschichte einer Gesellschaft, die die Lust am Verborgenen verloren hat.

„Klappe zu – vom Kommen und Gehen der Peepshows“, Sonnabend, 23.15 Uhr, Arte

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