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Dienstag, 28.11.2017

Extremisten als ungeliebte Kinder

Aufgestaute Zerstörungsenergie entlädt sich in Wut und Hass. Ein Analytiker fragt: Wie kann man den Stecker ziehen?

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Extremisten unter sich: Antifa-Aktivisten haben eine Barrikade angezündet, um den Aufmarsch von Neonazis zu unterbinden. Andreas Peglau versucht in seinem Buch zu ergründen, warum sich Jugendliche radikalisieren.
Extremisten unter sich: Antifa-Aktivisten haben eine Barrikade angezündet, um den Aufmarsch von Neonazis zu unterbinden. Andreas Peglau versucht in seinem Buch zu ergründen, warum sich Jugendliche radikalisieren.

© dapd

Rechtsextremismus, oder besser Extremismus allgemein, ist nicht mehr mit Begriffen aus dem vorigen Jahrhundert zu fassen. Es sei denn, so Psychoanalytiker und Gesellschaftsforscher Andreas Peglau, man dockt an einen vergessenen Seelenforscher an, der schon dem Faschismus von 1933 unter massenpsychologischen Gesichtspunkten auf den Grund ging: Wilhelm Reich, Vater der Körperpsychotherapie und Lebensenergieforscher. Er hat 2017 seinen 120. Geburts- und 60. Todestag, wird jedoch weitgehend ignoriert. „Das ist bitter, weil er es anders verdient hätte“, schreibt Peglau in seinem Buch „Rechtsruck im 21. Jahrhundert“.

Schon Reich fragte nach allgemeinem neurotischen Verhalten. Dass der Psychoanalytiker bei seiner Charakteranalyse sozialen Institionen wie Familie, Kindereinrichtung oder Schule nachwies, dass sie extremistisches Verhalten ausbrüten, liegt bis heute teils quer zum Zeitgeist. Doch unter dem zunehmenden Druck des Rechtsrucks in Europa finden sich immer mehr Intellektuelle wie Hans-Joachim Maaz, die Reichs Forschungen aufnehmen. Wie Andreas Peglau, Autor des Analyse-Standardwerks „Unpolitische Wissenschaft?“.

Was ist mit den Menschen, die unter Verlusterfahrungen und Zukunftsängsten leiden? Werden sie nur durch einfache Antworten rechter Parteien angezogen? Warum verhalten sie sich – bei tieferem Nachdenken – im Gegensatz zu ihren Interessen? Wieso können oder wollen sie die „vernebelnde, verführende, hypnotisierende Rolle extremistischer Ansichten“ – rechts wie links – nicht erkennen? Peglaus zentrale Frage lautet: „Wieso machen Arbeitslosigkeit und Existenzunsicherheit reaktionär statt revolutionär?“ Er sucht mit Wilhelm Reich in seinem Buch nach einem tieferen Verständnis sozialer Phänomene. Allein sozioökonomische Antworten stellen ihn nicht zufrieden.

Und ewig wühlt der Todestrieb

Ist das Glas des Menschlichen bei Neugeborenen voll oder leer? Was ist unser biologisches Programm? Das ist beileibe keine abwegige Diskussion: Schon seit Siegmund Freud wird untersucht, ob Menschen von Natur aus gut sind oder einen „Todestrieb“ in sich tragen. Daraus folgt die Frage: Braucht das sich entwickelnde Kind Erziehung oder Begleitung? Für Andreas Peglau ist das nicht dasselbe. Die Geister scheiden sich am gebotenen „Umgang mit der angeborenen Fähigkeit zur Selbstregulation“. Und an der Reaktion der Umwelt auf das, was nicht „in der Norm“ liegt. Extremisten und Terroristen sind eigentlich ungeliebte Kinder; diese Einsicht ist nicht neu. Was aber wird getan, um dagegen anzugehen?

Der Autor konstatiert bis heute auch im aufgeklärten westlichen Europa Gefühlsunterdrückung und Angepasstheit, die Erziehung autoritärer Charaktere in der Familie und im wirtschaftlichen Leben. Neurosen, das heißt seelische Gestörtheit, benennt er in vielen ganz alltäglichen Formen: Die Haltung der (katholischen) Kirche zu Abtreibung und Homosexualität mit gefühlsunterdrückender Wirkung. Die allgemeine Duldung oder gar Befürwortung von „Rüstungsexporten, Kriegseinsätzen und außenpolitischer Aggressionsbereitschaft“. Erziehung zu gesellschaftlicher Unterordnung und ungesunder Anpassung in Familie, Schule und Berufsleben („Beizeiten krümmt sich, was ein Haken werden will“). Massenhaft misshandelte und vernachlässigte oder sogar missbrauchte Kinder, „die durch Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wie mies es ihnen geht“. Sexuelle Gewalt und Tabuisierung gesunder Körperlichkeit. All dies untermauert Andreas Peglau mit aufwendigen Belegen, die das Lesen teilweise langweilig machen. Da muss leider ganz viel pauschal herhalten: das Patriarchat und die Ausbeutung der Dritten Welt, ja der Kapitalismus schlechthin. Wirklich interessant wird es wieder, als Peglau auf die angebliche Unvereinbarkeit von Neoliberalismus und Demokratie kommt. „Wirkliche Mitbestimmung als wirtschaftliches Geschäftsrisiko.“ Ein Postulat des Sozialdarwinismus. Aber: Der Mensch tritt lieber nach unten, als dass er die Konfrontation mit den Wirtschaftsmächtigen sucht, die die einst dominanten Eltern repräsentieren. So strebt destruktives Potenzial eher suchtartig die Zustimmung für charismatische Führungsfiguren an. Der Kampf gegen Ausländer, Andersdenkende, Andersartige wird gespeist von frühkindlichen Frustrationen.

Wie aber könnte psychosoziale Besserung aussehen? Wenn man (Rechts)Extremismus als „Resultat fehlgeleiteter, pervertierter, ursprünglich jedoch gesunder Bedürfnisse und Motive“ anerkennt, müsste man laut Peglau auch sehen, dass „die meisten erwachsenen Deutschen“ in sich sowohl eine lebensfeindliche als auch eine lebensbejahende Position vereinen. „Die entscheidende Grenze verläuft auch hier nicht zwischen Parteien, sondern zwischen Persönlichkeitsanteilen.“

Der gute Kern wird überleben

Das anzuerkennen, hätte weitreichende praktische Konsequenzen: Eine schon kurz nach der Wende von Hans-Joachim Maaz geforderte allgemeine therapeutische Kultur: Aufarbeiten seelischer Störungen, Bewusstmachen aufgestauter Gefühle, Annehmen verdrängter Enttäuschung und nicht ausgedrückter Ernüchterung. In Ost wie in West. Links wie Rechts und auch in der Mitte. Trotz aller Skepsis zeigt Andreas Peglaus Buch einen Hoffnungsschimmer: „Der gute Kern eines Menschen kann nur verschüttet, aber nicht vernichtet werden.“

Andreas Peglau: Rechtsruck im 21. Jahrhundert. Nora Verlagsgemeinschaft, 174 S., 14,90 Euro