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Donnerstag, 08.11.2018 Stadtschreibers Sicht

Es gibt keine Vergangenheit

Mit dem Einbruch der Realität im Bauch eines Panzers veränderte sich plötzlich alles.

Von Kurt Drawert

Kurt Drawert
Kurt Drawert

© Christian Juppe

Wenn ich jetzt auf der Wilsdruffer Straße stehe, vor dem Haus Nummer 9, dann schaue ich unwillkürlich zu den Fenstern der zweiten Etage hinauf, von denen aus ich früher auf die Straße hinab sah, als wir hier einmal wohnten, ich, gerade aus brandenburgischer Provinz nach Dresden gekommen, ein anderer, ein Fremder, der lange nicht ankommen sollte als ein „Preuße“ in Sachsen.

Eines Tages im späten August 68, die Nachrichten waren voll von Meldungen eines drohenden Krieges und dem Aufstand der Massen in Prag, standen wir, Kinder und Seid-bereit-Pioniere, mit wehendem Halstuch am Straßenrand, sie zu begrüßen, die ruhmreiche Sowjetarmee, die nun in ein anderes Land einmarschierte, um den Frieden zu sichern. Ich sehe mir von heute aus zu, wie ich am Bürgersteig der Ernst-Thälmann-Straße, so hieß sie damals, vor dem Hauseingang stehe und ängstlich auf einen Panzer schaue, von dem aus ein Soldat nun zu mir schaut und mit Gesten zu verstehen gibt, ich möge doch zu ihm herauf und in den Panzer steigen, in dem ich mich kurz daraufhin dann auch tatsächlich befand wie Jonas im Bauch eines Wals.

Während die Männer lachend und freundlich mir alles zeigen, überkommt mich eine ohnmächtige Angst, eine Panik, eine Ahnung des Untergangs und des Todes. Ich will, so schnell es irgendwie geht, wieder hinaus, uninteressiert an aller Technik, die für andere meines Alters eine Leidenschaft war. Ich war berührt worden von etwas, das kalt war und dunkel und auf unbestimmte Weise unheimlich. In diesem Moment bin ich erwachsen geworden, nicht biologisch, aber im Denken. Dieser Einbruch einer Realität, die das Gegenteil der inszenierten Harmonie war, des verordneten Glücks und der Ordnung, die immer diese eine herrliche Ordnung sein sollte, hatte alles in mir verändert.

Ich dachte, von diesem Augenblick an, der sich mir tief ins Gedächtnis einbrannte, das Gegenteil aller Behauptungen mit, dieses Andere, für das es keine Sprache gab im System meiner kleinen schulischen Welt, die eine Welt der Erwachsenen war und ihrer autoritären Ideologie. So lagen auch die Fragen sehr nahe, auf die ich zu dieser Zeit keine Antworten finden konnte: Was macht ein Land militärisch in einem anderen, und kann das noch Recht sein? Dieser Schnittpunkt zwischen Subjekt, Bewusstsein und Geschichte, wie er sich für mich plötzlich aufgezeigt hatte, bestimmte fortan mein Leben und führte zu Verwerfungen, von denen ich vorher nichts wusste. Vielleicht auch, und es ist gewiss nur Vermutung, bin ich dadurch, dass mir Wege nicht mehr offenstanden, Schriftsteller geworden. Nicht durch das eine, starke Ereignis, sondern weil es etwas über sich Hinausweisendes ausgelöst hatte und zu einer Spur geworden war.

So erinnere ich es heute, ein halbes Jahrhundert danach, und stehe doch an einem sonnigen Tag im Oktober an eben jener Stelle, die sich mir biografisch so tief eingeschrieben hat, als wäre ich gerade das Kind. Denn es gibt keine Zeit, die nicht von anderen Zeiten durchströmt wird, erinnert oder antizipiert. In der Kognitionswissenschaft wird der Modus für Gegenwart auf drei bis fünf Sekunden geschätzt. Das ist das schmale zeitliche Fenster, durch das wir einen Zugang zur Wirklichkeit haben und selber präsent sind. Aber selbst in dieser kurzen Sequenz sind Reiz und Reaktion durch die Verarbeitungsdauer von Informationen nicht kongruent, und das verfälscht auch die Antwort. Oder poetischer mit einem Distichon von Schiller gesagt: „Spricht die Seele, so spricht – ach! – schon die Seele nicht mehr.“ Wir sind also, sobald wir denken und reden, immer schon an einem anderen Ort, und das lässt die Gegenwart unerkennbar werden.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weswegen ich diese Episode erzähle, deren historischer Rahmen der Prager Frühling von 68 ist – sie ist nämlich auch die Erzählung von der Unabschließbarkeit der Geschichte und ihres Wirkens über sich selber hinaus. Hegel nennt es „das stumme Fortweben des Geistes im einfachen Inneren seiner Substanz“, und ich meine damit, dass es die DDR so lange gibt, solange sie in uns, die sie erlebten, ihre Bilder behält, ihre Stimmungen und ihren Ton, ihre Sprache und ihre Gestalt. Ein System ist auf der Ebene der Instanzen und Institutionen schnell abgewickelt. Seine Kultur aber, jener tiefe innere Text, der die Gewohnheiten und Kodes einer kollektiven Verständigung prägte, wirkt so lange fort, solange die Menschen, die es verinnerlicht haben, noch leben. Und nichts ist verständlicher.

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