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Montag, 11.06.2018

Es darf ein bisschen mehr sein

Die Festspiele 2018 sind Geschichte – die eines Erfolges. Es gab wieder Sternstunden der Musik. Die Kasse stimmte. Doch Plätze blieben leer. Ist damit eine Grenze erreicht?

Von Bernd Klempnow

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Einer der ganz Großen am Cello strich mehrfach bei den Festspielen sein Holz: Mischa Maisky. Er feierte konzertant im Kulturpalast mit seinen Kindern seinen 70.Geburtstag. Auch diese Novität gehört zur diesjährigen guten Bilanz.
Einer der ganz Großen am Cello strich mehrfach bei den Festspielen sein Holz: Mischa Maisky. Er feierte konzertant im Kulturpalast mit seinen Kindern seinen 70. Geburtstag. Auch diese Novität gehört zur diesjährigen guten Bilanz.

© Oliver Killig

Noch einmal Musik vom Feinsten: „Trostlos, langweilig, die reine Greisenproduktion“, sei das Konzert für Violine, Violoncello und Orchester von Johannes Brahms, schrieben Kritiker der Uraufführung 1888. Die Herren hatten offenbar etwas an den Ohren. Jedenfalls so, wie das vitale Festspielorchester am Sonntag im Abschluss-Konzert der Dresdner Musikfestspiele dieses Werk interpretierte, war der Zuhörer emotional gepackt und bestens unterhalten. Was auch am Zusammenspiel der Solisten, dem Cellisten und Festspiel-Intendanten Jan Vogler und dem Geiger Thomas Zehetmair, mit dem Dirigenten Ivor Bolton zu erfahren war. Die „Greisenproduktion“ toppten die Musiker dann noch mit Robert Schumanns 3. Sinfonie. Ein starker, romantischer Abschluss für ein Festival, das weiter auf Erfolgskurs ist.

Seit dem 10. Mai hatte es insgesamt 67 Veranstaltungen gegeben. Mehr als 1 500 Künstler aus aller Welt sorgten an 24 Spielstätten in der Landeshauptstadt für eine mitreißende Festivalstimmung. Rund 56 000 Besucher aus dem In- und Ausland erlagen der Magie der Musik. Die Bilanz fällt entsprechend aus: Nicht nur die Veranstaltungszahl und die der Besucher wuchs, auch die Ticketeinnahmen fallen noch höher aus als im Rekordjahr 2017: Sie konnten von 1,4 Millionen auf 1,54 Millionen Euro gesteigert werden.

Damit ist das von der Stadt Dresden – angesichts des städtischen Anspruches auf Weltniveau – chronisch unterfinanzierte Festival das größte im Osten und auch international eines der bedeutendsten.

Allerdings lag die Auslastung nur noch bei 91 Prozent. Es gab einige Konzerte, die nicht ausverkauft waren – obwohl teilweise Publikumslieblinge wie Hélène Grimaud angekündigt und die Programme wie das der amerikanischen Mezzosopranistin Joyce DiDonato spitze waren. Vielleicht ist mit der Konzertanzahl in der vergleichsweise kleinen Stadt Dresden doch eine Kapazitäts- und/oder Finanzgrenze erreicht. Der Dresdner geht schon vergleichsweise häufig ins Theater und Konzert – etwa ein Drittel mehr als der Berliner und Münchner. Und die preiswerten Karten waren auch alle sofort weg. Aber für manch potenziellen „Mehrfachbesucher“ dürften die oberen Kategorien mit um die 75 und 95 Euro nicht zu stemmen sein. Möglicherweise hat auch der Kulturpalast nach über einem Jahr nicht mehr die Zugkraft des Anfangs, als alle unbedingt hinein wollten.

Freilich: Die Festspiele haben mit bejubelten Gastspielen etwa von Orchestern wie dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Daniele Gatti mit dem Pianisten Daniil Trifonov und dem grandiosen Schubert-Abend mit Pianist Radu Lupu den neuen Saal weiter im Reigen der internationalen Top-Konzerthäuser etabliert.

„Dresden zeigte sich in den Festspielwochen von seiner besten Seite: inspirierende Spielstätten, ein Traumpublikum, wegweisende Aufführungen, internationale Besucher und eine positive Atmosphäre – eine europäische Kulturhauptstadt. Wir sind stolz, mit fantastischen Künstlern, visionären Projekten und großer Vielfalt Signale für kulturelle Verständigung in die Welt gesandt zu haben“, so Jan Vogler.

Erstaunlich ist, dass der Intendant bei seinem nunmehr zehnten Festival-Jahrgang immer noch neue künstlerische Akzente zu setzen versteht. Das gelang zum einen mit der einzigartigen „Cellomania“. Bei ihr feierten 20 der besten Cellisten ein Festival im Festival. Die Starcellisten gaben zudem Meisterkurse. So profitieren auch die Studenten von den Festwochen.

Neue Akzente ist die wieder stärkere Hinwendung zu neuer Musik. Weltweite Aufmerksamkeit erreichte unlängst die Uraufführung der „Buddha Passion“ des chinesischen Komponisten Tan Dun durch die Münchner Philharmoniker. Für das monumentale Werk hatte sich das Festival gut vernetzt. Neben den New Yorker Philharmonikern waren auch die Philharmoniker von Los Angeles Philharmonic und das Melbourne Symphony Orchestra beteiligt. Tan Dun hatte sofort eingewilligt, die Uraufführung an die Elbe zu geben, weil er 1984 bei den Festspielen zu Gast war und starke Eindrücke mit nach heim genommen hatte.

Künftig soll es jedes Jahr eine Weltpremiere geben. Damit, so Vogler, könne das Festival eine hohe Dynamik entfalten und die Eigeneinnahmen weiter verbessern.

Etabliert haben sich Formate wie die Club-Reihe „Classical Beats“, die Kooperation „Sound & Science“ mit der Technischen Universität und das Mitmachprojekt „Klingende Stadt“. Und mit dem seit Generationen beliebten Open Air „Dresden singt & musiziert“ wird über den klassischen Konzertsaal hinaus ein breites Publikum erreicht. Deswegen sollte es für 2019 heißen: Es darf ruhig ein wenig mehr sein – noch schärfer kalkuliert, noch origineller und gern immer wieder auch so trostlos und langweilig wie der Brahms zum Abschluss.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Dresdnerin II

    Und wer hat nun den Publikumspreis der Klingenden Stadt bekommen? Als gewittervertriebende bin ich neugierig. Ansonsten teile ich die Einschätzung, wähle meine Veranstaltungen auch nach Bürgernähe. Die öffentliche (!) Kulturpreisverleihung hätte ich beinahe verpasst, obwohl Programm gewälzt.

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