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Sonntag, 25.07.2010

Er hat dem Stein mit Hammer und Meißel etwas hinzugefügt

Der Bildhauer Werner Stötzer hat die deutsche Kunstlandschaft geprägt. Jetzt ist er im Altervon 79 Jahren gestorben.

Von Birgit Grimm

Werner Stötzer schrieb 1994: „Es wird nie so werden, wie ich es mir denke. Es wird Stellen geben, an denen meine Vorstellungen von Form einigermaßen erscheinen, aber schon das sich wandelnde Licht des Tages macht die Form unwürdig, etwas Fremdes ist zwischen dem Gegenstand und mir, und wieder beginnt der Kampf, zugegeben ein schöner Vorgang.“

Fertig war der Bildhauer nie. Und er war immer hin und her gerissen, hat gezweifelt und gekämpft, um unabhängig zu bleiben in der DDR. Das hat ihn umgetrieben, aber es hat ihn nicht verbittert. Das, was er mit sich selbst ausfechten musste, verinnerlichte er in der Kunst. Seine Themen waren Werden und Vergehen, waren das Leben und die Liebe, die Freude und das Leid.

Werner Stötzer stammte aus dem thüringischen Sonneberg, geboren wurde er am 2. April 1931. Er wuchs in Steinach auf, wurde an der Industriefachschule in Sonneberg zum Keramikmodelleur ausgebildet und studierte von 1949 bis 1951 an der Weimarer Hochschule für Baukunst und Bildende Künste, danach zwei Jahre in Dresden bei Eugen Hoffmann und Walter Arnold. Meisterschüler wurde er an der Berliner Akademie der Künste bei Gustav Seitz. Erst durch Seitz habe er zum Beruf gefunden, bekannte Stötzer später. Bei Seitz wurde er Menschenbildner, formte seine Figuren in Wachs und Ton, um sie in Bronze gießen zu lassen. Einen Pakt mit dem Stein schloss er Mitte der 1960er-Jahre, nachdem er seine großen österreichischen Bildhauerkollegen Fritz Wotruba und Alfred Hrdlicka in Wien kennengelernt hatte.

Stötzer konnte die Figur nur nach einer Ideenskizze aus dem Block schlagen. Er schuf spröde Frauenfiguren und Torsi, er personifizierte Flüsse. „Werra“ und „Saale“ heißen Arbeiten von ihm.

1985 vollendete er das fünfteilige Marmorrelief „Alte Welt“ am Marx-Engels-Forum in Berlin. Zehn Jahre hatte er daran gearbeitet. Ein Jahr später schuf er den Torso „Engel mit gebrochenem Flügel“ – ein Sinnbild seiner eigenen Situation, eine Metapher seines eigenen Befindens in der DDR.

Stötzers Pakt mit dem Stein hielt bis ans Lebensende. Der Bildhauer starb am Donnerstag im Alter von 79 Jahren im brandenburgischen Altlangsow. Er war schon seit längerer Zeit sehr krank. Öffentlich thematisiert hat er diese Krankheit nie. Das gehörte für ihn nicht zur Kunst, und kunstferne Gespräche führte er sowieso nur ungern. Was ihm durch den Kopf ging bei der Arbeit, das schrieb er auch nieder. Erschienen sind diese Notizen in dem Büchlein „Gedanken und Motive“. Er konnte hinreißend Anekdoten erzählen und kluge Gedanken witzig formulieren.

Noch besser beherrschte er nur die Sprache des Steins. Stötzer war ein großer Bildhauer. Einer, der dem Stein sehr viel hinzufügte, indem er ihm mit Hammer und Meißel jeden Tag etwas wegnahm.