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Freitag, 20.04.2018

Ende der Ära Mössinger in Chemnitz

Ingrid Mössinger ist ein Glücksfall für Chemnitz. Mit Ehrgeiz und Geschick hat sie die Stadt wieder zu einem Hotspot der Kunst gemacht - und selbst an Ansehen gewonnen.

Von Simona Block

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Ingrid Mössinger in den Kunstsammlungen Chemnitz neben dem einzigen und ältesten erhaltenen Plastilin-Modell für den Bronzeguss „Benediction“ des Bildhauers Jacques Lipchitz (1891-1973).
Ingrid Mössinger in den Kunstsammlungen Chemnitz neben dem einzigen und ältesten erhaltenen Plastilin-Modell für den Bronzeguss „Benediction“ des Bildhauers Jacques Lipchitz (1891-1973).

© Hendrik Schmidt/dpa

Chemnitz. Baselitz im Gunzenhauser, Dix im Haupthaus, moderne Lichtkunst an der Fassade: Zum Ende ihrer Amtszeit zündet Ingrid Mössinger noch ein Feuerwerk in den Kunstsammlungen Chemnitz.

Bevor die stets extravagant gekleidete Kunsthistorikerin ihr Büro in dem über 100 Jahre alten Museumsgebäude räumt, legt sie noch zwei Publikationen vor und eröffnet hochkarätige Ausstellungen. „Mein letzter Arbeitstag ist der 30. April“, sagt die Schwäbin, die vor über zwei Jahrzehnten ihre Leidenschaft für die in Vergessenheit geratene, auch von der Kunst geprägte Gründerjahre-Stadt entdeckte.

1992 war die Grande Dame der deutschen Museumswelt zum ersten Mal dort, wo die Expressionisten und Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff einst gemeinsam zur Schule gingen. „Das muss eine interessante Stadt sein, wenn so tolle Leute hierherkommen“, erinnert sie sich an ihre Gedanken - und schwärmt von der „tollen Architektur“. Vier Jahre später wurde sie Direktorin der Kunstsammlungen, die Malerei, Grafik und Textilien aus dem 16. bis 21. Jahrhundert bewahren.

In Pariser Chic, elegant und extravagant, stach die Museumschefin seither bei Empfängen und Vernissagen auch in der Landeshauptstadt Dresden oder in Leipzig sofort heraus aus dem Publikum. Auf den ersten Blick wirkt sie streng und unnahbar, dabei ist Mössinger nur zurückhaltend. So bald das Gespräch auf Kunst kommt, sprudeln Geschichten aus ihrem Mund, zuletzt über Dix und Chemnitz. Bevor sie geht, sorgt sie damit noch für die Zeit nach ihrer Ära für Zustrom im Museum Gunzenhauser und in den Kunstsammlungen: mit einem ganzen Haus voller Dix und einem Baselitz-Festival.

„Mutige und kluge Entscheidungen“

„Sie war eine der ersten Museumsdirektorinnen, die mein Werk nach der Wende mehrfach und umfangreich in Ostdeutschland präsentiert hat“, sagt Georg Baselitz, der ihr seit langem verbunden ist. Er lobt ihre „mutigen und klugen Entscheidungen“ für die Museumsarbeit in Chemnitz - und schenkt dafür drei Gemälde. Dank Mössinger hängt auch ein Raum voll Kirchner-Gemälde und der Bestand an Schmidt-Rottluff-Werken wuchs auf über 450 Werke an. „Beide Künstler sind eng mit der Stadt verbunden gewesen.“ Und sie entdeckte, dass auch Edvard Munch - wie Lionel Feininger - in Chemnitz war.

Werke der beiden Künstler gewann sie ebenso für die von Bürgern begründete Sammlung wie Grafik von Mattheuer oder Gemälde von Neo Rauch. „Es war alles da, ich musste es nur aufwecken“, lächelt die zierliche Frau, deren Renommee mit ihren Projekten wuchs. Die gebürtige Stuttgarterin ist Keine, die lautstark prahlt. Die vielfach Ausgezeichnete kann sich Bescheidenheit leisten: gleich zwei Mal wurde sie zum Ritter geschlagen - in Frankreich und in Dänemark.

Wenn sie etwas will, ist sie eine beharrliche Verhandlungspartnerin. Mit Charme und Ehrgeiz holte sie Meisterwerke in die Provinz - als Schenkungen, Erwerbungen oder Dauerleihgaben. Ausstellungen wie „Picasso et les femmes“, für die sie 2002 Frauenbildnisse des Meisters aus der ganzen Welt leihen konnte, Russischer Avantgarde oder Fotos von Marilyn Monroe sorgten für Aufsehen in der Kunstwelt und lockten auch kunstfernes Publikum an.

„Ingrid die Große“

Mit der weltweit ersten Museumspräsentation der Zeichnungen und Aquarelle von Bob Dylan brachte sie Chemnitz sogar in „New York Times“ und „Herald Tribune“. Zäh und zielstrebig, mit Kompetenz und Intuition umgarnte sie feinsinnig Künstler, umwarb Sammler und gewann Mäzene für den vergessenen Kunstort. Die „Zeit“ taufte sie „Ingrid die Große“, Karl Otto Götz machte aus ihrem Namenszug ein Kunstwerk und die Berliner Galeristenfamilie Bastian schenkte ihre hochkarätige Kollektion internationaler Kunst nach Chemnitz - als Hommage an die Direktorin.

Auch Alfred Gunzenhauser gab seine bedeutende Privatsammlung deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts nach Chemnitz, in ein eigenes Museum. Mit großer Passion für Kunst machte Mössinger bei Stiftungen und Spendern Geld locker, um Chemnitz auf die Karte der Kunstwelt zurück zu bringen. „Sie hat die Kunsttraditionen der einst reichen Stadt wiederbelebt“ und sie als „Stadt der Moderne“ maßgeblich mitgestaltet, lobt Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD). „Ich habe tolle Sachen machen können und mehr erreicht, als ich erwartet habe“, resümiert Mössinger, die sich auf Freizeit in der Heimat freut. „Ich brauche eine kreative Pause.“ (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Schwejk

    Dank dieser großartigen Frau und ihrer unglaublichen Leistungen in Chemnitz hat der Name "Ingrid" in Sachsen endlich wieder eine positive Konnotation! Der größte Dank an Ingrid: hingehen, angucken - Besucherrekorde brechen.

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