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Dienstag, 06.03.2018

Einsturz bürgerlicher Fassaden

Die populäre Komödie „Der Vorname“ entlarvt die Lebenslügen – auch jene in puncto vermeintlicher Toleranz.

Von Christian Ruf

Die Idylle trügt, bald fetzt sich die Tischrunde gehörig.
Die Idylle trügt, bald fetzt sich die Tischrunde gehörig.

© Jörg Metzner

Frei nach Schiller sagt der Volksmund gern: „Treibe niemals mit Entsetzen Scherz.“ Und was tut Vincent, als er als Gast zum Essen bei seiner Schwester Elisabeth und deren Mann, dem Literaturprofessor Pierre Garaud, erscheint? Er scherzt, aber erst mal kauft ihm jeder ab, dass er seinen Sohn Adolphe nennen will, was auch im Französischen phonetisch so klingt, als müsste das Kind denselben Vornamen wie Hitler tragen. Die Tischrunde ist fassungslos, mag der als begnadeter Selbstdarsteller und Witzereißer berüchtigte Vincent auch noch so versichern, dass der Name dem Roman von Benjamin Constant „Adolphe“ entnommen wurde.

„Der Vorname“ lautet der Titel einer auch erfolgreich verfilmten Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, die vor allem 2013/14 landauf landab an deutschen Bühnen gespielt wurde. Nun hatte am Sonnabend Thomas Roths Inszenierung für das Mittelsächsische Theater in Döbeln Premiere – und wer böser Komik und sarkastischem Wortwitz etwas abgewinnen kann, sollte auf seine Kosten kommen, zumal die fünf Akteure auf der Bühne ihre Sache richtig gut machen, allen voran Martin Ennulat als Vincent und Andreas Kuznick als Pierre. Mit Wonne geben sie die beiden gallischen (Kampf-)Gockel, denen alsbald noch wegen ganz anderer Bösartigkeiten und Sticheleien, die man partout austauschen „musste“, der Kamm geschwollen ist und die nun aufeinander einhacken. Höhnisch fragt Vincent den „Salonmarxisten“ Pierre, ob es eine „Untergrenze für Todesopfer“ gibt, ob also der Vorname Jack trotz einem Mörder wie Jack the Ripper in Ordnung geht?

Eitelkeit trifft auf Eitelkeit, heftige Wortgefechte werden mit Lust, aber durchaus lange mit Niveau ausgetragen. Auch in anderen Punkten zeigt sich bald, dass die Grenzen dessen, was als tolerierbar gilt, denn doch ein wenig enger gesteckt sind, als das bürgerliche Selbstverständnis das wahrhaben will. Das Stück entlarvt hinreißend selbstgefällige Lebenslügen und bizarre Klischees. Gefragt wird nicht zuletzt, ob es vielleicht Dinge gibt, die selbst in einer guten Freundschaft besser verschwiegen werden. Die Botschaft ist klar: Es geht wohl nicht ohne Kompromisse, sie sind wie das Salz in der Suppe.

Wieder am: 11.  und 13. 3. in Freiberg; Kartentel. 03731 358235

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