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Freitag, 08.06.2018

Einer trage des anderen Last

Das Ballett der Semperoper tanzt spektakulär den Wahnsinn und andere Gemütszustände. Das Publikum tobt, die Musiker machen frühzeitig Feierabend.

Von Bernd Klempnow

Alice Mariani lässt sich von Jon Vallejo fortbewegen.
Alice Mariani lässt sich von Jon Vallejo fortbewegen.

© Ian Whalen

Das Ballett der Semperoper hat derzeit einen guten Lauf. Zum dritten Mal in Folge hat es nun eine Premiere vorgelegt, für die man jeden einzelnen Tänzer und den Ballettchef Aaron Watkin umarmen möchte. Natürlich: Ein Kritiker tut das nicht. Mal abgesehen davon, ob das den Herrschaften gefallen würde. Daher auf diesem Weg – Applaus, Applaus, Applaus!

Endlich kann die schon seit Jahren best trainierte und hoch leistungsfähige Compagnie durchgängig Stücke zeigen, in der sie ihre Qualitäten zur Geltung bringen kann oder es demnächst tun wird. Nach dem traumwandlerischen Mehrteiler „Verlorenes Land“ im Mai 2017 und dem Herz wie Seele schweben lassenden „Sommernachtstraum“ vom März kam nun der dreiteilige Abend „100 Grad Celsius“ heraus. Und so, wie das Publikum jubelte, wurde zwar diese Temperatur nicht erreicht, aber mindestens der Siedepunkt!

Zum Titel „100 Grad Celsius“ sagt Ballettchef Aaron Watkin: „Er impliziert nicht nur im augenscheinlichen Sinne explosive Körperlichkeit, sondern steht gleichermaßen für die Feinfühligkeit dieses Abends, der mit Arbeiten Justin Pecks, Jiri Kylians und Hofesh Shechters drei weltbekannte Tanzspezialisten vereint.“ Das klingt sehr nach verschwurbeltem Dramaturgendeutsch, ist aber nicht nur Wunschdenken.

Los geht es mit dem Amerikaner Justin Peck, dem 27-jährigen Boy-Wonder aus New York. 2015 erregte der mit dem zum wuchtigen Klavierkonzert D-Dur von Bohuslav Martinu hochmusikalisch arrangierten „Heatscape“ große Aufmerksamkeit. Das Stück hat Schauwert, wenn einzelne Tänzer oder Duos aus immer neuen, prismatisch anmutenden Ensembles ausbrechen. Noch gelingt manchem Akteur nicht die nötige Perfektion dieser auf die markanten Rhythmen choreografierten Bewegungen. Doch das wird – sicher.

Interessant: Nach dieser ersten von drei halben Stunden verabschiedet sich die Staatskapelle in den Feierabend. So wenig zu tun für einen bezahlten Dienst ist Verschwendung. Diese Frage scheint aber niemandem in der Intendanz wichtig zu sein.

Feiert „Heatscape“ die Lebenslust, so frönt die Uraufführung „Corpse de Ballet“ auf skurrile, kraftvolle Weise dem Totentanz. Der Israeli Hofesh Shechter hat ihn in Improvisationen mit den Tänzern zum Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ erarbeitet – ein Gruppenrausch.

Doch das Topstück des Abends steuert wieder einmal der Tscheche Jiri Kylian mit „Gods and Dogs“ von 2008 zu Beethoven bei. Der Künstler, von dem schon viele wunderbare, oft recht humorvolle Arbeiten im Dresdner Repertoire sind, fabuliert ungemein dynamische, mit unerwarteten Drehungen, Hebungen und Sprüngen gespickte Grenzgänge zwischen Normalität und Wahnsinn. Man kann ihm dabei folgen, wenn er die „unsichtbare Linie krankhafter Verrücktheit“ überschreitet. Man kann aber auch einfach nur genießen, mit welcher Intensität sich die Tänzer wie Alice Mariani und Jon Vallejo auf diese verblüffende, atemraubende Ästhetik einlassen.

Wieder am 10. und 15. Juni, 1. und 5. Juli sowie 9., 13. und 17. September; Kartentel. 0351 4911705

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