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Freitag, 15.06.2018

„Ein Witz ist eine Befreiung von Regeln“

In seinem neuen Kindertheaterstück sucht ein Regisseur in Dresden nach den Grenzen des Humors.

Nils Zapfe bringt politischen Witz für Kinder auf die Bühne.
Nils Zapfe bringt politischen Witz für Kinder auf die Bühne.

© Ronald Bonß

Betitelt ist Nils Zapfes neues Stück mit einer Art Flachwitz: „Was ist klein, grün und hat drei Augen?“ Der Regisseur des Theaters Junge Generation arbeitet in dem Forschungstheater zusammen mit dem Kabarettisten Manfred Breschke. Wer das Stück besucht, ist zum Lachen eingeladen. Aber auch zum Hinterfragen.

Nahezu jeder kennt die klassischen Fritzchen-Witze. Erwachsene verdrehen die Augen, Kinder lachen laut. Wieso?

Der kindliche Humor ist viel naiver, der beschäftigt sich mit anderen Regeln als der Humor Erwachsener. Bei Fürzen oder Rülpsern auf der Bühne kann man mit dem Lacher rechnen. Das ist der klassische Blick auf den kindlichen Humor. Ich glaube aber, da ist sehr viel mehr möglich. Denn ein Witz ist immer auch eine Befreiung und eine Thematisierung von Regeln.

Sie haben für das Stück viel mit Kindern zusammengearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei am meisten überrascht?

Mir ist aufgefallen, dass der oder die Zehnjährige eigentlich ein angelerntes Moralverständnis hat. Das funktioniert zum Beispiel, wenn jemand stolpert und sich verletzt. Da können Kinder schnell einschätzen, dass sie nicht lachen dürfen. Alles, was außerhalb dieses Moralverständnisses ist, wird schwerer. Also: Darf ich einen Witz über Veganerinnen machen? Oder über Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung? Da gibt es viel weniger einen klaren Kompass. Das zu untersuchen war für uns auch interessant. Wir haben zum Beispiel über Autoritäten nachgedacht: Witze über Lehrer führen immer zum Lacher, weil das Machtverhältnis für die Kinder so klar ist. Ein Witz über den Bundespräsidenten, zum Beispiel, erreicht Kinder weniger, weil ihnen das politische System weniger bekannt ist.

Wie weit darf ein Witz dabei gehen?

Ich finde es schwierig, dass der Witz immer stärker ist als der Diskurs selbst. Der Lacher bleibt im Gedächtnis. Deshalb müssen manche Witze auch zurückgehalten werden. Zum Beispiel rassistische: Das Hygienemuseum hat diese bei seiner aktuell laufenden Ausstellung über Rassismus nicht aufgenommen, um sie nicht noch weiter in die Welt zu setzen. Lachen ist eine starke Emotion.

Welche Grenzen wollen Sie ausloten?

Wir wollen spielerisch über Grenzen nachdenken. Der Witz soll zwar unterhalten. Er soll aber auch als Schlüssel im Diskurs wirken. Was heißt es, wenn ich Witze über Anwesende mache? Was ist das für ein komisches Missverhältnis, dass ich über Gewalt lachen kann, wenn sie auf der Bühne passiert? Darf ich das? Auf der Straße würde ich da eben nicht lachen. Ich möchte mit der Arbeit Gesprächsanlässe schaffen. Die Diskussion aufreißen. Helfen, eine Position zu finden.

Wieso ein Theaterstück über Humor?

Es geht uns nicht darum, Themen zu finden, von denen wir wissen, dass Kinder sie lustig finden. Das wären die Fritzchen-Witze. Diese Witze sind es, die Kinder erzählen, wenn Erwachsene sie fragen, was sie lustig finden. Denn sie wissen, dass diese in Ordnung sind. Uns geht es darum, zu überlegen: Was können wir als Bühnenkünstler tun, damit Kinder sich mit der Welt beschäftigen? Wie kann man politische Themen mit Kindern verhandeln? Das birgt zunächst einmal einen großen Widerspruch, weil es ein erwachsenes Interesse ist, mit Kindern über Politik zu reden. Es geht erstmal darum, zu untersuchen, ob der Humor ein Schlüssel sein kann in eine ganz andere Welt von Diskursen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Kinder interessiert ein Witz über Merkel nur mäßig, uns Erwachsene interessiert ein Witz über Lehrer nicht so sehr. Ich suche die Schnittstelle. Technik etwa interessiert uns alle, zum Beispiel sprechende Maschinen. Da läuten wir eine neue Zeit ein, da können wir mitgestalten. Technik wird bei uns auf der Bühne deshalb eine große Rolle spielen.

Ihr Partner Manfred Breschke macht politisches Kabarett. Wie sieht Politik auf der Bühne im Kindertheater aus?

Bei uns spielen eine Schauspielerin und ein Schauspieler mit – und eine künstliche Intelligenz. Diese soll im Laufe der Zeit lernen, was lustig ist. Wir bauen quasi eine Testreihe für die Maschine, die eine Art große Alexa ist, ein sprachgesteuerter Computer. Es gibt Witze, politisches Kabarett, eine Parodie, eine Intrige, kippende Machtverhältnisse. Wir gehen durch die verschiedenen Genres des Witzes. Die Kinder im Publikum votieren dann, ob eine Szene lustig war oder nicht. Das wird dann ins System eingespeist. Wohin das führen kann, das sollen sich die Kinder hinterher fragen.

Das Interview führte Theresa Hellwig.

„Was ist klein, grün und hat drei Augen?“ für Zuschauer ab zehn Jahre hat am 16.6., 18 Uhr, Premiere am Theater Junge Generation, DD; Karten: 0351 32042777