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Dienstag, 17.04.2018

Ein kleines bisschen die Welt verbessern ...

1989 organisierten drei Freunde in Dresden ein Untergrund-Filmfestival. Schon im Folgejahr explodierte es.

Von Oliver Reinhard

Hoch soll’n wir leben: „Somewhere Home“ erzählt die Geschichte der Thüringerin Margret, die als Vertreterin ihres Karnevalsvereins in die USA reist, wo diese Tradition unter den Nachkommen deutscher Einwanderer ebenfalls noch sehr lebendig ist. Der Film läuft am Freitag in der Mitteldeutschen Filmnacht im Dresdner Kino Schauburg.
Hoch soll’n wir leben: „Somewhere Home“ erzählt die Geschichte der Thüringerin Margret, die als Vertreterin ihres Karnevalsvereins in die USA reist, wo diese Tradition unter den Nachkommen deutscher Einwanderer ebenfalls noch sehr lebendig ist. Der Film läuft am Freitag in der Mitteldeutschen Filmnacht im Dresdner Kino Schauburg.

© Filmfest

Die Jugend. Immer dieses Ungestüm! Ständig bringt sie Menschen hervor, die etwas verändern wollen. Am liebsten die ganze Welt. Da das 1989 in der DDR aus Reichweite-Gründen schwierig ist, nimmt sich der 24-jährige Jörg Polenz immerhin vor, sein Land zu verändern. Mit den Mitteln des Films. Mit einem Filmfest. Das ist zwar nicht die Kernaufgabe des Kulturwissenschaftlers. Aber da man ihm eh nicht gesagt hat, worin genau sein erster Job beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Süd, Abteilung Kultur, eigentlich besteht, gründet er halt auf eigene Kappe ein Filmfest.

Vorbild sind jene Abende mit Kino, Musik und Diskussionen, die der damalige Schauburg-Leiter Wolfgang Zimmermann veranstaltet. „Das war großartig“, erinnert sich Jörg Polenz. „Genau so etwas schwebte mir vor, in konzentrierter Form.“ In Polen, in Russland – überall ist 1989 der Ostblock in Bewegung geraten. Nur in der DDR nicht. Also wollen Polenz und seine Freunde Andrej Krabbe und Matthias Pfitzner selber für Bewegung sorgen. Es ist die Geburtsstunde des Filmfests Dresden.

Die Stasi hat da ein paar Einwände

Dessen Premiere läuft allerdings nicht ganz so ab wie erhofft. „Ich bin nach Berlin gefahren, habe dort Kulturinstitute abgeklappert, das Russische, das Polnische, das Französische, das Ungarische, das Italienische, und denen von unserer Idee erzählt“, sagt Polenz. Überall ist man angetan. Überall hilft man. Vor allem mit Filmen. Schon bald steht das Programm fürs „1. Filmfest Dresden Süd“, das im Kino Olympia, dem Filmklub Prohlis und an der Pädagogischen Hochschule stattfinden soll.

Aber kaum hängen die selbst entworfenen Plakate, wird Jörg Polenz einbestellt: „Bezirksfilmdirektion, FDJ und Stasi waren von unserer Eigenmächtigkeit überhaupt nicht amüsiert.“ Ebenso wenig vom Inhalt vieler Filme des Klassenfeindes, sogar welcher aus Russland, die allzu sehr den Geist von Perestroika und Glasnost atmen. Darüber sollen auch noch politische Diskussionen stattfinden? Und Konzerte drumrum? Die Bezirksmacht reagiert entschieden: Die Plakate müssen wieder runter, zwölf Filme fliegen aus dem Programm, es gibt Auftritts- und Redeverbote.

Doch Frank Apel, ebenfalls in der Bezirksfilmdirektion, aber Filmfreak (und später langjähriger Schauburg-Betreiber), kann für Ersatz sorgen. Weil die Zensurmaßnahmen publik werden, strömt im März 1989 noch mehr Publikum zum Filmfest Süd – jetzt erst recht. Einige verbotene Filme zeigen die Macher dennoch, spätnachts. Kurz nach dem Filmfest ist Jörg Polenz seinen Kulturposten los. „Drei Monate – der kürzeste Job, den ich je hatte.“

Acht Monate später hat sich der Wind gedreht. Weitere vier Monate darauf bringt er die Segel des zweiten Filmfestes fast zum Zerreißen. „Jetzt konnten wir alles zeigen, was wir vorher nicht sehen durften“, erinnert sich Matthias Pfitzner. Der Hunger ist riesig, das Angebot auch. Schon kurz nach dem Mauerfall haben Polenz, Pfitzner und Krabbe Kontakte zur Berlinale geknüpft, zu West-Verleihen, zu Regisseuren. Auch von der Stadt kommt Unterstützung. Und die Fortsetzung des Festivals sprengt alle vorherigen Dimensionen. Es gibt 70 Prozent DDR-Erstaufführungen mit Langstreifen, Werkschauen, Untergrund, Kommerz, Konzerte, Länderprogramme, Experimente. Zum Teil in Spielstätten, die es bald schon nicht mehr geben wird. Und mit 30 000 Besuchern. Das ist bis heute einsamer Zuschauerrekord. Damit hat auch das Wort „Süd“ im Titel ausgedient. Seither gibt es nur noch das „Filmfest Dresden“.

Schon im Folgejahr entwickelt sich die Veranstaltung in jene Richtung, in der sie ihre wahre Identität finden soll. Gedacht als reines Publikumsfestival mit ausschließlich Langfilmen ohne Jury und Preise, trudeln immer mehr Videokassetten mit kurzen Bewerbungsbeiträgen ein. Ausgerechnet daraus stellen die Macher den ersten Wettbewerb zusammen, in drei Programmen laufen Filme aus Ost und West mit maximal 45 Minuten Länge. Wieder ein Jahr später, 1992, gibt es auch den ersten Animationsfilmwettbewerb.

Gleichwohl geht es mit dem Filmfest Dresden nicht nur bergauf. Bereits beim dritten Jahrgang macht sich Publikumsschwund bemerkbar; der große Hunger, der Nachholbedarf ist allmählich gestillt. „Wir haben schnell festgestellt, dass es nicht mehr reicht, irgendwelche Spielfilme zu zeigen“, sagt Andrej Krabbe. „Das übernahmen die Programmkinos.“ Auch mit dem Begriff „Independentfilm“ habe man jetzt Schwierigkeiten, bekennt 1995 die von Polenz, Krabbe und Matthias Pfitzner gegründete Filminitiative Dresden e. V. (die das Filmfest bis heute ausrichtet). Künftig solle es um Kurzfilme gehen.

Wir tanzen auf der Titanic

Das funktioniert. Kurz nach der Neuausrichtung sind viele Vorstellungen im 1996 bezogenen Hauptspielort Schauburg ausverkauft. Das Filmfest wird wieder Kult, durch die Programme, die vielen Gäste, zunehmend auch durch den Ruf als Party-Garant. Es ist eine Zeit, in der sich immer wieder immer neue Veranstalter in Dresden richtig was trauen. Der Künstler Pfelder gründet den Festivalclub Dagmar, 1996 gibt man sich im Parkhotel tänzerischen Exzessen hin, 1998 organisiert Holger John im Kraftwerk Mitte auf vier Decks die „Titanic“-Party“, im Dresdner Feiersektor ungefähr das, was in Berlin 1989 der Mauertanz war: Jeder, der dabei war, wird dieses Ereignis nicht vergessen. Leider kann nie wieder eine Party so ganz daran anknüpfen, weder die „Monopoly“-Schaffe auf dem alten Messegelände noch die „James Bond Party“ mit Tatort-Mann Miroslav Nemec samt Swing-Band im Hygiene Museum.

Im „Kerngeschäft“ allerdings setzt in den Zweitausendern nochmals eine Aufwärtsbewegung ein. Die Sponsoren zeigen sich großzügig, auch öffentliche Fördermittel von Stadt und Land werden angemessener portioniert. Da die gute alte Schauburg die wachsenden Publikumszahlen nur noch mühsam verkraften kann, sucht Festivaldirektor Robin Mallick einen neuen Hauptstandort und findet ihn 2003 im Metropolis-Multiplex am Waldschlösschenareal. Es kommt zu fruchtbaren internationalen Film-Partnerschaften, mit Japan, mit Quebec, die Bosch-Stiftung finanziert dem Fest ein internationales Austauschforum für den Filmnachwuchs.

Das freut nicht alle. Einige traditionelle Fans haben den Eindruck, das Filmfest Dresden entferne sich immer weiter von seinen Wurzeln. Sie dürfen zu jenen gehören, die sich 2010 am meisten darüber freuen, dass das Metropolis schließt und das Festival zurückzieht in die Schauburg, zurück in die quirlige Neustadt, wo sein Stammpublikum logiert.

Auch an anderen Stellen zieht Bescheidenheit ein. Wichtige Sponsoren verabschieden sich, nicht alle können ersetzt werden. Ab 2011 teilt sich ein Damentrio das Direktorium, mischt das Fest mit vielen neuen und etlichen richtig guten Ideen auf, bekommt aber irgendwann untereinander chemische Probleme. 2017 geht eine Direktorin, werden die Verträge der beiden anderen nicht verlängert; es ist ein stiller, irgendwie verdruckster, jedenfalls kein sonderlich würdiger Abschied für diese Ära.

Nun scheint das Fest erst einmal zu sich kommen zu wollen. An seiner Spitze steht Sylke Gottlebe, die von 1997 bis 2001 schon einmal Direktorin gewesen ist. Es wird nicht an ihr liegen, sondern an den nicht nur in Deutschland sehr turbulenten Zeiten: Ein Blick ins aktuelle Programm zeigt, dass Dresdens nie unpolitisch gewesenes Internationales Filmfestival im Jubiläumsjahr 2018 so politisch sein wird wie seit Langem nicht mehr. Fast hat es den Eindruck, es wolle im Kleinen sein, was die Berlinale im Großen ist. Und ein bisschen die Welt verändern. Wie vor 30 Jahren.

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