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Montag, 30.03.2009

„Ein goldenes Mundstück habe ich nie besessen“

Jazz-Trompeter Till Brönner lehrt ab Herbst an Dresdens Musikhochschule. Vorab spricht er über Lehrstunden, Hitparaden und sein großes Glück mit Nana Mouskouri.

Herr Brönner, was hat Dresden, dass Sie sich für die hiesige Musikhochschule entschieden haben, wo doch viele andere Häuser Sie auch gern hätten?

Mich fasziniert die riesige Musiktradition in Dresden. Wo, wenn nicht in Sachsen haben die Blechbläser immer was zu tun gehabt. Für die Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ sprechen mehrere Dinge. Die Arbeitsbedingungen sind sehr gut. Das Gebäude ist eines der schönsten Musikschul-Gebäude in Deutschland und verfügt jetzt auch über einen wirklich großen Konzertsaal. Der Jazz hat immer eine wichtige Rolle an der Dresdner Hochschule gespielt. Ich sehe hier die riesige Chance, zusammen mit Malte Burba nicht nur die Jazzer, sondern Blechbläser generell besser auszubilden, als es bislang an Hochschulen üblich war.

Rektor Stefan Gies hofft auf eine „europaweit einmalige Eliteausbildung“. Was wollen Sie neu und anders machen?

Blechbläser erzeugen im Gegensatz zu anderen Instrumentalisten ja immer die Töne mit dem Körper. Anders als etwa ein Pianist, der über die Tasten mit Hämmern die Saiten anschlägt. Der Blechbläser muss also die Technik der Tonerzeugung beherrschen und sollte zugleich ein guter Interpret sein. Bisher stellten die Hochschulen entweder die technische oder die musikalische Seite in den Mittelpunkt. Wir aber wollen quasi den ganzheitlichen Blechbläser, denn nur dann ist er auch konkurrenzfähig. Seit Jahren praktizieren Malte Burba und ich dies mit Erfolg in der freien Szene. Dass dieses innovative, arbeitsteilige Unterrichtskonzept jetzt an einer Hochschule startet, ist eine große Herausforderung.

Seit 2000 unterrichten Sie gelegentlich. Was macht den Reiz dieser Arbeit aus?

Es macht Spaß und bereichert, sich von jüngeren Generationen deren Sicht auf das Instrument und den Jazz erläutern zu lassen. Die jungen Leute haben ein ganz anderes Wissen als noch zu meiner Zeit. Zugleich stelle ich immer wieder fest, dass die Studenten wenig brauchbare Repertoire-Kenntnis haben. Aber nur über dieses Wissen kann die eigene Stimme erwachsen.

Sie teilen sich mit Malte Burba die Professorenstelle für eine vorerst zweijährige Probezeit. Wie oft werden Sie tatsächlich in Dresden anwesend sein?

Obwohl ich natürlich meine Solokarriere weiter fortsetzen möchte, bin ich an einer regelmäßigen Arbeit in Dresden interessiert. Ich will mit dem Dresdner Team, das sich wirklich sehen lassen kann, als Nächstes einen Schlachtplan entwickeln, wie man die Jazz-Abteilung noch besser profilieren kann. Zudem wollen wir schon bei den nächsten Aufnahmeprüfungen jene jungen Musiker auswählen, die der Jazz-Abteilung bereits kurzfristig ein noch besseres Gesicht verleihen könnten. Die Stadt hat einen ganz eigenen Geist, und was musikalisch in Dresden losging und losgeht, ist doch toll. Ich freue mich auf diese Arbeit.

Haben Sie noch Ihre alten Platten vom Dresdner Trompeter Ludwig Güttler?

Ich habe sie nicht nur, sondern höre sie ab und zu. Ich bin über die Jahre ein eher größerer Klassikfan geworden. Für mich wachsen die Welten immer enger zusammen, zumal ich ja von der Klassik kam. Warum soll sich das nicht auch in meiner Musik niederschlagen?

Sie spielten vor Ihrer Solokarriere acht Jahre in ZDF-Sendungen von Dieter Thomas Heck mit dem Rias-Tanzorchester auf – mit Gewinn oder Trauma?

Ich bekam damals mit 20 Jahren die Chance meines Lebens und erhielt in kürzester Zeit eine ganz konzentrierte Praxisausbildung. Ich bin dankbar für diese Zeit und könnte Anekdoten erzählen. Schließlich haben wir alle angesagten Interpreten begleitet. Das Fazit: Es gibt nur gute oder schlechte Musik. Letztere hinterlässt Spuren, schult aber auch. Es hat mich härter und sicherer werden lassen. Ich erkenne ganz schnell, ob Musik nur Mittel zum Zweck ist oder einen Hintergrund hat.

Was halten Sie von den heutigen Musiksendungen?

Fernsehsendungen, die sich mit Musik auseinandersetzen, gibt es kaum noch. In den großen Quotenbringern wie „Deutschland sucht den Superstar“ geht es nur noch um die Show. Über Musikinhalte oder deren Vielfalt zu reflektieren, ist dort nicht mal beabsichtigt.

Sie selbst arbeiten mit den unterschiedlichsten Gästen von Nana Mouskouri, über Curtis Stigers bis Yvonne Catterfeld. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Also, ich arbeitete ja nicht ständig mit diesen Künstlern. Aber ich versuche, für das jeweilige Projekt Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, und genau an solchen Schnittstellen passieren unglaublich interessante Dinge, die der Musik guttun. Yvonne Catterfeld beispielsweise finden Sie auf meinen Alben eher selten. Entdecke ich aber etwas, das zu ihr passt, dann arbeiten wir gern miteinander. Bei Nana Mouskouri können Sie aus dem Vollen schöpfen. Dieses Potenzial motiviert zu kleinen Höhenflügen. Merke ich aber, dass Dinge keinen Sinn machen, dann bin ich ganz schnell eine Staubwolke am Horizont.

Mit Ihrer Musik und Ihrem Charme sind Sie hingegen medial sehr präsent. Wie kommen Sie mit Ihrer Prominenz klar?

Ich habe über die Jahre im Kleinen wie im Großen versucht, zu vermitteln, was mir an Musik wichtig ist. Wenn darüber Öffentlichkeit entsteht, und die Musik, speziell der Jazz in den Mittelpunkt rückt, dann soll mir das recht sein. Dass zwischenzeitlich Interesse an Privatem aufkommt, ist eine Folge. Noch kann ich es ganz gut dosieren. Mir macht meine Arbeit Spaß. Für sie gehe ich gern in die Öffentlichkeit.

Und dann leben Sie auch mit Vergleichen wie der „David Beckham des Jazz“ und „Narziss mit goldenem Mundstück“ gut?

Nun ja, ein goldenes Mundstück habe ich nie besessen. Anfangs fand ich solch oberflächliche Begriffe komisch. Irgendwann ist mir klar geworden, dass diese Bezeichnungen demjenigen, der noch nie etwas von mir gehört oder mit Jazz nichts am Hut hat, in griffigen Worten erklären, womit er es zu tun hat. Wenn dann Interesse an meiner Musik oder dem Jazz besteht, man in die Konzerte geht, ist das doch okay. Und was spricht gegen David Beckham, der so toll Fußball gespielt hat?

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.