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Mittwoch, 10.01.2018

„Ein genialer Sound“

„Die tote Stadt“ der Semperoper avanciert zur Überraschung des Jahres in Dresden. „Man kann sich den Emotionen der Musik nicht entziehen“, sagt Tenor Fritz.

Von Bernd Klempnow

Liebe, die wahnsinnig ist und macht: Szene der Hauptdarsteller Manuela Uhl und Burkhard Fritz.
Liebe, die wahnsinnig ist und macht: Szene der Hauptdarsteller Manuela Uhl und Burkhard Fritz.

© David Baltzer

Dresden. Was der hiesige Opernfreund nicht kennt, hat selten eine Chance. Fast 100 Jahre lief der einst große Opernerfolg „Die tote Stadt“ von Erich Korngold nicht mehr in Dresden und jetzt kam das Stück in einer stimmig psychologisierenden Inszenierung heraus – doch das Publikum kommt nur zögerlich.

Dabei steigert sich die Handlung, die vom Wahnsinn eines Mannes erzählt, der seine verstorbene Frau in einer anderen wiederzuerkennen glaubt, dramatisch. Der Schluss wiederum überrascht, und die Musik bannt den Besucher. Die Zuschauer der ersten Vorstellungen feierten die Interpreten. Immerhin zeigte die jüngste, recht gut besuchte Aufführung: Es scheint sich herumzusprechen, dass die Semperoper mit der „Toten Stadt“ etwas Außergewöhnliches bietet.

„Ich habe bislang dreimal dieses fantastische Stück gesungen, aber eine so treffliche, cineastische Inszenierung wie die Dresdner war bislang nicht dabei“, sagt Hauptdarsteller Burkhard Fritz. Der Tenor aus Berlin tritt öfter in Dresden auf, unter anderem als Hoffmann und „Ariadne“-Bacchus, doch sein Paul ist eine extreme, eine schöne Interpretation. „Durch die Bekanntschaft einer jungen Tänzerin kommt Pauls gelähmtes Seelenwesen in Bewegung, öffnet er die verschütteten Schichten seiner Psyche. Doch erst eine Bluttat lässt ihn aus seinem Albtraum erwachen.“

Der 47-jährige Künstler schätzt solche Figuren, die sich verändern, verschiedene Farben haben. Oft genug singt er als Heldentenor die eher eindimensionalen Wagner-Figuren seines Fachs. „Da ist der Paul ein Geschenk.“ Zudem ist es die Musik, die es dem Künstler immer wieder neu antut. Der junge Komponist Korngold hat alles, was er um 1919 in Wien wie in einem Schmelztiegel hörte, hineingepackt: Wagner, Strauss, Operetten. Er komponierte so atemlos, dass Zwischenapplaus stören würde. Man hört die Romantik, die aber nicht rückblickend staubig klingt, sondern modern. Die bestechenden Leitmotive manipulieren in gewisser Weise den Zuhörer, sich den Emotionen bei der mitunter ziemlich dick instrumentierten Klangmassen zu entziehen, geht kaum.

Es ist wie die Musik zu einem Film. Nicht zufällig wurde Korngold nach seiner Emigration vor Nationalsozialisten zu einem der erfolgreichsten Hollywood-Komponisten. Burkhard Fritz sagt deshalb: „Wir singen zwar zweieinhalb Stunden lang volles Rohr. Aber es ist ein genialer, gut konsumierbarer Sound – wie geschaffen fürs Kino von Hitchcock bis Star Wars.“

Vorstellungen wieder am 21. 1. und 2. 2.; Kartentel. 0351 4911705

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