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Dienstag, 06.11.2018

Ein Dresdner Seitensprung und andere Seelenstürme

Von Karin Großmann

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Corinna Harfouch und Marcel Beyer machten Geschichte lebendig. Fotos: dpa
Corinna Harfouch und Marcel Beyer machten Geschichte lebendig. Fotos: dpa

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  • Corinna Harfouch und Marcel Beyer machten Geschichte lebendig. Fotos: dpa
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Die Wirklichkeit ordnet sich nur unter, wenn man sie sich ausdenkt. Diesen Satz schreibt Alexander Kluge dem Schriftsteller Karl May zu, als dieser sich bei seiner ersten großen Auslandsreise zurück an den Schreibtisch nach Radebeul sehnt. Der Satz passt auch zu Kluge selbst. Wie er in seinen Büchern und Filmen die Wirklichkeit schildert, so kann sie gar nicht sein, so verrückt, abwegig und absurd. Ist sie aber doch. Kluge gräbt lediglich Dinge aus, die andere übersehen. Er erkennt verborgene Zusammenhänge, hält das Unmöglichste für möglich und misstraut dem flotten Augenschein. Sein Vorbild ist die Fledermaus mit ihrer Neugier und Hellhörigkeit.

Fledermäuse lieben die Dämmerung und die Nacht. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass mit Alexander Kluge das Dresdner Literaturfest unter dem Motto „Sieg über die Sonne“ eröffnet wird. Weil aber der 86-jährige Universalkünstler wie Karl May seinen Schreibtisch liebt, übernahmen die Schauspielerin Corinna Harfouch und der Schriftsteller Marcel Beyer seinen Part am Sonntagabend im Dresdner Hygiene-Museum. Die aktuelle Ausstellung über die Sonne liefert den Hintergrund für das Festival „Literatur Jetzt!“. Bis zum Sonntag treten an die vierzig Künstler auf.

Napoleon wollte lieber ein Bad

Harfouch und Beyer lasen im Wechsel ein Dutzend Texte, die Alexander Kluge für diesen Abend komponiert hat. Wie in fast allen seinen Büchern schwingt Autobiografisches mit. Kluge ist zwar in Halberstadt geboren und in einem bildungsbürgerlichen Provinzhaushalt aufgewachsen, aber in Dresden hätte sich beinahe sein Schicksal entschieden. Da war er dreieinhalb.

Seine Mutter hatte in einem D-Zug einen eleganten Herrn aus der sächsischen Residenz kennengelernt, von dem sie sich ein anderes, schillernderes Leben erhoffte als in der profanen Ehe. Sie tarnte den Seitensprung als Besuch bei der Schwester in Dresden und nahm den Sohn als Unterpfand mit. In einer alkoholträchtigen Kneipennacht beschlossen Schwager und Ehemann die Rückkehr der Ungetreuen. Sie folgte dem Vorschlag, weil der Fremde zwar elegant, aber insolvent war, und neun Monate später kam das Versöhnungskind auf die Welt. Klein-Kluge fühlte sich entthront und reagierte empört. Später wurde die Schwester Alexandra seine innigste und beste Verbündete. Sie spielte auch in seinen Filmen mit.

Mit diesem Familienbild begann im gut gefüllten großen Saal des Museums ein Abend, der nicht auf übersichtlich beschilderten Autobahnen dahinbrauste, sondern sich über Waldwege schlängelte, Abzweigen folgte, Pausen einlegte und überraschende Durchblicke sichtbar machte. So etwas dauert. Es braucht Geduld. Es wurde ein langer Abend. „Waldwege sind mein Metier“, sagt Kluge.

Auch die Filmeinspiele zeigten ihn als unumstrittenen Meister der Assoziationen. Die Bilder, die er nebeneinandersetzt, haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Da lärmt ein Orchester aus kostümierten Spielzeugaffen in stumpfsinniger Fröhlichkeit vor sich hin. Da schreitet Donald Trump nebst Ehefrau in Endlosschleife winkend die Gangway eines Flugzeugs hinab. Bei Kluges Collagen kann sich jeder seins denken, notfalls um mehrere Ecken herum.

Am Ende führen alle Wege in die Geschichte. Und wieder spielt Dresden eine Rolle. Kluge erinnert an das welthistorische Duell im Palais Marcolini, als sich Napoleon 1813 mit Fürst Metternich traf und wütend ausrastete. So ist es überliefert. Alexander Kluge tut, was er immer tut. Er stellt Fragen: Wie glaubhaft ist das Zeugnis, das Metternich von dieser Begegnung gibt? Kann es sein, dass Napoleon mit seiner schauspielerischen Erfahrung den Wutanfall nur inszeniert hat? Was ist überhaupt Wut? Ein verdichteter Seelensturm? Und was bleibt von der Wut, wenn sie sich ausgetobt hat? Kluge vermutet: Der Kaiser wollte lieber ein heißes Bad als die Weltherrschaft.

Corinna Harfouch und Marcel Beyer stellen sich in den Dienst dieser Texte, mit erkennbarem Vergnügen und hoch konzentriert. Manche Szenen kommentiert die Schauspielerin mit den Händen. Andere Sätze stehen da wie für die Ewigkeit. Schleife drum und fertig. „Lichtstrahlen fielen auf ein Rhabarberblatt bei Oschersleben.“ Dann wird beschrieben, wie das Licht an der Wand spielt, hinter der gerade ein Film gedreht wird. Natürlich ist das Lichtspiel das Faszinierendere. Wirklichkeit und Kunst verbinden sich bei diesem Geschichtenerzähler und Lebenslaufsammler ganz selbstverständlich. In einer Erinnerung an das Freibad seiner Kinderzeit schreibt Kluge: Das Wichtigste waren die Astlöcher in den Brettern.

Bei „Literatur Jetzt!“ im Hygiene-Museum Dresden

sind an diesem Dienstag, 19 Uhr, die Autoren

Nora Gomringer und Georg Klein zu Gast.

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