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Dienstag, 09.10.2018

Ein Buch, ein Tänzchen, ein Feierlikör

Jahrzehnte im Musikgeschäft haben Udo Lindenberg in Erfolgshöhen katapultiert und durch seelische Täler geschickt. Jetzt erzählt er in seiner Biografie davon.

Von Johannes Neudecker

Ein Tänzchen auf dem Tresen kommt immer gut an: Udo Lindenberg ließ sich bei der Premiere seiner Autobiografie in der Berliner Bar Freundschaft nicht lange bitten.
Ein Tänzchen auf dem Tresen kommt immer gut an: Udo Lindenberg ließ sich bei der Premiere seiner Autobiografie in der Berliner Bar Freundschaft nicht lange bitten.

© dpa

Die Eckkneipe „Freundschaft“ in Berlin-Mitte. In schummrigem Licht sammeln sich gut einhundert Menschen an der ovalen Holztheke und warten auf den Star des Abends. Panik-Rocker Udo Lindenberg (72) hat zu einer Lesung eingeladen – seine Biografie „Udo“ ist gerade erschienen. Auf dem Programm stehen eine kurze Lesung und eine Musikeinlage. Aber Lindenberg, wie immer mit dunkelbraunem Hut, schwarzer Sonnenbrille und Zigarre in der Hand, bestellt erst mal ein alkoholfreies Bier und hält einen Plausch mit dem ein oder anderen Gast. Gefeiert werde immerhin der Start in einen „goldenen Rocktober“, wie er am Rande erklärt, „mit reichlich Udopium für die Sympathisanten“.

Zu dritt stehen sie hinterm Tresen, als ob sie seit Jahrzehnten Stammgäste im „Freundschaft“ wären: der Rockstar, der Autor Thomas Hüetlin und der Verleger Helge Malchow. Fast schon familiär sitzt das Publikum an der Bar um sie herum. „Niemand kann sich vorstellen, Deutschland ohne Udo erlebt zu haben“, erklärt Malchow mit Pathos in der Stimme. Während er über das Buch schwärmt, blickt Lindenberg sich im Publikum um, sein Hut wippt dabei auf und ab. Bis der Verleger am Ende schließlich „jetzt wird gelesen“ ruft und das Mikro an den Protagonisten des Abends übergibt. Udo wechselt von Sonnen- auf Lesebrille.

„Stell dir vor, du gibst eine Party, und das Ganze dauert ein bisschen länger“, schreibt der Autor gleich zu Beginn des Buches. „Nicht bis zum Morgengrauen. Nicht zwei oder drei Tage. Eher vierzig Jahre. So genau weißt du es nicht mehr. Es ist schließlich eine Party, und da kann es schon mal passieren, dass man den Überblick verliert.“ Hüetlin hat für „Udo“ nicht nur mit Udo gesprochen, sondern auch mit Familie, Freunden, Wegbegleitern und Mitgliedern des Panikorchesters. Von der Gartenstraße Nummer 3 im westfälischen Gronau, wo der Musiker aufwuchs, bis ins Hamburger Luxushotel „Atlantic“, wo er heute lebt, geht es durch sieben Jahrzehnte. „Udo“ erzählt von Aufstieg und Abstürzen eines Künstlers, der sich nicht nur seit den 70er-Jahren im Musikgeschäft behauptet, sondern seit seinem Comeback 2008 erfolgreicher ist als je zuvor. Schon einige Bücher wurden über ihn geschrieben, so manche Anekdote aus dem Leben des Rockstars lieferte Schlagzeilen – vom Leben in der „Villa Kunterbunt“-WG mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen über die geheime Affäre mit Nena bis hin zu Alkoholexzessen mit 4,7 Promille. Für „Udo“ hat Hüetlin nicht nur viel Stoff aus diesem ungewöhnlichen Leben zusammengetragen, für „Udo“ hat auch Udo so manchen näheren Blick zugelassen.

Auch auf besonders schwere Zeiten wie jene, als er 2006 schwer atmend auf dem Bett saß, nachdem er gerade am Telefon vom Tod seines Bruders Erich erfahren hatte. Erich sei sein seelischer Boxenstopp, geistige Tankstelle und Rettungsfahrzeug gewesen. „Der Udoway war jetzt nur noch ein Highway ohne Leitplanken.“ Rund anderthalb Jahre später singt er im Titelsong seines Albums „Stark wie Zwei“ darüber. Ihm gelingt ein Comeback, das kaum jemand mehr für möglich gehalten hatte. Udos Karriere befand sich im Sinkflug, der Alkohol hatte ihn im Griff. Doch er wollte es noch mal schaffen, noch mal das große Ding machen. Aber: „Das große Ding geht nur ohne Suff im Kopp.“ Nur ein Eierlikörchen sollte ab und an erlaubt sein.

Auch in der Berliner Kneipe tauscht der Musiker irgendwann das alkoholfreie Bier gegen den „Feierlikör“. Gelesen wird da schon längst nicht mehr. In bester Rockermanier schwingt Lindenberg das Mikro wie ein Lasso, lässt die Gäste mitsingen und springt zum Schluss sogar auf den Tresen. Seine Freunde prosten ihm zu. (dpa)

Das Buch: Udo Lindenberg und Thomas Hüetlin, Udo. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 24 Euro

Die CD-Box: Udo Lindenberg und Charly Hübner lesen „Udo“, sieben CDs, Tacheles/Roof Music

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