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Dienstag, 07.08.2018

„Down to Gorky Park“ – eine Oase wird 90

Von Claudia Thaler

Grüne Lunge, Freizeitort, Spielball der Politik: der Gorki-Park in Moskau. Foto: Emile Ducke/dpa
Grüne Lunge, Freizeitort, Spielball der Politik: der Gorki-Park in Moskau. Foto: Emile Ducke/dpa

© dpa

Einmal am Fluss Moskwa entlang, schon ist man im Gorki-Park. Wer den Liedzeilen des Scorpions-Klassikers „Wind of Change“ in der russischen Hauptstadt Moskau folgt, muss sich heutzutage an vielen Hipstern, Sportlern und Touristen vorbeidrängen. Dem Park mit den einst verrosteten Attraktionen im Zentrum der 12-Millionen-Einwohner-Metropole ist in den vergangenen Jahren selbst ein ordentlicher Wind der Veränderung eingehaucht worden. Seitdem gilt die weltbekannte Erholungsoase den Moskauern fast als ein Heiligtum, vor allem am Wochenende.

Grün ist mitten in der Stadt spärlich gesät. Auch den Gorki-Park begrenzt eine mehrspurige Autobahn, am anderen Flussufer steht der klobige Sowjetbau des Verteidigungsministeriums. Doch jährlich entspannen hier 26 Millionen Menschen. Seit 90 Jahren ist das möglich: Die Grünanlage wurde am 12. August 1928 für das Volk geöffnet, kurz darauf nach dem sowjetischen Schriftsteller Maxim Gorki benannt.

Als grüne Lunge für die von stundenlangen Staus geplagte Stadt war der 1,2 Quadratkilometer große „Kultur- und Erholungspark“ nie in erster Linie vorgesehen. Zu Stalin-Zeiten war der Gorki-Park ein sozialistischer Rummelplatz. 1955 baute man ein riesiges Eingangsportal, das an das Brandenburger Tor erinnert. In den 1990er- Jahren fiel die Entspannung im Gorki-Park immer schwerer: laute Musik, lärmende Vergnügungseinrichtungen und eine veraltete Geisterbahn dominierten das Bild.

Der Park habe aber in den vergangenen Jahren eine Metamorphose durchgemacht, sagt die Parkdirektorin, Marina Ljultschuk. 2012 wurde der zum Teil staatlich finanzierte Park einer Verjüngungskur unterzogen. Der damals neue Bürgermeister Sergej Sobjanin ordnete einen Entwicklungsschub an. Heute prägen übergroße Sitzkissen im Gras, Sportaktionen und kostenfreies WLAN das Bild. Der Park ist zum Treffpunkt der Moskauer Mittelschicht geworden. Das Museum Garage lockt Freunde internationaler moderner Kunst an.

„Alles ist inzwischen modern. Wir machen aber auch viel, damit der alte Charme nicht verloren geht“, sagt Ljultschuk. Alte Gebäude und eine Tanzfläche direkt am Flussufer sind erhalten geblieben. Meterhohe Fontänen tanzen manchmal zu Sowjetklängen, die aus einem Lautsprecher kommen. Denkmäler zieren die Kreuzungen im Park, Eisbuden bieten das typisch sozialistische Milcheis „Plombir“ an. „Wir haben uns damals darauf geeinigt, dass der Park auf keinen Fall zu kommerziell werden soll“, sagt die Direktorin.

Dabei war die Modernisierung der Anlage nur Ausgangspunkt eines Renovierungsreigens, der seitdem die ganze Stadt erfassen sollte, aber nur zum Teil umgesetzt wurde. Hunderte Kilometer Fahrradwege versprach Stadtchef Sobjanin seinen Bürgern, bislang gibt es nur einige wenige. Gleichzeitig kalkuliert Moskau knapp bei Sozialem, Gesundheit und Wohnungsbau.

In einem Monat findet in Moskau die nächste Bürgermeisterwahl statt. Knapp 7,4 Millionen Bewohner sind zur Stimmabgabe aufgerufen. Wahlhilfe bekommt Sobjanin, der sein Amt wohl behalten wird, von Staatschef Wladimir Putin. „Heute sehen wir, dass Moskau die Mode vorgibt: in Qualität und Komfort. Die Stadt setzt Standards für die Entwicklung moderner Metropolen“, lobte der vor Kurzen seinen Statthalter. Sobjanins Aushängeschild bekommt deshalb zum 90-jährigen Bestehen auch ein aufwendiges, mehrtägiges Festival inklusive einer Parade und eigener Ausstellung. Der Gorki-Park ist zwar ein moderner Freizeitort geworden, aber er ist auch Spielball der großen Politik. (dpa)

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