erweiterte Suche
Freitag, 13.04.2018

Doppelter Boden im Nebelmeer

Dresdner Künstler versuchen einen Zeitsprung und stellen auf der Festung Königstein Werke aus, die Caspar David Friedrich in die Gegenwart holen.

Von Uwe Salzbrenner

Frank Hoffmann malte „season 5“ 2013 mit Ölfarben auf Leinwand. Derzeit ist das Bild auf der Festung Königstein zu sehen.
Frank Hoffmann malte „season 5“ 2013 mit Ölfarben auf Leinwand. Derzeit ist das Bild auf der Festung Königstein zu sehen.

© Frank Hoffmann

Ein wenig darf man sich in der Schau des Dresdner Künstlerbundes wundern. Manche seiner Mitglieder nehmen die Spiegelung von Caspar David Friedrichs Werk gnadenlos beim Wort, den im Ausstellungstitel vorgeschlagenen „Zeitsprung“ zweihundert Jahre zurück.

Da steht oder hockt der Mensch versonnen auf der Höhe und schaut, das Tal tief unten versinkt in Dunst und Glanz. Und wie vielfältig, ernst und zugleich ironisch sich arbeiten lässt mit dem Wolkenvorhang aus Friedrichs „Wanderer überm Nebelmeer“: Hier ist das Gewühl überm Eismeer eine abgestimmte Fortsetzung barock gefältelter Kleidung. Da ist über Gebirgs- und Nebelwogen ein zweiter Himmel drübergezimmert, der aus dem „Großen Gehege“ stammt. Dort gibt es vierfach eine graue Welt, die sich fröhlich als Fantasie entlarvt. Der doppelte Boden wird offenkundig, auch die Gefahr, ins Nichts durchzustürzen. Noch der Skiläufer in Frank Hoffmanns „season 5“, der seine Fahrt im rosa Schnee mit Stemmbogen beendet, dreht den behelmten Kopf verblüfft zurück: Alles wirklich heil und ganz? Nicht alle Hommagen an das große Vorbild sind so gelungen.

Hirsche als Gespenster

Aber selbst wenn Künstlerinnen und Künstler heute wie Friedrich den Raum aufzureißen wissen und den Blick des Betrachters in die Tiefe zu lenken – dem Programm der Romantik folgen sie kaum mehr. Dem Gewöhnlichen einen hohen Sinn und die Aura des Geheimnisses zu verleihen, das geschieht selten unwidersprochen und eher nebenbei. Maja Nagel entwickelt ein orientalisches Ornament, das nicht enden will, solche Schönheit suchte der Romantiker einst im Goldenen Schnitt. Carsten Gille malt Hirsche im blauen Licht, aber eher als Gespenster. Und gibt es Einsamkeit für das Gespräch mit der Natur? Alexandra Wegbahn und Michael Melerski haben in der Sächsischen Schweiz fortlaufendes Wandergeschwätz als Datei aufgenommen. Im gleichen Sinne zeigt Petra Graupner in ihren Drahtgebilden Nebel nicht nur als Welle, sondern auch als Datennetz: Daten als benebelnd. In Theresa Wenzels Gemälde verjagt der Hund bei der Ankunft in der Idylle die Vögel. Und Lucas Oertels „Romantiker“ kann man bloß auf den breiten, buntgetupften Hinterkopf starren. Was er sieht, was er denkt, wer weiß es zu sagen?

Im Grunde, und das ist gut so, bleiben viele der 45 Ausstellenden bei sich und ihrer gewohnten Kunst. Bei dem, was Caspar David Friedrich „malen, was man in sich sieht“ genannt hat. Bei Thema, Gewissen, Formbewusstsein.

Angela Hampel erinnert mit Knochen im Sediment auf einer überarbeiteten Radierung nicht bloß an die Toten und ans Sterben, sondern auch daran, wie sich die Gestalt des Erinnerten ändert. Gabriele Reinemer setzt aus dreieckigen Terrakottascherben irdische wie Mondgebirge zusammen, die Häusern aus Tempelmalereien gleichen. Frank Herrmann lässt die Aura des Mondes, vom Kippspiegel bewegt, über zersplittertes Sicherheitsglas streifen. Frank Schauseil baut ein aufgebocktes Boot aus Eisen und gießt einen Nomaden in Bronze, dem der Speer Wanderstab und ein Flügel rechts Kleidung ist, alles feiner Ausweis der Bewegung. Rainer Böhme schickt einen frühen Kommentar aus DDR-Zeiten zur Schau, einen dreieckigen, leeren Rahmen mit der Beschriftung „Nichts“. Dieser Titel ist nicht ohne Witz, denn insgesamt ist der Saal mit Kunst sehr vollgestellt.

Die Ausstellung bildet nicht nur eine angenommene oder tatsächliche Nähe zu Friedrichs bekanntem Werk ab, sondern gleichzeitig eine Vielfalt von Techniken und Materialien. Kohle und Kreide auf Papier, Öl auf Nessel, Ätzradierung. Schwarzweißfoto, analog, Handabzug. Papier an Draht, Sägespuren auf Hartfaserplatte, Dia im Lichtkasten, gebrannter Ton, kalt bemalt. Das alles können wir, und noch die Unbekannteren von uns! Das jedenfalls demonstriert der größte ostdeutsche Regionalverband bildender Künstler.

Die Schau in der Magdalenenburg der Festung Königstein ist bis zum 7. Oktober zu sehen, geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.