erweiterte Suche
Mittwoch, 30.10.2013

Dieses Stück ist die Ursuppe

Das Staatsschauspiel Dresden bringt Erich Kästners erstes Theaterstück auf die Bühne – als Uraufführung nach 90 Jahren.

1

Bild 1 von 2

Ganz nett, aber ein bisschen „modern“ fanden die Theater Erich Kästners erstes Theaterstück. Das Staatsschauspiel Dresden macht aus „Klaus im Schrank“ nun das diesjährige Weihnachtsmärchen.
Ganz nett, aber ein bisschen „modern“ fanden die Theater Erich Kästners erstes Theaterstück. Das Staatsschauspiel Dresden macht aus „Klaus im Schrank“ nun das diesjährige Weihnachtsmärchen.

© David Baltzer

  • Ganz nett, aber ein bisschen „modern“ fanden die Theater Erich Kästners erstes Theaterstück. Das Staatsschauspiel Dresden macht aus „Klaus im Schrank“ nun das diesjährige Weihnachtsmärchen.
    Ganz nett, aber ein bisschen „modern“ fanden die Theater Erich Kästners erstes Theaterstück. Das Staatsschauspiel Dresden macht aus „Klaus im Schrank“ nun das diesjährige Weihnachtsmärchen.
  • Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden.
    Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden.

Der erste längere Text des weltberühmten Kinderbuch-Autors Erich Kästner war lange verschollen. „Klaus im Schrank“ ist ein Theaterstück für Kinder, das der gebürtige Dresdner zu Beginn seiner Laufbahn verfasste. Es wurde nie aufgeführt und verschwand jahrzehntelang in der Schublade, später in Archiven. Nun ist es wieder aufgetaucht und wird am kommenden Sonntag am Dresdner Staatsschauspiel die Uraufführung feiern – fast 90 Jahre nach seiner Entstehung. Der Chefdramaturg des Theaters, Robert Koall, erzählt die abenteuerliche Geschichte von „Klaus im Schrank“.

Herr Koall, kann man sich das so vorstellen: Da macht ein Archivar einen Pappkarton auf und findet ein unveröffentlichtes Theaterstück von Erich Kästner?

„Klaus im Schrank“ war einem kleinen Kreis von Kästner-Forschern bekannt, schon Mitte der 80er-Jahre gab es Gerüchte über diesen Text. Ich habe vor 13 Jahren beim Verlag danach gefragt.

Mit welcher Reaktion?

Der Verlag sagte mir wahrheitsgemäß, dass er dieses Stück nicht besitze – nicht wissend, dass es in der Berliner Akademie der Künste ein Manuskript gab, das als verschollen galt. Dort wiederum erkannte man offenbar dessen Bedeutung nicht. Das ist eine komische Räuberpistole, die ich mir nicht ganz erklären kann. Vielleicht war es der Akademie nicht bewusst, dass da etwas liegt, was eine Reihe von Leuten brennend interessieren könnte. Möglicherweise hielt man es für einen Arbeitsstand, weil es nie bearbeitet wurde.

Kästner schrieb „Klaus im Schrank“ 1927. Warum wurde das Stück weder aufgeführt noch veröffentlicht?

Man kann das nur erahnen. Es ist der erste längere literarische Text, den Kästner schreibt. Es ist noch nicht der Kästner, den wir kennen, sondern der Mittzwanziger, der Ärger bekommen hat für erotische Gedichte und der versucht, als freier Journalist Fuß zu fassen. Er hat keinen Verlag, nichts. Wir wissen, dass er den Text an vier Theater schickte, offenkundig wurde er von allen abgelehnt. Begründung: Das sei ja ganz nett, aber ein bisschen „modern“.

„Klaus im Schrank“ handelt von zwei Kindern, Klaus und Kläre, die in die Erwachsenenwelt schlüpfen. Die Erwachsenen werden zu Kindern. Wurde es zu Unrecht abgelehnt?

Ich glaube, es hat die Theater damals überfordert, das Potenzial wurde nicht erkannt. Kästner spielt viel mit der damals hochmodernen Filmwelt. Zudem ist der Ton der Kinderfiguren beachtlich emanzipatorisch, fast frech. Aber man muss auch sagen: Kästner war damals ein Autor am Anfang seiner Karriere. Der Text ist teilweise recht langatmig. Das ist kein Makel, die meisten Stücke brauchen die Durchsicht von Lektoren.

Wie haben Sie reagiert, als der Verlag Ihnen 2012 mitteilte, „Klaus im Schrank“ sei aufgetaucht?

Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Es gab ein gewisses Ungleichgewicht zwischen meiner Begeisterung und der Reserviertheit des Verlags, der eher zurückhaltend war, weil man sich nicht sicher war, ob das Stück überhaupt spielbar sei. Dabei ist es ein kleines Märchen, dass es wieder aufgetaucht ist.

Wieso hat man ausgerechnet Sie angerufen?

Irgendwas ist wohl hängen geblieben von meiner Anfrage vor 13 Jahren. Und bei aller Bescheidenheit: Es hat sicher eine Rolle gespielt, dass wir als Staatsschauspiel einen guten Ruf als Bearbeiter haben. Der Verlag hätte das Stück auch auf den Markt werfen und damit sehr, sehr viel Geld verdienen können. Er gab es dahin, wo es hingehört: nach Dresden. Ich muss wahrscheinlich nicht sagen, wie stolz wir darauf sind.

War Ihnen klar, was das bedeutet?

Ich habe in dem Moment des Anrufs gedacht: Wenn das jetzt auch noch ein gutes Stück ist, dann ist was los. Es passiert in einem Dramaturgenleben genau ein Mal, dass man den Erstling eines Dichters von Weltruhm vor sich liegen hat und es bearbeiten darf. Aber ich musste es trotzdem erst mal lesen, um es einschätzen zu können. Allein das Etikett „Kästner“ und „Uraufführung“ kann es nicht sein.

Was dachten Sie, nachdem Sie es gelesen hatten?

Uns war klar: Das wollen wir machen. Es ist ein wunderschönes Stück, es hat saftige Rollen, mit denen man viel machen kann. Außerdem haben wir als Staatsschauspiel in der Kästner-Stadt Dresden eine gewisse literaturwissenschaftliche Verantwortung gegenüber diesem Text. Wir haben uns also für die offensive Variante entschieden: das Weihnachtsstück.

Die Regisseurin Susanne Lietzow und Sie haben das Manuskript bearbeitet. Hatten Sie Hemmungen, weil Sie nicht mit dem Urheber sprechen konnten?

Hemmungen haben wir immer, wenn wir einen Text bearbeiten, vor allem, wenn der Autor nicht mehr lebt. Es gibt eine Grundverantwortung. In diesem Fall steht „Klaus im Schrank“ ja am Anfang von Kästners Laufbahn, wir kennen also das nachfolgende Werk. Darum haben wir eine Ahnung davon, wie er seine Figuren und seine Plots behandelt. Vieles hätten wir uns sonst nicht getraut.

Was haben Sie verändert?

Es gibt in dem Manuskript mehrere fehlende Seiten, damit mussten wir umgehen. An manchen Stellen haben wir geglättet und auch andere Kästner-Texte hinzugefügt. Susanne Lietzow hat die Erzählgeschwindigkeit etwas erhöht. Die Sprache aber haben wir nur minimal verändert und die typische Patina drin gelassen.

Warum funktioniert diese altmodische Sprache noch immer?

Kästner lässt seine Kinderfiguren nie dumm oder unter Wert reden. Man spürt, dass er seine Figuren nicht herabstuft. Deswegen mag man diesen Ton, weil er die Sprache der Kinder nicht künstlich simplifiziert. Es macht aber auch Spaß, das zu brechen und damit zu spielen.

Was können Kinder heute mit den alten, teils fremd wirkenden Geschichten und Figuren anfangen?

Kinder sind in der Lage, Ableitungen zu machen. Eine leichte Fremdheit macht ja gerade Spaß. Vielleicht sogar mehr, als wenn man sich eins zu eins wiedererkennt, man kann es dann angstfreier ansehen. Fremdheit ist keine Hürde, sondern eher eine Einflugschneise.

Wie halten Sie es bei der Uraufführung mit dem historischen Kontext?

Wir fühlen uns nicht gezwungen, aber natürlich ist die Inszenierung auch eine Hommage an die Zeit – dezent comichaft überhöht. Wir brechen und ironisieren auch.

Im Stück kommen Filmbezüge der 20er-Jahre vor, zum Beispiel taucht Charlie Chaplin auf. Was können die Kinder von heute damit anfangen?

Zumindest Charlie Chaplin kennen die meisten Kinder auch heute noch. Mir persönlich gefällt es, dass wir diesmal mehr denn je alle Generationen erreichen. Hier kommen auch die Großeltern voll auf ihre Kosten.

Welche Bedeutung hat „Klaus im Schrank“ für den Literaten Kästner?

Sehr viele Motive, die in diesem Text stecken, finden sich durchgehend in Kästners Werk wieder. Man kann wirklich sagen, dass es Kästners Ursuppe ist. Viele Figuren, die man später findet, sind hier schon angelegt! Das ist so faszinierend und fantastisch. Wenn ich nicht schon einen Beruf hätte, würde ich mich jetzt hinsetzen und eine Magisterarbeit darüber schreiben.

Das Gespräch führte Johanna Lemke.

Für die Premiere von „Klaus im Schrank“ am Staatsschauspiel Dresden am 3.11. um 17 Uhr gibt es noch Restkarten. Weitere Termine: 10., 16., 24., 25.-28.11. sowie viele Termine im Dezember. Kartentelefon: (0351) 4913555

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dr. Christa Lippmann

    Sehr guter Artikel, wo bekomme ich den Originaltext oder den bearbeiteten Text? Vom Theater?

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.