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Dienstag, 10.07.2018

Die Weisen fremder Völker

Von Uwe Salzbrenner

Es knistert im Verborgenen. Die Begleitinstrumente eines thailändischen Theaterensembles klingen so geisterhaft und dünn, als kämen sie direkt aus dem Jahre 1900 per Telegrafendraht nach Berlin in die Humboldt-Box. Das Konzert wurde damals vor Ort auf eine Phonografenwachswalze aufgenommen, um für Europas Völkerkundler die einheimische Musik zu dokumentieren. Seltsamerweise ohne die zugehörigen hellen Frauenstimmen. Maximal vier Minuten Musik passen auf eine Walze. Aus Papphüllen in einem Stahlregal, die dort stellvertretend für Zehntausende archivierter Walzen liegen, kommt jetzt ganz ohne Phonograph immer wieder dieser drahtdünne Sound, ganz gleich, ob bei Beduinen oder Sorben aufgenommen, in China, Mikronesien oder Feuerland.

Die Schau „[laut] Die Welt hören“ der Stiftung Humboldt-Forum bietet ein Einlauschen in das Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums Berlin und in das Lautarchiv der Humboldt-Universität. Ethnologen, Sprach- und Musikwissenschaftler haben einst Klänge gesammelt und sie mit Anmerkungen versehen. Bei Musikinstrumenten ist nicht nur das Material der Trommeln wichtig, sondern auch, wann sie den Einheimischen als gestimmt gelten und wie man sie spielt. Manchmal will die Wissenschaft aus Tonaufnahmen die Denkweise fremder Völker erkennen. Manchmal sind allein die fremden Sprachen interessant, als Vorlage für den Unterricht. Ab 2019 sollen beide Archive im Berliner Schloss öffentlich zugänglich sein.

Heiliger Rauch

Noch in deutschen Kriegsgefangenenlagern während des Ersten Weltkrieges hat man fremde Stimmen und Musik aufgenommen, Texte protokolliert und Noten geschrieben für ursprünglich unnotierte Lieder. Faszinierend ist das Angebot im dritten Stock, wo in Zusammenarbeit mit der Beiruter Amar-Stiftung arabische Musik vorgestellt wird. Man läuft mit Kopfhörern von Station zu Station und kommt so schnell nicht wieder fort, so vielfältig und eindringlich ist dieser Sound. Die Sängerinnen und Sänger atmen, lachen, girren. Der Rhythmus jagt, Bordun-Klänge schwirren unterhalb des Melodiengeflechts. In manchen Videos darf man den Text der Liebes- und Heldenlieder mitlesen.

Im rechten Winkel zur Wand sind die zugehörigen Schallplatten montiert, sodass man die Labels lesen kann. Die ältesten Platten stammen aus Schweden, von Berliner Forschern herausgegeben. Schon im zweiten Stock bei den Wachswalzen dominieren Maschinen die Regale: Dem Phonographen nach Edison-Standard folgt ein Demonstrationsgerät, das fröhlich dudelnd anhand einer auf einer Achse kurbelnden Folie die Übersetzung von Klang in Oberflächen vorführt. Anschließend Plattenspieler, Mikrofone und Kassettengeräte, 1986 in Japan schon digital. Hier reagiert die Ausstellung zu sehr auf unsere vom Augenschein und Anfassen geprägte Kultur. Wäre man doch besser beim Geisterhaften geblieben. Wäre es nicht treffender, im Streit um die künftige Arbeit des Humboldt-Forums und ethnologischer Museen allgemein das Immaterielle des Klangs hervorzuheben? Zu zeigen, dass das Wissen um das Fremde der Schatz ist? Auf elektronisch gespeicherte Daten kann man weltweit zugreifen. Auch die Ursprungsvölker können das. Das Humboldt-Forum will sie einbeziehen. Es kommt vor, dass diese Völker die Präsentation verbieten, obwohl die Musik im Museumsbesitz sind. Die Ausstellung demonstriert einen solchen Fall als Computersimulation in einem starken Bild: 1929 bis 1932 aufgenommene Gesänge eines Schamanen sind für die Navajo heilig, für uns Europäer bloß Rauch.

Bis 16. September in der Humboldt-Box,

Berlin, Schlossplatz 5; täglich 10  - 19 Uhr, Eintritt frei.

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