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Freitag, 19.10.2018

Die Suche nach der Sucht

Wer steckt tatsächlich hinter der Künstler-Ikone Nico? Ein neues Stück in Dresden greift die Frage auf.

Von Franziska Klemenz

Nico 1988 bei einem Konzert in Brüssel.
Nico 1988 bei einem Konzert in Brüssel.

© imago stock&people

Ich liebe dich, begehre dich. Ich will so sein wie du, vielleicht sogar ein Kind von dir. Niemand sonst versteht dich so wie ich, bitte glaub mir! Ich kann nicht ohne dich, bin süchtig nach dir.

Anbetungsvolle Sätze widmen Fans ihren Ikonen gern. Christa Päffgen alias Nico war eine Ikone, und wird bis heute als eine gefeiert. In diesem Jahr wäre sie 80 geworden. Ihren Geburtstag erlebte sie nicht, so wie viele in den letzten Jahrzehnten. 2018 ist gleichzeitig Nicos 30. Todestag. Sie war das erste berühmte deutsche Model nach dem Zweiten Weltkrieg, ging nach Paris, legte den deutschen Namen Christa ab. Sie sang, solo und bei Velvet Underground, schauspielerte, schlief mit Rockstars, liebte sie vielleicht auch. Andy Warhol integrierte Nico in sein Werk. Viele liebten und lieben Nico. Haben sie hinterfragt, wer hinter ihrer Angebeteten steckt?

Wer zur Hölle ist diese Identität?

„Ich glaube, dass jeder sich in jemandem wiederfinden kann, weil fast alle auf der Suche nach sich selbst sind“, sagt Christin Nichols. Sie spielt Nico ab Freitagabend vor Menschen auf Bühnen, sieht ihr mit dem orange-blonden Pony vielleicht sogar ein wenig ähnlich. Im Societaetstheater Dresden feiert das Stück „Nico: The rise and fall of Christa Päffgen“ Premiere. Ein Stück, das zur Frage wird. Angelegt wie ein Kaleidoskop. Düster, vereinnahmend. Aus Nichols’ Schauspiel, visuellen Beilagen, dem Sound von Entourage Noir. Musiker Jörg Schittkowski hatte Nichols mit ihrer Band Prada Meinhoff gesehen und sprach sie auf das Projekt an. Für Nico stehen sie gemeinsam auf der Bühne. Martin Waldmann hat das Stück geschrieben und Regie geführt, er und Nichols kennen sich von einer Produktion an der Berliner Volksbühne.

„Wir stellen Nico als Ikone in den Raum“, sagt Waldmann. „Eine Person mit so einer öffentlichen Wahrnehmung nutzen, missbrauchen die Menschen gern als Projektionsfläche. In den seltensten Fällen hinterfragen sie die Hintergründe der Person.“ Das Alter Ego in der Fremden. Jede les-, hör- und sehbare Quelle zu Nico verschlang Waldmann für seine Recherche. Was blieb? Ein Fragezeichen. Definitive Antworten auf die Identität zu suchen, führt in Zerrbilder und Sackgassen.

„Die 1960er in New York, Andy Warhol, Velvet Underground – das ist eine wahnsinnig spannende Zeit, die ich sehr liebe“, sagt Waldmann. Jeder der beteiligten Künstlerinnen und Künstler findet ein Stück von sich in Nico wieder. Wie so viele Menschen.

„Wer ist sie?“, fragte Christa Päffgen auch sich selbst. „Der Door-Opener zu ihrer Karriere war ihr Aussehen als Model. Das wollte sie dann aber nicht sein, sie hat sich schwer verunstaltet, nahm Heroin“, sagt Nichols. Wie Martin Waldmann versank auch sie in Nico. „Während ich arbeite, ist die Figur für die Zeit mein bester Freund. Ich habe die Figur gern – das, was ich mir daraus gebaut habe. Dass ich jetzt wirklich Nico bin, würde ich mir aber niemals anmaßen. Ich spiele sie.“

Manchmal schwand die Sympathie für Nico, sagt Waldmann. „Man ist ja selten enttäuscht von Leuten, die man nicht mag. Ich war manchmal enttäuscht von ihr, weil sie moralisch auch viel Scheiße gebaut hat.“ Als Heroinabhängige, die auch ihr Umfeld in die Droge ziehen wollte, ihren eigenen Sohn anfixte, als er 19 war.

Den Zugang, den Bezug zu sich verlor Nico immer wieder selbst. Bei einer 20 Jahre andauernden Partnerschaft mit Heroin kein Wunder, erst drei Jahre vor ihrem Tod wurde Nico clean. Nico, die mit Bob Dylan, Led Zeppelin oder den Rolling Stones zu tun hatte, Nico, die nicht mehr schön sein wollte. Dass sich so viele selbst in Christa Päffgen zu sehen glaubten, steigerte ihre Verzweiflung.

„Anhand des Vehikels Nico fragen wir uns auch selbst auf der Bühne: Was mach ich hier? Will ich nicht lieber gehen?“, sagt Nichols. „Die Fragenkette könnte man immer weiter aufmachen“, sagt Waldmann. Um die Persönlichkeit in ein Stück zu transformieren, folgte auf die Recherche die Frage nach der Musik, der Tragik, die in das Stück fließen soll. Leidenschaften aller Beteiligten verwoben sich. „Manchmal kommt es uns so vor, als wären wir zusammen gecastet, weil wir alle so unterschiedliche Charaktere sind“, sagt Nichols. „Wenn du mit Persönlichkeiten, mit Geschichten und Emotionen zu tun hast, können Proben auch mal zermürbend sein.“

Wie kann man Kunst abtrennen?

Manchmal ist es schmerzvoll, die mystische Hülle einer Ikone von ihrem Kern zu schaben, ihn aus der Nähe zu betrachten. Welcher Fan kennt das nicht, der sich mal näher mit Kurt Cobain, Amy Winehouse, Chris Cornell oder auch Romy Schneider befasst hat? Faszinierende Persönlichkeiten, die sich selbst zerstörten. „Wir werden den Teufel tun, uns dazu zu ermächtigen, die Frage nach der Identität von Nico zu beantworten“, sagt Waldmann.

Aber es gibt Ansätze. Fragen, die sich aus der eigentlichen Frage ergeben und Gedanken über Ikonen in neue Bahnen lenken: „Wie kann man die Kunst von dem Künstler trennen?“, fragt Waldmann. „Wenn man möchte, kann man die Person Christa entikonisieren.“ Als Essenz des Stücks sehen Waldmann und Nichols das Herunterbrechen der Person. „Ich glaube, dass keiner mit den Erwartungen darauf in das Stück geht, was wir dann wirklich machen“, sagt Nichols.

„Nico: The rise and fall of Christa Päffgen“ im Societaetstheater Dresden: Freitag, 19. Oktober, 20 Uhr. Tickets unter: www.societaetstheater.de

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