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Mittwoch, 19.09.2018

Die Stille zwischen den Schüssen

„Utøya 22. Juli“ erzählt den Massenmord von Anders Breivik aus der Sicht eines gejagten Mädchens.

Von Andreas Körner

Filmneuling Andrea Berntzen verkörpert Kaja so stark, dass es fassungslos macht.
Filmneuling Andrea Berntzen verkörpert Kaja so stark, dass es fassungslos macht.

© Weltkino Filmverleih

Wie lange dauern 72 Minuten? Der kühle Rechner sagt: exakt 4 320 Sekunden. Dabei hätte er einfach nur antworten können: Kommt darauf an, was in diesen 72 Minuten geschieht. Nur, dann wäre er kein kühler Rechner.

72 Minuten können also auch viel länger sein, im Grunde nie vergehen, weil die Schäden, die man in dieser Zeit genommen hat, für alles, was noch vor einem liegt, nachwirken werden. Weil das, was Augen gesehen, Ohren gehört und Körper erlitten haben, zu drastisch war, zu qualvoll, unvorstellbar eigentlich. 72 Minuten lang kämpften am 22. Juli 2011 über 500 vorwiegend junge Menschen auf der norwegischen Insel Utøya ums pure Überleben, rannten vor Pistolenschüssen davon, durch Waldstücke und Lichtungen, stürzten über Wurzeln und Steine und ins Meer, versteckten sich in ihren Zelten, pressten sich fest aneinander, weinten, schrien, waren so still es nur ging. 69 Kinder und Jugendliche starben an diesem frühen Sommerabend. Der als Polizist verkleidete Mörder Anders Breivik ließ sich ohne Widerstand festnehmen. Sein perfider Plan war aufgegangen.

Jetzt bekommt er wieder ein Podium. Jetzt, sieben Jahre nach dem Attentat und sechs nach dem Prozess, wird ein nächstes eigentlich unzeigbares Verbrechen in einem Spielfilm abgebildet, werden Täter, Opfer, Perspektiven bedacht? Ja, und zwar in „22 July“ des Briten Paul Greengrass. Das Drama hatte gerade bei den Filmfestspielen Venedig Premiere, Mitte Oktober startet es weltweit in den Kinos. Ob Deutschland zur Welt gehören wird, ist sehr ungewiss, denn „22 July“ ist eine Produktion des Streamingportals Netflix. Morgen kommt zunächst „der andere Utøya-Film“ heraus.

Dass Erik Poppes „Utøya 22. Juli“ eineinhalb Stunden lang ist, liegt an einem knappen dokumentarischen Intro und dem Vorstellen von Kaja, 18, der einzigen Hauptfigur, die – das muss sofort gesagt werden – von Debütantin Andrea Berntzen im Grunde fassungslos stark verkörpert wird. Auch nach hinten hinaus gibt es noch Szenen sowie Schrifttafeln, die zuordnen, erklären und den Fokus schärfen wollen. Der Kern der formal radikalen Erzählung aber will Chronik sein. Es sind eben jene 72 Minuten nach dem ersten Schuss – gedreht ohne Schnitt, mit flexibler Handkamera immer dicht vor, neben, hinter Kaja. Überall dort, wo sie hinrennt, stürzt, wo sie sich an andere presst, schreit, hechelnd schweigt. Wo sie ihre Schwester sucht und ein anderes Mädchen zu retten versucht. Wo die Schüsse fallen und hallen und die Stille dazwischen noch lauter ist.

Hier sind keine expliziten Tötungsszenen zu sehen, fehlt dem Täter das Gesicht, denn er taucht nur in einer winzigen Sequenz als ferne Silhouette auf. Das alles kann trotzdem nur fiebrig sein und ist es auch. Erik Poppe hat mit einer Gruppe von Laiendarstellern drei Monate lang geprobt und eine Woche gedreht. Am Ende gab es fünf Versionen. Das Drehbuch entstand zu dritt, lange Gespräche gab es zuvor mit 40 Überlebenden, drei davon waren hinter der Kamera direkt beteiligt. Geschichte und Figuren von „Utøya 22. Juli“ sind fiktional, basieren jedoch auf Erzählungen. Es sei darum gegangen, sagt Regisseur Poppe, die spekulativen Momente der Handlung so gering wie möglich zu halten. Deshalb sei der Dialog mit Augenzeugen und Opferfamilien so wichtig gewesen, denn ein würdevoller Film sollte entstehen, auch für sie, die so lange Zeit ihre Sprache suchten. Zeit ist hier also ein solitäres Element.

Diesen Film in dieser Art zu realisieren, war eine Entscheidung, die zu respektieren und zu diskutieren ist. Ist es Terror-Voyeurismus? Es wäre zynisch, Erik Poppe und allen Beteiligten Vorwürfe, ja, nur Gedanken dieser Art zu unterstellen. Mit zum Teil heftigen Reaktionen müssen und werden sie umzugehen wissen. Das Dilemma sind die tausendfachen Gewaltbilder, die man aus all den Kinokriegen und -morden bis zur oft überschrittenen Sattheitsgrenze intus hat. Auch „Utøya 22. Juli“ ist nicht frei von heiklen Momenten, die ihre Ursache in der Inszenierung haben. Ausschließlich eine Handkamera zu benutzen, wohnt ein klares Statement inne, das den künstlichen, auch übertriebenen Moment der aufgebauten Spannung nicht leugnen kann, selbst wenn beispielsweise Musik gänzlich fehlt. Wenn es optisch distanzierter wird, die Linse nicht noch das Display eines Handys erfassen muss, um zu zeigen, was man eh schon weiß, nimmt die Dringlichkeit keinen Schaden.

Reflexartig kommen Fragen hoch. Nach Haltung des Regisseurs und Erkenntnisgewinn des Zuschauers, nach überschrittenen Grenzen der Pietät und dem Sinn eines Sich-Aussetzens, nach all den Metaebenen hin zu Politik und Gesellschaft. Vielleicht aber erinnert man sich schlichtweg nur an die so großen Worte Jens Stoltenbergs, des damaligen Ministerpräsidenten Norwegens, der mit unfassbarer Güte unmittelbar nach den Anschlägen in Oslo und Utøya formulierte: „Wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

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