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Freitag, 13.07.2018

Die roten Früchtchen

Die Sozialdemokratie liegt heute geschrumpft und faltig im Regal, kaum einer mag sie mehr haben.

Von Michael Bittner

Der SZ-Kolumnist Michael Bittner.
Der SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Das Verhältnis der Sozialdemokratie zum Sozialismus gleicht dem der Paprika zur Chilischote. Die roten Früchtchen waren zunächst klein, aber außerordentlich pikant. Ihre Schärfe erhitzte im 19. Jahrhundert viele Bürger und brachte die Herrschenden ins Schwitzen. Bekömmlich waren sie in dieser revolutionären Zeit erst für eine Minderheit. Man züchtete ihnen, um sie massentauglich zu machen, im 20. Jahrhundert die Schärfe langsam weg. Sie wuchsen dabei, wurden aber auch gewöhnliches Gemüse. Wie die Paprika, so war auch die Sozialdemokratie am Ende eine große, außen glänzende Frucht, allerdings fad im Geschmack und innen recht hohl.

In dieser Lage kamen sogenannte Reformer wie Tony Blair und Gerhard Schröder in den Neunzigern auf die Idee, ihr Produkt der Kundschaft ganz neu gefüllt zu servieren. Die Einlage war größtenteils neoliberaler Brei: weniger Steuern für Reiche, enthemmte Märkte, Sozialabbau. Einigen schmeckte das Rezept durchaus, nur waren das Leute, die nie auf die Idee kämen, Sozialdemokraten zu wählen. Bei den traditionellen Anhängern sorgte das Menü hingegen für Bauchschmerz und Übelkeit. So liegt die Sozialdemokratie heute zusammengeschrumpft und faltig im Regal, kaum einer mag sie mehr haben. Die Schärfe der Chili erscheint dagegen vielen wieder geradezu erfrischend. Als in Großbritannien eine junge Basisbewegung den prinzipienfesten Hinterbänkler Jeremy Corbyn an die Spitze der Sozialdemokratie brachte, da waren sich die Politexperten mit Tony Blair einig: Dieser linksradikale Spinner werde die Partei in den Abgrund führen. Es geschah das Gegenteil. Das Beispiel zeigt: Wer eine politische Bewegung erneuern will, kehrt am besten zu den Wurzeln zurück und lässt sie von dort aus aufs Neue sprießen. Jeremy Corbyn sagt nichts anderes als das, was für die Sozialdemokratie lange selbstverständlich war: Es gibt Bereiche, die nicht der Markt regeln kann. Umverteilung ist nötig, damit eine Gesellschaft nicht zerfällt. Arbeit, nicht Spekulation schafft Reichtum.

Wer verspricht in Deutschland die „Erneuerung“ der hiesigen Sozialdemokratie? Das letzte Aufgebot der Schröderianer, die ihrem Meister offenbar zugesagt haben, die SPD endgültig zu kompostieren. Verdient ist der Schaden, doch zur Freude kein Grund.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.