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Freitag, 06.10.2017

Die politischen Prediger

Alle verkünden, wir müssten umdenken – und meinen damit natürlich nur all die anderen.

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

Nach großen Naturkatastrophen, Erdbeben etwa oder Sturmfluten, meldeten sich in früheren Jahrhunderten zuverlässig als Erste die Priester zu Wort. Noch bevor die Trümmer beseitigt und die Toten beerdigt waren, verkündeten die Gottesmänner schon, wie die Katastrophe zu deuten sei: als göttliche Strafe für sündhaftes Verhalten der Menschen. Um weiteres Unglück zu vermeiden, sei es unbedingt erforderlich, von nun an den Geboten der Priester aufs Wort zu gehorchen.

Nach der Bundestagswahl, die nicht von allen, aber von vielen als Katastrophe empfunden wurde, wurden sogleich unzählige Stimmen laut, die Lehren aus dem Unglück verkündeten. Es waren seltsamerweise fast immer die Lehren, die diese politischen Prediger auch vor der Wahl schon verkündet hatten. So ziemlich alle fühlen sich gerade in dem bestätigt, was sie schon immer wussten. Die Linken wollen wieder linker werden und die Rechten noch rechter. „Wir müssen umdenken!“, verkünden alle und meinen damit natürlich nur alle anderen.

Auch Professor Patzelt nutzte in der vergangenen Woche das Wahlergebnis, um an dieser Stelle seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Rechthaben, nachzugehen. Über das gute Abschneiden der Alternative für Deutschland auf Kosten der CDU sprach er mit einer merkwürdigen Genugtuung, die nicht allen seinen Parteifreunden gefallen haben dürfte. Und er verkündete: Hätte die CDU meinem Gebot gehorcht, sich konservativer und patriotischer zu präsentieren, wäre ihr diese Niederlage erspart geblieben!

Ich wage, leise Zweifel zu äußern: Wieso hat die Union gerade in den Ländern, in denen sie sich immer schon besonders konservativ und patriotisch zeigt, auch besonders stark verloren? Wieso haben gerade jene Kandidaten gut abgeschnitten, die sich nicht halbherzig von Angela Merkel distanzierten, sondern zu ihr standen und sich mit der AfD anlegten, statt deren paranoide Parolen wie die von der „Preisgabe der deutschen Kultur“ nachzusprechen? Wieso floriert der nationalistische Rechtspopulismus zurzeit auch in Staaten, in denen von einem vorherigen Linksruck keine Rede sein kann und Konservative immer konservativ blieben?

Ich belasse es bei diesen Fragen. Mir scheint es zurzeit überhaupt wichtiger, erst einmal Fragen zu stellen, als schon fertige Antworten zu haben.

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