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Montag, 22.10.2018

Die falsche Grenze

Von Rainer Kasselt

Lukas Rüppel im Spiel zwischen Fakten und Fiktion. Foto: Sebastian Hoppe
Lukas Rüppel im Spiel zwischen Fakten und Fiktion. Foto: Sebastian Hoppe

© Sebastian Hoppe

Wie verbreitet man Angst und psychischen Terror? Wie lockt man politische Gegner in die Falle? Wie bringt man sie zum Ausplaudern ihrer Absichten? Ein perfides Beispiel ist die „Operation Kamen“ (Grenzstein), die der tschechoslowakische Geheimdienst zwischen 1948 und 1951 organisierte. Oppositionelle werden beschattet, verhört und bedroht. Über Kontaktpersonen erhalten sie Angebote zur Republikflucht. Mithilfe von V-Männern, die sich als Schleuser ausgeben, überschreiten sie scheinbar die Grenze, werden in ein Zollhäuschen gelockt. Dort erwartet sie ein fingierter amerikanischer Grenzbeamter, der sie mit Whiskey und Schweizer Schokolade bewirtet. Die Geflüchteten wähnen sich in Freiheit, nennen offenherzig ihre Fluchtgründe, geben sich als Feinde des kommunistischen Regimes zu erkennen. Danach unterschreiben sie ein Protokoll, das ihnen zum Verhängnis wird und sie ins Gefängnis oder Arbeitslager bringt.

Am Sonnabend gab es im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels die Uraufführung des Dokumentarstückes „Operation Kamen“ von Regisseur und Autor Florian Fischer, eine Koproduktion mit dem Archa Theater Prag. Launig werden die Zuschauer von Schauspieler Lukas Rüppel begrüßt. Er bittet sie, Kopfhörer aufzusetzen und den Raum möglichst nicht zu verlassen. Neben ihm agieren elf Dresdner Laien: Frauen, Männer und ein Kind. Sie werden per Video eingespielt. Rüppel leistet Schwerstarbeit. Er kommentiert, droht, flüstert, stöhnt, streut Gerüchte, schlüpft in verschiedene Rollen. Ist Schelm, Archivar, Spitzel, Schlepper, Marionette des Systems. Schiebt Regale über die Bühne, summt das Lied „Die Gedanken sind frei“, tanzt wie im Rausch um das Kopfmikrofon herum. Er steigt in eine Wasserschale, schichtet Eichenzweige übereinander, schiebt ein Felsbild in die verdunkelte Stätte: Bach, Wald und Gebirge markierend.

Die Dresdner Laien spielen nicht sich, sondern tschechische Bürger. Sind enteignete Unternehmer, kritische Journalisten, mutige Mütter. Eine sagt: „Nicht äußern zu dürfen, was ich denke, ist für mich wie ein Gefängnis.“ Die Filmsequenzen sind im sächsischen Forst, einem Dresdner Hotel und an anderen Orten gedreht worden. Das Ensemble schrieb an den Texten mit, bringt eigene Erfahrungen in die Gestaltung ein. Dennoch stellt sich keine wirkliche Nähe her, die Video-Aufnahmen erzeugen zusätzliche Distanz. Der neunzigminütige Abend wird zum Kopfkino, zum Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Das ist von Regieteam und Bühnenbildner Stefan Britze durchaus gewollt. Regisseur Florian Fischer ist kein Verfechter traditioneller Dramaturgie, er will raus aus dem Kanon des herkömmlichen Theaters. „Das Theater soll im Zuschauer stattfinden, nicht auf der Bühne“, sagt er im Gespräch, das im klug gestalteten Programmheft nachzulesen ist. Fischer strebt ein Training der Sinne an. Per Kopfhörer werden Geräusche eingespielt, die das Publikum in die Welt der Flüchtlinge versetzen sollen. Lautes Klopfen, vorsichtiges Treppensteigen, schrille Schreie. Hörelemente, die man aus jedem Krimi kennt. Ein bisschen Hitchcock für Anfänger. Aber: kein verlorener Abend. Wertvoll die Erinnerung an eine historisch hierzulande kaum bekannte Geheimdienstaktion. Sehr aufwendig und mit Herzblut von allen Beteiligten auf Bretter und Leinwand gebracht.

Wieder am 24.10. und 23.11., Karten: 0351 4913 555.

Eine Ausstellung im Foyer des Kleinen Hauses

informiert über historische Hintergründe.

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