sz-online.de | Sachsen im Netz

Die DDR schafft sich ab

Der Vergleich mit Diktaturen ist ebenso billig wie der Versuch von Rechten, sich als Opfer zu inszenieren.

06.04.2018
Von Michael Bittner

chafft sich ab
SZ- Kolumnist Michael Bittner

© ronaldbonss.com

In seiner vorigen Kolumne hat Werner J. Patzelt ein Bild unserer Gesellschaft gemalt, hatte aber leider keine Farben zur Verfügung, sondern nur Schwarz und Weiß: Da gibt es einerseits eine Elite, die lange die intellektuelle und mediale Vorherrschaft ausgeübt hat, nun aber mit mutigen Streitern für die Wahrheit konfrontiert ist, die diese Hegemonie infrage stellen. Diese Recken haben die „Fakten“ als Waffen, jene hingegen bloß eine „Moral“, die auch noch falsch ist. So also wirkt die Welt, wenn man sie vom Schützengraben aus betrachtet.

Unsere Zeit ähnle teilweise der Spätzeit der DDR. Und wirklich: Wer erinnert sich nicht daran, wie das DDR-Regime Systemkritiker vor tausend Leuten im Dresdner Kulturpalast reden ließ, um sie mundtot zu machen? Wie das Buch „Die DDR schafft sich ab“ auf der Bestsellerliste im „Neuen Deutschland“ auf Platz 1 kletterte? Und die Oppositionellen ihre Thesen täglich in der „Aktuellen Kamera“ und in der Volkskammer vortragen durften?

Prof. Patzelt gesteht immerhin auch offen, worum es wirklich geht: Die neue Rechte möchte die „Hegemonie“ in Deutschland erobern, zuerst in der öffentlichen Meinung, dann auch im Staat. Zu diesem Zweck bedient sie sich der Methoden des Medienkrieges: Inszeniere dich selbst als Angegriffener und Unterdrückter, damit dein Feind als übermächtiger Aggressor erscheint! Beklage Widerspruch als Zensur! Zweifellos gibt es – so möchte ich einfügen, um mich nicht selbst im Schützengraben einzurichten – einige verbohrte Linke, die es durch ihre Intoleranz erleichtern, dass diese Selbstdarstellung nicht völlig unglaubwürdig erscheint.

Doch ein Blick hinüber zu den Staaten im Osten genügt, um zu erkennen, dass die vermeintlichen Freiheitskämpfer eine linke Meinungsdiktatur nur herbeifantasieren, um eine rechte errichten zu können. Und auch bei uns plaudert manch ein Streiter diesen Wunsch schon so treuherzig aus, wie der Schreiber eines denkwürdigen Leserbriefes, den ich jüngst erhielt: „JEDER Mensch hat das Recht auf eine Meinung und das Recht wegen dieser nicht denunziert zuwerden. Trittbrettfahrer wie Sie, die sich aus Gewinnsucht und Geltungsbedürfniss einer Meinung anschließen und alle andere Menschen verteufeln gehören Mundtot gemacht.“