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Freitag, 08.12.2017

Des Kaisers alte Kleider

Ging das Märchen nicht anders? Die Fronten sind heute merkwürdig seitenverkehrt.

Von Werner J. Patzelt

SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt
SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Um Sachen, die es nicht gibt, muss man nicht besorgt sein. So sagt man es Kindern, die sich vor Gespenstern ängstigen – oder zu Demonstranten, die vor starker Einwanderung warnen, vor wenig integrationswilligen Migranten, gar vor der „Islamisierung“ eines Landes. Es lässt sich der Anlass von Besorgnis auch umsichtig beschweigen, wie derzeit Migrations- und Integrationsfragen beim Hochschrauben des Preises für eine angeblich „große“ Koalition. Oder man erklärt einfach: Wir sind doch schon ein Einwanderungsland, der Islam gehört längst zu Deutschland; also habt euch nicht so, sondern akzeptiert einfach, was ist oder wird!

Die „68er“ nannten das eine „affirmative“ Haltung zum Bestehenden, hießen sie „konservativ“, waren stolz auf ihre Lust, dem bloß Bestehenden das Andersmögliche entgegenzusetzen, ja in dessen Licht auch alles scharf zu kritisieren, was sich wie alternativlos gab. Heute sind die Fronten merkwürdig seitenverkehrt. Als fortschrittlich gilt, wer Gewordenes verteidigt – und als reaktionär, wer an ihm Unstimmiges betont. Als Aufklärer gilt, wer den nackten Kaiser als mit herrlichen Gewändern angetan ausgibt. Und es ist ewiggestrig oder blind, wer jenes Outfit kleidsamer nennt, das Majestät noch vor Kurzem trug. Denn für gut hält man gern, was guten Willens geworden ist. Doch dass guter Wille sich auch täuschen kann, wie der Kaiser beim Auftrag für seine neuen Kleider, wird kaum einmal erwartet.

Wandelt sich dann die länger schon im Land bestehende Kultur, so gab es angeblich niemals, was jetzt nicht mehr selbstverständlich ist – etwa Abiturienten mit korrekter Rechtschreibung, Weihnachtsmärkte ohne Sicherheitssperren. Oder es war noch nicht um Falsches bereinigt, noch nicht ausreichend bunt, was es da vielleicht eben doch gegeben hat – wie Stadtteile einer schon länger im Land lebenden Bevölkerung ohne Verschleierte, oder eine politische Kultur ohne selbstgefälligen Antizionismus. Und der beste Trick? Man entzieht einer Kritik am Wandel zum vielleicht weniger Guten schlicht ihren Gegenstand, indem man den für bloß zurechtfantasiert erklärt. Wie eine „deutsche Kultur“, die – abgesehen vom Gebrauch der deutschen Sprache – gar nicht identifizierbar wäre. Also muss man um diese Kultur auch nicht besorgt sein. Wie schön für uns alle!