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Donnerstag, 09.08.2018

Der Skandal, ein Mensch zu sein

Von Uwe Salzbrenner

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So ein blasses, stilles und einsames „Mädchen am Sonntag“. Hat sie denn gar nichts, worauf sie sich freuen kann? Otto Dix malte das Porträt 1921. Foto: KS Chemnitz / László Tóth
So ein blasses, stilles und einsames „Mädchen am Sonntag“. Hat sie denn gar nichts, worauf sie sich freuen kann? Otto Dix malte das Porträt 1921. Foto: KS Chemnitz / László Tóth

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  • So ein blasses, stilles und einsames „Mädchen am Sonntag“. Hat sie denn gar nichts, worauf sie sich freuen kann? Otto Dix malte das Porträt 1921. Foto: KS Chemnitz / László Tóth
    So ein blasses, stilles und einsames „Mädchen am Sonntag“. Hat sie denn gar nichts, worauf sie sich freuen kann? Otto Dix malte das Porträt 1921. Foto: KS Chemnitz / László Tóth
  • „Winterlandschaft mit Mond (Winterabend im Hegau)“ von 1935. Als die Nazis Dix in aus dem Professorenamt warfen, zog er nach Hegau. Foto: KS Chemnitz/Punctum/Bertram Kober
    „Winterlandschaft mit Mond (Winterabend im Hegau)“ von 1935. Als die Nazis Dix in aus dem Professorenamt warfen, zog er nach Hegau. Foto: KS Chemnitz/Punctum/Bertram Kober

Das seltsam anrührende „Mädchen am Sonntag“ in Matrosenbluse, mit kalkweißem Gesicht, einsam, flehend; der Kriegsheimkehrer selbst als Kopf im Spannungsfeld von Tod und Begehren – das Museum Gunzenhauser in Chemnitz besitzt ein paar herausragende Gemälde von Otto Dix. Das altmeisterlich noble Selbstbildnis des jungen Malers im Gewand der Wandervogel-Bewegung, das er als Student der Dresdner Kunstgewerbeschule gemalt hat, ist bis Anfang September an die Nationalgalerie Berlin ausgeliehen. Doch der Chemnitzer Dix-Bestand, das Herzstück der privaten Sammlung, er gewinnt vor allem dadurch, dass er Leben und Werk des Malers exemplarisch nachvollzieht. Dies kann nun auch das Publikum versuchen: Anlässlich des jüngsten Zuwachses – der Bestand wurde nach dem Tode des Sammlers Dr. Alfred Gunzenhauser im Jahre 2015 um weitere 60 Bilder ergänzt – hat das Museum seine Dix-Dauerausstellung für eine Sonderschau von 300 Werken auf das ganze Haus ausgeweitet. Jetzt sind Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen und Grafiken zu sehen, die aus konservatorischen Gründen nicht allezeit gezeigt werden können.

Prostituierte, Säufer, Schläger

Etliche dieser Arbeiten auf Papier demonstrieren, wie Dix Anfang der 1920er das Milieu der Großstadt festhält, das man damals despektierlich „Halbwelt“ nennt: Weinkellnerinnen, Prostituierte, oft heruntergekommen. Zirkusleute, Säufer, Besoffene, Schläger. Man kann dies für die soziale Empfindlichkeit des Arbeiterkinds Dix halten, er wurde 1891 als Sohn eines Eisenformers und einer Näherin in Gera geboren. Man kann mit gleichem Recht sagen, er gebe gern den Spießerschreck und schätze die Menschen gering. So, wie Dix Sex und Gewalt darstellt, ist im Hässlichen eine Menge Hass und für die Geschundenen so wenig Gefühl übrig wie für die Schinder. Womöglich entspringt diese pessimistische Sicht aber dem eigentlichen Skandal, dem Ersten Weltkrieg? Dix zeichnet bereits an der Westfront. Am Ende dieses Bewältigungsvorgangs steht das berühmte Triptychon „Der Krieg“ (1929 – 1932), das im Dresdner Albertinum zu sehen ist.

Oder ist die zur Karikatur getriebene Form, das Wilde und Anrüchige Ergebnis des Malvorgangs? In der Bleistiftzeichnung erfasst Dix bei Frauen und Kindern die Partie zwischen Mund und Augen sorgfältig und zum Küssen schön. Im Aquarell fängt das Gesicht mit der Farbe an zu blühen, erhält aber auch ungesunde Flecken, verlaufene Schminke, schlechte Zähne; die Kleidung ist plötzlich beschädigt, schäbig, dreckig. Dieser Prozess ist selbstredend auch umgekehrt zu betrachten: Souverän hält Dix die Farbflut im Gerüst der Zeichnung. Die Düsseldorfer Jahre, 1922 bis 1924, sind der Höhepunkt seiner Aquarellperiode. Er kann rasch produzieren und viel verkaufen. Am Ende steht eine große Schau im Berliner Kronprinzenpalais: Dix ist als Maler anerkannt. Im Herbst 1926 wird Dix – 34-jährig, vier Jahre nach dem kriegsbedingt verspäteten Abschluss seines Studiums – als Nachfolger seines Lehrers Otto Gussmann zum Professor an die Dresdner Kunstakademie berufen.

Im April 1933 jagen die Nationalsozialisten Dix als einen der ersten Künstler aus dem Amt. Seine Werke gelten als „entartet“, malen darf er weiterhin. Er zieht aufs Land, zuerst ins Schloss seines Schwagers im schwäbischen Hegau, drei Jahre später in ein eigenes Haus in Hemmenhofen am Bodensee. Das Merkwürdige der dort in Schwaben bis 1945 in Lasurtechnik gemalten Landschaften im Chemnitzer Bestand: Man sieht nicht bloß das zeitgeistkritische Wabern der „inneren Emigration“ hier und da in den Himmeln. Sondern unter der kleinteiligen Präzision bei der Darstellung der Bäume und Häuser weiterhin eine halb harmonische, halb grandios verstimmende Umformung der Landschaft, wie sie für Dix‘ Figuren und Interieurs der Neuen Sachlichkeit charakteristisch gewesen ist.

Selbstprüfung im Selbstporträt

Der Bruch im Stil kommt erst später, als in der Bundesrepublik und im gesamten Westen beiderseits des Atlantiks allein die abstrakte Kunst als zeitgemäß gelten soll. Das hat in Dix offenkundig den Gegenrevolutionär hervorgerufen – all das, was in ihm noch jung ist und brennt. Er arbeitet nun als Sechzigjähriger in Gemälden wieder alla prima, ohne Untermalung und Retusche, beendet das Bild in einer einzigen Sitzung. Ruft in Landschaften Expressionismus und Kubismus auf, mit dicken Eiskanten und Rotviolett-Türkis-Farbklang. Vereinfacht in Lithografien das Frauen- und Mädchenbild zu essenzieller Schönheit. Hinzu kommt wiederholt die Selbstprüfung im Selbstporträt, nach einem Schlaganfall im Selbstporträt der Widerstand gegen den Tod. Dix stirbt 1969 im Alter von 77 Jahren. Die Schau im Museum Gunzenhauser erweist ihm vorzüglich die Ehre.

Die Schau im Museum Gunzenhauser der Kunstsammlungen Chemnitz (Falkeplatz 1) ist bis zum 9. September zu sehen, täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr. Es erscheint ein Katalog.

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