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Dienstag, 02.08.2016

Der Rastlose

Armut ist der beste Denkmalpfleger, meint der Gastronom Sven-Erik Hitzer und investiert in schöne alte Häuser der Sächsischen Schweiz.

Von Birgit Grimm

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Gastronom, Hotelier, Veranstalter, Denkmal- und Porzellanliebhaber, Gärtner: Sven-Erik Hitzer hat viele Talente und ist dabei ein geduldiger Mensch, der nichts übers Knie bricht. Auch fürs Biedermann-Mausoleum und für die Thiele-Aussicht bei Thürmsdorf hat er klare Vorstellungen, deren Umsetzung noch Zeit braucht.
Gastronom, Hotelier, Veranstalter, Denkmal- und Porzellanliebhaber, Gärtner: Sven-Erik Hitzer hat viele Talente und ist dabei ein geduldiger Mensch, der nichts übers Knie bricht. Auch fürs Biedermann-Mausoleum und für die Thiele-Aussicht bei Thürmsdorf hat er klare Vorstellungen, deren Umsetzung noch Zeit braucht.

© andré wirsig

  • Gastronom, Hotelier, Veranstalter, Denkmal- und Porzellanliebhaber, Gärtner: Sven-Erik Hitzer hat viele Talente und ist dabei ein geduldiger Mensch, der nichts übers Knie bricht. Auch fürs Biedermann-Mausoleum und für die Thiele-Aussicht bei Thürmsdorf hat er klare Vorstellungen, deren Umsetzung noch Zeit braucht.
    Gastronom, Hotelier, Veranstalter, Denkmal- und Porzellanliebhaber, Gärtner: Sven-Erik Hitzer hat viele Talente und ist dabei ein geduldiger Mensch, der nichts übers Knie bricht. Auch fürs Biedermann-Mausoleum und für die Thiele-Aussicht bei Thürmsdorf hat er klare Vorstellungen, deren Umsetzung noch Zeit braucht.
  • Erlesen und schlicht wirkt der Innenraum der ersten Waldkapelle am Malerweg in der Sächsischen Schweiz. So wird sie sich künftig hinter einer Glastür zeigen. In den Wandfeldern unter den Fenstern soll irgendwann ein winterliches Panoramafoto der Sächsischen Schweiz seinen Platz finden. Doch das Foto muss erst noch gemacht werden. Und zwar genau dann, wenn die richtige Lichtstimmung dafür gegeben ist.
    Erlesen und schlicht wirkt der Innenraum der ersten Waldkapelle am Malerweg in der Sächsischen Schweiz. So wird sie sich künftig hinter einer Glastür zeigen. In den Wandfeldern unter den Fenstern soll irgendwann ein winterliches Panoramafoto der Sächsischen Schweiz seinen Platz finden. Doch das Foto muss erst noch gemacht werden. Und zwar genau dann, wenn die richtige Lichtstimmung dafür gegeben ist.

Dieser Ausblick auf den Königstein ist umwerfend und immer noch ein Geheimtipp. Wer verirrt sich auch schon nach Thürmsdorf, wenn er die Sächsische Schweiz besucht? Vielleicht jemand, der den kompletten Malerweg wandert und dann gar nicht anders kann, als an diesem Platz Rast zu machen. Neugierig wird er die edle Tafel lesen, auf der beschrieben ist, dass Johann Alexander Thiele 1744 hier seine Ansicht vom Königstein malte. Noch neugieriger das Biedermann-Mausoleum umkreisen, und nur zu gern würde er einen Blick hineinwerfen. Sven-Erik Hitzer schließt die Stahltüre auf, greift sich den Besen und fegt die Kiefernnadeln von den Treppenstufen. „Hier werde ich eine Glastür einbauen“, sagt er. Die gibt dann jederzeit den Blick frei auf den schlichten Altartisch, das schmiedeeiserne Kreuz, den Kronleuchter und die Kerzen an der Wand. Hitzer hat das Biedermann-Mausoleum gekauft, als es eine Ruine war. Er ließ es mit Denkmalpflegefördermitteln sanieren, steckte selbst eine Menge Geld hinein und ließ es im Mai als erste Waldkapelle am Malerweg weihen. Ökumenisch, das ist ihm wichtig. Gebaut worden war das Mausoleum 1921 als Grabstätte für die Freiherren von Biedermann, die Thürmsdorfer Herrschaft. Doch seit den 70er-Jahren ruhen ihre Gebeine auf dem Königsteiner Friedhof. Der runde Bau mit der Kuppel verfiel.

Egal war das Hitzer nicht. Den Hitzers gehören seit vielen Jahren auch das Schloss, das immer noch Baustelle ist, und die Streuobstwiesen zwischen Schloss und Mausoleum. Und da er keine halben Sachen mag, hat er auch den Weg ausbessern und erwähnte Aussicht auf die Elbe und den Königstein freischneiden lassen. Ein Rundweg ist ausgeschildert. Doch die starken Regengüsse haben ihn an einigen Stellen schon wieder ausgespült. „Meine Güte, wir haben hier extra Querrinnen gezogen, damit das Wasser abfließen kann. Aber wahrscheinlich sind sie nicht tief genug“, ärgert sich Hitzer. „Da müssen wir noch mal ran.“ Seine gute Laune kommt zurück, als ihm eine ältere Dame im Vorübergehen sehr herzlich für all das dankt, was er für den Ort tut. Die Situation wirkt wie inszeniert. Aber Hitzer braucht solche Inszenierungen nicht. Denn was er tut, ist keine pure Liebhaberei. Der Gastronom macht das auch für den Tourismus, also für sein Geschäft.

In den 1980er-Jahren studierte der gelernte Gärtner aus Cottbus vier Semester auf der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Zur Wende schmiss er das Studium und verdiente sein Geld mit Mittelaltermärkten und Events. Seine Geschichten aus jener Zeit klingen halsbrecherisch. Nicht weniger abenteuerlich ist es, heutzutage als Gastronom zu überleben. „Nie im Leben würde ich einen Dorfgasthof eröffnen“, sagt Sven-Erik Hitzer. Er beklagt, dass der Deutsche am liebsten billig isst, dass die Brauereien ihr Bier in Fässern an Gastwirte teurer verkaufen als das Flaschenbier an die Supermärkte, und er fragt mit einem schelmischen Lächeln: „Was meinen Sie, warum ich meine eigene Bio-Brauerei habe?!“ Die ist in Schmilka, keine zwanzig Kilometer von Thürmsdorf entfernt, in einen Felsen hineingebaut und gläsern. Die Schmilk’sche Mühle mit Bäckerei, Brauerei und Freisitz, mit einem nigelnagelneuen Badehaus, außen Fachwerk, innen hypermodern, wunderbar warm und urgemütlich. „An dieser Stelle standen einst Werkstätten und Wellasbestgaragen des Forstbetriebes. Gebaut haben wir es in einer Mischung aus neuen und alten Baustoffen, mit neuen und alten Technologien“, erzählt er. Wie an einer Perlenkette reiht Hitzer seit mehr als zwanzig Jahren auf dem steilen Weg Richtung Winterberg ein Schmuckstück ans andere. Ferienwohnungen, Gaststätten, Freisitz mit Livemusik am Wochenende. Auch an der Elbe entlang wachsen die Hitzer’schen Besitztümer zwischen Hotel Helvetia und Villa Thusnelda. In Schmilka ist er „der Nachbar von fast jedem“, wie er sagt. „Hitzershausen“ wird der kleine Ort an der tschechischen Grenze schon scherzhaft genannt. Ein Bio-Resort schwebt ihm vor. Seine Frau kümmert sich um den Gemüse-Anbau. Er kennt Handwerker, die Handwerker kennen, die das können, was nicht mehr jeder kann. Über Geschmack kann man mit ihm nicht streiten. Nicht beim Essen, nicht beim Bauen, auch nicht beim Einrichten eines gesunden Raumklimas. Viel Holz, „nicht lackiert, nur geseift“, sagt er.

Was treibt den 54-Jährigen? „Mein Herz brennt schon immer für gewachsene, unverfälschte Kulturlandschaften, zu denen Denkmäler zwingend gehören. Aber heute baut jeder, wie er lustig ist, ein Ostereierhaus ans nächste. Toskanische Villen stehen neben Holzbohlenhäusern aus dem Spreewald. Das ist für mich keine Kulturlandschaft. Auch Häuser ohne Schutzstatus behandle ich als wären es Denkmale.“

Im Landesamt für Denkmalpflege weiß man das zu schätzen. Ralf Pinkwart, Gebietsreferent für die Sächsische Schweiz, sagt: „Menschen wie Sven-Erik Hitzer mit so viel Kraft und Engagement, gepaart mit Kultur, öffentlicher Verantwortung und Sinn für das Schöne, trifft man nicht oft.“ Hitzer hat aber auch Verantwortung für 200 Mitarbeiter in Schmilka und Thürmsdorf, auf der Festung Königstein, auf dem Weihnachtsmarkt an der Dresdner Frauenkirche und in Thüringen auf der Leuchtenburg, die er kaufte, in eine Stiftung überführte. 2014 öffnete dort eine zauberhafte Porzellanwelt. In diesem Jahr war die Leuchtenburg als eins von 48 Museen aus 24 Ländern für den Europäischen Museumspreis nominiert. Bekommen hat ihn das Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden. Doch allein die Nominierung adelt Hitzers Konzept. Von thüringischem Designer-Porzellan essen übrigens auch seine Gäste in der Sächsischen Schweiz. So greift eins ins andere.

Der Thürmsdorfer Bürgermeister Ralf Schuhmann kennt Hitzer seit Anfang der 90er-Jahre, als er im Ort Ritterspiele veranstaltete. „Er ist ein Rastloser“, sagt der Bürgermeister. „Nicht allen geht es schnell genug. Aber was Herr Hitzer leistet, hätte die Gemeinde nicht gekonnt.“

Auf der Terrasse des Schokoladen-Cafés am Schloss gönnt Hitzer sich eine kleine Auszeit. „Ach, schön, dass du wieder da bist“, ruft er einem Mann zu, der die Straße heraufkommt. „Wann reden wir über die Glastür fürs Mausoleum?“ Die dürfte eher fertig werden als das Panoramafoto, das er innen anbringen will. Ein Winterbild soll es sein. Hitzer weiß, wo es aufgenommen werden soll. Schnee muss liegen, aber es darf nicht zu kalt sein, damit die Lichtstimmung entsteht, die ihm vorschwebt. Er ist ein Perfektionist. „Aber ich bin kein Beißer, ich kann warten“, sagt er. Geduld ist die Stärke dieses Mannes, den man für hyperaktiv halten könnte. Verdientes Geld wird sofort ins Unternehmen investiert. „Die Karte der direkten Subvention spiele ich immer wieder. Das ist mein Finanzprinzip. Außerdem weiß ich, wie man Fördergelder beantragt. Ich bin hoch verschuldet. Das ist nicht mein Vermögen, was hier steht“, sagt er und zeigt mit ausladender Geste auf Schloss Thürmsdorf und den drei Hektar großen Park. „Aber es macht mir keine Angst, und es macht mir auch keine Sorgen.“ Zauberhafte Rosen blühen hier „ohne chemische Keule“, sagt der Bio-Gärtner. Hinter Büschen versteckt sich die Adoratio, eine bronzene Schönheit, die der Schokoladenmanufaktur den Namen gab. Hitzer rupft hier ein trocknes Blatt ab, zupft dort ein Unkraut raus. Anfangs wollte er ein Hotel im Schloss einrichten. „Inzwischen bin ich ganz anderer Meinung: Das wird eine Schokoladenerlebniswelt!“ Jeder Mensch braucht Träume. Sven-Erik Hitzer erfüllt sie sich und macht anderen damit Freude.