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Donnerstag, 29.03.2018

Der Nutzen des Streitens

Wenn es mehr um Fakten als um Moral geht, können Debatten konstruktiv verlaufen.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Nicht jede Vormacht gibt sich so sang- und klanglos auf wie 1989/90 die SED. Doch das geschah erst, als ihre im Alltag nutzbare moralische Substanz aufgebraucht war. Und als, mangels nennenswerter Erfolgsaussichten, ihr Widerstandswille schwand. Zuvor aber schlugen die Herrschenden noch zu, wenn auch immer weniger heftig.

Gewiss ist eine handfeste Diktatur wie der SED-Staat etwas sehr anderes als eine bloß intellektuelle Hegemonie. In einer solchen legen Intellektuelle und Journalisten die Inhalte des politisch Korrekten fest, die Grenzen des straflos Sagbaren. Dergleichen kommt auch in freiheitlichen Staaten vor. Nie setzt intellektuelle Hegemonie das verfassungsstaatliche Regelwerk außer Kraft. Doch sie fühlt sich nicht gut an für jene, denen die Definitoren und Zensoren des politisch Korrekten böse werden. Etwa weil sich da einer die Freiheit nahm, öffentlich nicht mit ihnen übereinzustimmen. Dann fängt der Gebrauch der Freiheit an, etwas zu kosten. So verhielt es sich zu Weimarer Zeiten beim Widerspruch gegen den intellektuell hegemonialen Nationalsozialismus an vielen deutschen Unis. So beim Widerspruch zur intellektuell hegemonialen antikommunistischen Hetzerei der McCarthy-Jahre in den USA. Auch aus der Geschichte Bundesdeutschlands mag manchem manches Beispiel einfallen. Doch verzichtet, bitte, auf jedes Vergleichen! Selbst nur ansatzweise Ähnliches zu entdecken, wäre ja wirklich nicht korrekt.

Am wenigsten weh tut das Bestehen intellektueller Hegemonie jenen, die sie ausüben. Ihre Meinungen treffen nämlich auf keinen Widerstand, der eigene Äußerungen irgendwie riskant machte. Schwacher oder ungeschickter Widerstand ist sogar willkommen, weil seine Niederwerfung tolle Triumphe des Richtigen, schön zu feiernde Siege der Guten erlaubt. Unschlüssig werden Langfristsieger allerdings in Abnutzungskämpfen asymmetrischer Art. Das sind die, in denen das eigene Waffenarsenal auf moralische Argumente schrumpft, und wenn vor allem Fakten zur Munition in gegnerischen Händen werden. Immer weniger zuversichtlich oder kraftvoll fällt dann der Abwehrkampf aus – wie einst beim Besuch Gorbatschows in Berlin, wie unlängst nach der Grünbein/TellkampDebatte. Dann entstehen, endlich, Chancen auf konstruktiven Streit um gemeinsam Wichtiges. Nutzen wir sie!

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.