erweiterte Suche
Mittwoch, 08.04.2015

Der Millionär und die Suche nach dem großen Glück

Das Lebensgut Pommritz findet einen Lebensretter. Der besitzt einen Bildungskonzern und ein Öko-Hotel in Berlin. In Pommritz hat er viel vor.

Von Andreas Herrmann

1

Bild 1 von 2

Neue Energie: Heinrich Kronbichler kommt mit 420 PS ohne Benzin aus Berlin nach Pommritz. Sein Sportwagen wie auch die große Scheune des Lebensgutes in Pommritz brauchen Sonnenkraft und gute Ideen.Fotos: C. Schumann/A.Herrmann
Neue Energie: Heinrich Kronbichler kommt mit 420 PS ohne Benzin aus Berlin nach Pommritz. Sein Sportwagen wie auch die große Scheune des Lebensgutes in Pommritz brauchen Sonnenkraft und gute Ideen. Fotos: C. Schumann/A.Herrmann

© carmen schumann

  • Neue Energie: Heinrich Kronbichler kommt mit 420 PS ohne Benzin aus Berlin nach Pommritz. Sein Sportwagen wie auch die große Scheune des Lebensgutes in Pommritz brauchen Sonnenkraft und gute Ideen.Fotos: C. Schumann/A.Herrmann
    Neue Energie: Heinrich Kronbichler kommt mit 420 PS ohne Benzin aus Berlin nach Pommritz. Sein Sportwagen wie auch die große Scheune des Lebensgutes in Pommritz brauchen Sonnenkraft und gute Ideen. Fotos: C. Schumann/A.Herrmann

Vor der frischen gelben Scheune mit dem glitzernden Solarzellendach steht ein schnittiger schwarzer Sportwagen. Der passt eigentlich nicht hierher, auf das alte Gut Pommritz, wo andere Gemäuer den Charme guter alter Zeiten verströmen. Es ist ein echter Tesla – jener berühmte amerikanische Sportwagen mit 420 PS für 100 000 Euro, der mittels Akku, je nach Fahrweise, bis zu 400 Kilometer weit kommt und auch in puncto Spritzigkeit und Luxus dem deutschen Automarkt keck den Zahn der Zukunftszeit zeigt.

Er hängt hier an der Steckdose und gehört Heinrich Kronbichler, einem galanten Österreicher. Er ist der ominöse Retter, der seit fast einem Jahr im vagen Gespräch ist. Nun entwickelt sich der Retter, auf dem hier alle Hoffnungen ruhen, vom Gerücht zum Gesicht mit interessanter Vita.

Denn bereits seit mehr als zwei Jahren drohte dem Trägerverein Neue Lebensformen, der das Lebensgut Pommritz seit 22 Jahren verwaltet, die Insolvenz. Der Grund ist eben jene Nordscheune, seit vier Jahren frisch saniert und auf dem Dach mit einer funkelnden Solaranlage versehen, die mit 100 Kilowatt bei Sonnenschein den Eigenstrombedarf des ganzen Gutes decken könnte. Sie wurde für die größte Pommritzer Attraktion vorm Verfall gerettet: „Sophia im Spiegel“ hieß die einzigartige Exposition bislang und umfasst rund sechzig große Installationen des Ex-Gut-Künstlers Ulrich Schollmeyer, die jeweils Hauptgedanken großer Philosophen interaktiv illustrieren. Geplant waren dafür mal 170 000 Euro, davon 100 000 Euro Fördermittel. Durch Auflagen des Bauamtes erhöhten sich die Kosten auf 376 000 Euro. In der Schlussrechnung standen vor vier Jahren dann aber 412 000 Euro. Der Verein zerstritt sich hoffnungslos.

Rettung auf dem Glücks-Kongress

Gut-Begründer Maik Hosang flog in der Folge des Streits aus dem Vorstand. Aber der Philosophie-Dozent traf bei einem Glücks-Kongress in Berlin auf Heinrich Kronbichler und überredete ihn im vergangenen Frühjahr zu einem Besuch im Gut. „Ich bin gleich wieder gefahren, als mir der Streit im Verein klar wurde“, schildert der gebürtige Kufsteiner, Jahrgang 1953, seine erste Begegnung. „Wenn ich investieren soll, muss ich auch etwas zu sagen haben.“ Das wurde ihm später zugesagt, er kam wieder und hat Ende des Jahres gekauft; das Nachbargrundstück, welches einem Ägypter gehörte, gleich mit. Nun gehören ihm 16 Hektar, auf denen 30 Leute, darunter zwölf Kinder, wohnen. Diese Bewohnerzahl soll sich längerfristig verdoppeln, so wie zu Pommritzer Hochzeiten. Eine Zweigstelle seiner Weiterbildungsfirma soll es noch dieses Jahr hier geben, zehn seiner Leute werden hier arbeiten. Und er hatte Gründe, so lange zu schweigen: Er wollte erst alles in Sack und Tüten wissen, vor allem bei den diversen Rechtsstreitigkeiten. Nun ist es soweit, das Gut gehört ihm, er hat große Pläne, um das Lebensgut als einzigartiges Öko- und Sozialprojekt wieder zu beleben.

Mit einem Konzeptpapier überzeugte er die Streithähne und den Vereinsvorstand zum Verkauf. Er werde, so steht da, neben dem Scheunenbau plus Einrichtung einer Bildungswerkstatt – immer in Zusammenarbeit mit Bewohnern und Mitarbeitern des Lebensgutes – einerseits den Bau- und Investitionsrückstau der letzten Jahre aufarbeiten, wozu auch Sanierung und Neubau von Wohngebäuden gehört. Andererseits erfolge eine „Neustrukturierung des Gesamtprojekts in Form einer gemeinwohlorientierten Dachorganisation mit verschiedenen Zweckbetrieben, teilautonomen Unternehmen und Wohnbereichen.“ Am besten wäre ein Stiftung, die Vorbereitungen laufen: „Ein Unternehmen kann innerhalb von zehn Jahren einmal einen Betrag von einer Million steuerlich wirksam stiften“, erklärt Kronbichler, der den kompletten Investitionsbedarf auf mindestens zwei Millionen Euro schätzt. „Diese bin ich auch bereit zu investieren.“

Kronbichler sagt das ruhig, mit leichtem Dialekt – charmant, aber bestimmt. Und lauert auf die Gretchenfrage – jene nach seinem Geld. Natürlich keine einfache Geschichte, die er kurz fasst: Er kaufte den Wirtschafts- und Bildungsservice, kurz Klett WBS genannt, einst vom Ernst Klett Verlag Stuttgart, machte daraus eine eigenständige GmbH, gründete schnell fünf neue Niederlassungen, so auch in Dresden und Berlin, um sich dann 1997 als WBS Training ganz von Klett zu lösen und ein Jahr später die Firma in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, ohne damit an die Börse zu gehen.

Aktuelle Zahlen schießt er locker aus dem Kopf: 170 Niederlassungen, 850 Mitarbeiter plus 600 Trainer, 76 Millionen Umsatz im Jahr 2014. Zum Start waren es fünf Standorte, 30 Leute und 2,5 Millionen Umsatz, in Ostsachsen beschäftigt die WBS in Dresden, Bautzen und Görlitz derzeit rund 20 Leute. Das klingt nach Turbo-Kapitalimus - und war es wohl bis vor zwei Jahren auch. Dann kam ein Umschwung – der fünffache Vater machte einen Radikalschnitt und lief zu den Gemeinwohl-Ökonomen über. Diese noch recht junge Bewegung, die allmählich aus Österreich nach Deutschland schwappt, klingt wie aus fernen Zeiten: Unternehmer verpflichten sich freiwillig zu einer Bilanz, die nicht mehr auf pures Wachstum abzielt, sondern gesellschaftliche Werte in Form von 17 Indikatoren, die dann als eine Art Unternehmerzeugnis zum Prüfsiegel werden, messen soll. Doch sie wächst: Zu Ostern weist deren Netzpräsenz genau 8 152 „UnterstützerInnen“, darunter 1 781 Unternehmen, 226 Vereine, sechs Gemeinden oder Regionen – und 62 PolitikerInnen auf. Der Osten Deutschlands ist dabei nahezu komplett ein großer weißer Fleck, Sachsen sowieso.

Doch für die eigene Firma ist das Prüfsiegel noch schwierig zu erreichen: „Die Gemeinwohlökonomie hat sich leider noch nicht mit dem Thema Weiterbildungsträger und deren freien Trainern auseinandergesetzt. Viele Trainer wollen gar nicht angestellt werden.“ Und als Unternehmer könne man das im derzeitigen System auch nicht.“ Für Pommritz hingegen sei das gar kein Problem: „Hier werden wir ganz schnell zertifizieren können“, sagt er.

WBS Training, so steht es im Konzept, wird ein Bildungsprojekt installieren, welches langzeitarbeitslose Menschen in handwerklichen und ökologischen Berufen ausbildet oder umschult. Zehn seiner Leute sollen bald hier arbeiten, die Lernenden können drei bis zwölf Monate lang hier wohnen. Gespräche mit dem Bautzener Arbeitsamt sind geplant, aber auch mit dem Bundeswirtschaftsministerium will Kronbichler wegen der nötigen Unterstützung reden: „Wir denken landesweit, nicht in Arbeitsamtbezirken.“

Zudem besitzt Kronbichler in Berlin-Köpenick, direkt an Spree und Wuhlheide gelegen, ein Hotel, in dessen Anbau er wohnt. Das Bio-Hotel Essentis hat nicht nur vegane Bioküche und Greenpeace-Öko-Strom, sondern auch ein recht außergewöhnliches Tagungsprogramm. Höhepunkt des Jahres: Das „Festival der Liebe“ – die zweite Ausgabe Anfang September dauert fünf Tage, kostet für Frühbucher derzeit 400 Euro und wirbt mit Bestseller-Autor Anselm Grün und dem Neurobiologen Gerald Hüther als Stars. Unter den Referenten, hier Speaker genannt, aber auch Eckehard Binas, bis 2014 noch Professor für Kulturphilosophie und Transformation an der Hochschule Zittau/Görlitz und seither Präsident der Hochschule Potsdam. Und dessen derzeitiger Vertreter: Dr. Maik Hosang.

Abkehr vom Turbo-Kapitalismus

Bis dahin bekommt Hosang, nach dem spektakulären Deal wieder der gefragteste Mann auf dem Gut, sein Lieblingsprojekt in der Scheune fertig. Mehr noch: „Sophies Welt in Epikurs Garten“ wird zu einem Forschungsprojekt im Studiengang Kultur und Management der Görlitzer Hochschule – „Edutainment“ nennt es sich.

Der Tesla-Akku ist mittlerweile geladen, Kronbichler will zurück nach Berlin. „Wollen Sie mal den Motor sehen?“, lächelt er süffisant beim Anblick der Verwunderung. Warum nicht? Unter der Haube klafft ein Loch, groß genug für drei Bierkästen und zwei Schlafsäcke. In 135 Minuten von seinem Hotel Berlin-Köpenick bis hierher in die Oberlausitz – für ganze sieben Euro, so preist er die Vorzüge des Flitzers. Kurz vor dem Einsteigen erläutert er noch einmal seine Motive: „Wir müssen wirklich umdenken. Geld darf kein Wert an sich sein. Und die Natur ist nur einmal da.“ Daher habe er den Schnitt gemacht: Umbau des Hotels auf Öko- und Bioambiente, Umbau von WBS Training auf Gemeinwohl-Orientierung, alle Konten bei der gemeinnützigen Bochumer GLS-Genossenschaftsbank. „Zinsen brauche ich nicht – und nun auch kein Benzin mehr.“ Dann düst er los. Um von nun an alle zwei Wochen hier nahezu lautlos einzuschweben.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. chris ro

    Ein Unternehmer der Zukunft. Zuerst kommt das Allgemeinwohl - und dennoch weil es ein Win-Win Deal im Grundsatz ist kommt auch er ökonomisch nicht zu kurz. Von der Lebensqualität her gewinnt er im jedenfall. So möge das Unternehmertum der Zukunft sich gestalten , dann darf auch ruhig der Kapitalismus noch ein wenig bestehen - ach ja, dann ist es ja gar kein Kapitalismus mehr ;)

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.