erweiterte Suche
Donnerstag, 08.11.2018

Der kargste Ausdruck für die größten Gräuel

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Michael Sanderling & Dresdner Philharmonie: Beethovens 9. und Schostakowitschs 13. Sinfonie (2 CDs/Sony)
Michael Sanderling & Dresdner Philharmonie: Beethovens 9. und Schostakowitschs 13. Sinfonie (2 CDs/Sony)

Die phänomenale Edition, mit der die Dresdner Philharmonie Ludwig van Beethoven und Dmitri Schostakowitsch würdigt, findet nun ihren atemberaubenden Höhepunkt. Mit der Doppel-CD, die der berühmten 9. Sinfonie des einen die suggestive 13. des anderen gegenüberstellt, beides Werke, denen Solo- und Chorgesänge maßgebliche Akzente verleihen, schließt Chefdirigent Michael Sanderling den Kreis. Ende November werden übrigens alle Beethoven-Sinfonien, nicht nur die mit Schostakowitsch gekoppelten, als Box erscheinen.

Sanderling, der im kommenden Sommer Abschied von Dresden nehmen wird, setzt sich und dem Orchester, das er über sieben schwierige und schöne Jahre hinweg geformt und gefordert hat, damit ein tonales Denkmal. Gegen anfänglich zum Teil erheblichen Widerstand hat er eine historisch informierte Deutung Beethovens erarbeitet, mit der das Orchester auch international viel Anerkennung gewonnen hat. Die d-Moll-Sinfonie op. 125 mit dem auratischen Schlusschor über Schillers „Ode an die Freude“ vereint auf sinnfällige Weise die höchst differenzierte Intonation des Orchesters mit mitreißender Musizierfreude aller Beteiligten – denn auch die vier Solisten und der MDR-Rundfunkchor machen ihre Sache fantastisch.

Womit man nicht unbedingt rechnen konnte, da Beethovens Neunte gemeinhin als unübertroffene Krönung des Genres gilt: In der musikalischen Substanz, der metaphorischen Tiefe und der überwältigenden Wirkung erweist sich das Werk Schostakowitschs als mindestens ebenbürtig. Der Russe, der sich wider alle Anfechtungen und Feindseligkeiten über die komplizierten Jahrzehnte der Stalin-Ära hinweg in der sowjetischen Musikszene gehalten und behauptet hatte und nicht wie andere in den Westen gegangen war, vertonte 1962 fünf Gedichte des damals noch jungen Lyrikers Jewgeni Jewtuschenko.

Die gewichtigsten Partien der b-Moll-Sinfonie sind, nicht nur aus emotionaler Sicht, der erste und der vierte Teil. Im Kopfsatz gedenkt Schostakowitsch der Toten von Babi Yar. In der gleichnamigen Schlucht bei Kiew hatten 1941 die deutschen Besatzer, unterstützt von Teilen der ukrainischen Miliz, weit über 30 000 Juden abgeschlachtet und verscharrt. Der Dichter Jewtuschenko beweinte in seinen Versen nicht nur die Opfer. Er beklagte auch, dass die Mitschuld von Einheimischen an den antisemitischen Gräueln nicht aufgearbeitet worden war, und Schostakowitsch fand für diesen Zwiespalt kargsten Ausdruck. Er schuf ein Adagio, das den Hörern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Im „Strachi“ überschriebenen vierten Satz werden Ängste beschworen, die allgemeinerer Natur sind, wiewohl Schostakowitsch nie vordergründig „pro oder contra“ agierte, sondern ein umfassendes, vieldeutiges Plädoyer für die Menschlichkeit und gegen jede Art von Terror hinterließ. Und er schrieb immer aber auch Musik um der Musik selbst willen. Die Kraft und Tiefe dieses sinfonischen Werkes hat Sanderling mit seinem Orchester, das einmal über sich selbst hinauswuchs, auf grandiose Weise hörbar gemacht. Die Größe des Erlebnisses ist auch dem charismatischen Bass von Michail Petrenko und dem ebenfalls überragenden Gesang des von Mikk Üleoja geleiteten Estonian National Male Choirs zu danken. Hier hat ein führendes Schostakowitsch-Orchester mit einem der weltbesten Männerchöre in Hochform zusammengefunden. Die Aufnahme ist ein Meilenstein und – zusammen mit der vor Weihnachten zu erwartenden Beethoven-Box – das markante Abschiedsgeschenk eines Dirigenten, dessen Weggang für Dresden ein großer Verlust sein wird.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.