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Der Hitmacher der DDR

Er hat den City-Klassiker „Am Fenster“ und die erfolgreichsten Platten von Silly, Karat und den Puhdys produziert. Jetzt wird Helmar Federowski 70 und sitzt immer noch am Regler.

30.04.2016
Von Andy Dallmann

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cher der DDR
In seinem Kesselsdorfer Kellerstudio produziert Helmar Federowski jetzt das Debüt von Nachwuchssänger Manuel. Einst bediente er die Regler für die DDR-Stars.

© Jürgen Lösel

Wäre Helmar Federowski Amerikaner, würde er sich ständig auf den Partys der Reichen und Schönen tummeln. Als Hitproduzent gehörte er einfach dazu, zählte zu den Stars der Popszene und könnte sein Geld niemals so schnell ausgeben, wie er es verdiente. Weil aber Helmar Federowski am 3. Mai 1946 in Freital-Deuben geboren wurde und Hitproduzent beim DDR-Staatslabel Amiga war, wissen die schönen Reichen nichts von ihm. Und so feiert er am Mittwoch seinen 70. Geburtstag ohne den Glamour eigens anreisender Musikgrößen, sondern bescheiden mit Freunden und Familie. Wer braucht denn auch Ruhm und Reichtum, wenn er mit sich wie der Welt zufrieden ist?

Das künstliche Licht seines Kellerstudios lässt keine Schmeichel-Atmosphäre aufkommen. Muss es auch nicht. Groß, schlank, auffallend fit. So sieht keiner aus, der jahrelang rauchend, saufend, koksend den Zampano am Mischpult gab. Federowski lacht auf. „Nee, bei Amiga herrschte strenges Rauch- und vor allem Alkoholverbot. Von den Musikern haben sich aber nur die Puhdys dran gehalten.“ Koks gehört sowieso eher zu den Klischeezutaten für Popproduzenten in Übersee. Von denen unterschied sich Federowski allein schon durch die Berufsbezeichnung.

Weil in der DDR Westbegriffe gern durch skurrile Wortschöpfungen ersetzt wurden, war er von 1972 bis 1986 als Musik- und Tonregisseur bei Amiga angestellt. Der Einzige, der mit seiner Arbeit Goldene Schallplatten – zweimal mit Karat – im Westen einfuhr. Das macht ihn noch heute stolz und bringt ihn zugleich auf die Palme. „Die Auszeichnungen konnte ich an der Wand hängen sehen, wenn ich zu meinem Chef ins Büro kam. Die eigentlichen Macher bekamen von diesem Erfolg rein gar nichts ab. Eine Frechheit!“ Federowski schluckt, schüttelt den Lockenkopf und nestelt am Brillenbügel herum. „Deshalb habe ich dann ja auch hingeschmissen.“

Ausgerechnet eine Prämie brachte das Fass zum Überlaufen. „1986, bei der Weihnachtsfeier des VEB Deutsche Schallplatten Berlin, wurde ich mal nicht als Aktivist oder so ausgezeichnet, sondern bekam einen Umschlag.“ Federowski winkt ab. „300 Mark waren drinne, 300 Mark! Dabei ist allein Karats ,Blauer Planet’, den ich gemacht hatte, eine Million Mal verkauft worden.“ Dieser Moment größter Entrüstung wirkt noch immer nach. Der Mann, der eben so charmant-lässig plauderte, steht kurz vor einer inneren Explosion. Dreimal durchatmen, und die alte Sachlichkeit ist zurück. Er habe daraufhin beschlossen, seine ganze berufliche Kraft in die bisher nebenbei betriebene Helmar-Federowski-Band zu stecken. „Das war sehr schön und zunehmend erfolgreich. Immerhin traten wir im Fernsehen auf, spielten in der Sowjetunion und sogar in der Schweiz.“

Die wirklich spannenden Geschichten spielen dennoch fast alle bei Amiga. „Eigentlich wurde ich dort auch wie ein König behandelt, habe fast nur mit den Spitzenleuten gearbeitet.“ Die Regel hieß damals: Federowski macht die Puhdys, Karat, Silly – und wenn dann noch Zeit bleibt, auch mal was anderes. Das andere waren unter anderem Karel Gott, Nina Hagen, Stern Meißen, Berluc, Frank Schöbel, Veronika Fischer. Seinen ersten Megahit fabrizierte er jedoch illegal. „Es lief 1978 eine ganz normale Auftragsproduktion mit der noch jungen Band City. Wir verstanden uns auf Anhieb, sie luden mich ins Konzert ein, danach waren wir was trinken.“ Federowski habe den Musikern beim Bier erklärt, dass der letzte Song der Show der beste gewesen sei und unbedingt aufgenommen werden müsste. „Amiga hatte das Lied, aus welchem Grund auch immer, abgelehnt.“ Im Studio zogen sie dann heimlich bis früh um vier durch. „Die Band spielte live, ungefähr zehnmal, das Beste habe ich zusammengeschnitten.“ Damit war „Am Fenster“ fertig, ein Song, der sich bis heute mehr als zehn Millionen Mal verkaufte.

Den Anfang seiner Karriere hatte Federowski dagegen völlig vergeigt. Sagt er selbst. Nach fünf harten Jahren Tonmeisterausbildung kam er zu Amiga, durchlief diverse Abteilungen und saß, weil sich der für den Job eingeteilte Kollege einen Arm gebrochen hatte, 1973 erstmals alleine am Mischpult. Erst die Platte der Dixieland Allstars, danach Renft. „Eine desaströse Arbeit“, sagt Federowski, der wirklich Schlechtes mit Vorliebe als desaströs bezeichnet und dabei spitzlippig das Ö betont. „Mir fehlte noch die Erfahrung, die Musiker waren auch nicht wirklich Könner an ihren Instrumenten. Und beides kann man sehr gut hören.“

Damals wagte er noch nicht, unmotivierte Künstler auf Trab zu bringen. „Später habe ich schon mal jemanden rausgeschmissen.“ Berluc zum Beispiel. „Die waren so mies vorbereitet, spielten so schlecht, dass ich gesagt habe: Wir hören jetzt auf und ihr gebt eure Spielberechtigungen zurück.“ Die Band redet seither nicht mehr mit ihm, die Platte erschien dennoch.

„Auch so ein spezieller Kandidat war Herbert Dreilich.“ Federowski lehnt sich zurück und grinst. „Der hatte nie geübt und nie Zeit, wahrscheinlich wegen irgendwelcher Weiber.“ Zwei Tage seien im Schnitt draufgegangen, um mit ihm den Gesang für ein neues Karat-Lied aufzunehmen. „Maschine von den Puhdys hat dafür nie mehr als eine Stunde gebraucht.“ Zwölf Alben machte Federowski mit dieser Band und schwärmt noch heute, wie reibungslos alles lief. Mit einer Ausnahme. „,Jodelkuh Lotte’ ist eine Katastrophenproduktion, alles an diesem Lied ist desaströs, das schlimmste Stück, das die Puhdys je gemacht haben.“ Er habe es der Band leider, leider nicht ausreden können. Auf dem Album „Puhdys“ von 1975 kam die – tatsächlich reichlich krude – Nummer schließlich in die Welt. „Egal, längst vergessen.“

Eingeprägt hat sich dem Musik- und Tonregisseur, der vor seiner Ausbildung zwei Jahre lang an der Dresdner Musikhochschule Gesang studiert hatte, speziell die eiserne Disziplin von Dieter „Maschine“ Birr. Er habe alle Aufnahmen förmlich alleine gemacht, bis aufs Schlagzeug und bis auf die Keyboards, die Peter Meyer spielte. „Harry Jeske war nie dabei, wenn die Puhdys eine Platte aufnahmen. Den Bass hat immer Maschine gespielt.“ Eine absolut sinnvolle Form der Arbeitsteilung, sagt Federowski. „Harry war ein super Geschäftsmann, aber sein Bassspiel konnte man ja einfach nicht aufnehmen.“

Anfang der 70er-Jahre war Amiga innerhalb des VEB Deutsche Schallplatten noch das belächelte Nischenkind; die Klassiker von Eterna machten die Ansagen. „Uns nahm dort niemand ernst, bis Amiga in den 80ern die eigentlichen Umsätze lieferte. Damit bekam die populäre Musik einen ganz anderen Stellenwert.“ Die Technik wurde aufgerüstet, regelmäßig präsentierten nun Vertreter aus dem Westen schicke Neuheiten. „Das Einzige, was vom Studioinventar überhaupt aus DDR-Produktion kam, waren die Stühle und die Kaffeetassen“, sagt Helmar Federowski. „Brauchte man aber spezielle Geräte, musste man sehr viel Geduld haben.“

Vor den Aufnahmen von Sillys Album „Bataillon d‘Amour“ bewies er besagten langen Atem. „Mit dieser Band zu arbeiten, war großartig und immer wieder eine Herausforderung.“ Die Musiker seien nicht nur höllisch kreativ, sondern auch technisch extrem interessiert gewesen. „Für den Sound, der uns vorschwebte, brauchten wir nun mal aber ein Hallgerät, das es bei uns nicht gab.“ Man bettelte, wartete, bekam irgendwann die ersehnte Lieferung aus Westberlin und konnte loslegen. Das Ergebnis wurde zur Legende.

Federowski: „Das war das technisch Anspruchsvollste, was ich je gemacht habe.“ Und ein Beweis dafür, dass mit guten Songs und einem guten Mann am Mischpult einfach nur etwas Gutes rauskommen kann. Oder, wie es Maschine gesagt haben soll: Der Erfolg eines Liedes wird am Mischpult gemacht. Was der Produzent bescheiden relativiert: „Die Musik entstand und entsteht vorm Mikrofon.“

Sein persönlicher Höhenflug mit Silly war nur ein kurzer. 1986 kündigte er, während des Folgejahres arbeitete er nur noch mit einem Geheim-Vertrag für Amiga. „Ich habe das Papier unterschrieben, dann kam es sofort in den Panzerschrank.“ Der brisante Deal: „Wenn 100 000 Exemplare von einem Album verkauft sind, bekomme ich für die folgenden 10 000 Stück 10 000 Mark Vergütung – zum Gehalt obendrauf.“ Federowski lacht lauthals. „Aber das fand nicht statt, weil niemand mehr so viele Platten verkaufte.“ Den Leuten sei zunehmend alles egal gewesen, was aus der DDR kam, so brachen auch bei Amiga die Umsätze ein. Für viele Bands ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihnen nach dem Mauerfall blühte.

Richtig gefuchst hat Federowski damals, dass seine Arbeit verfälscht bei den Plattenkäufern ankam. „Die Amiga-Produktionen waren schon gut, durchaus vergleichbar mit dem, was im Westen gemacht wurde. Das Problem für uns lauerte im Presswerk.“ Weil die Ziphona-Plattenspieler „desaströs schlechte“ Abtastsysteme hatten, knisterte es bei zu viel Dynamik aus den Boxen. Nach etlichen Beschwerden sollte das über die Schallplatten zurechtgetrickst werden. „Im Presswerk saß einer, der die Bänder durchlaufen ließ und guckte, ob da irgendwo etwas überm Grenzwert lag – und regelte dann prompt die ganze Platte runter.“ Darauf gekommen sei er, als ihm die Puhdys eine ihrer Platten in der Westversion schenkten und er über den tollen Sound, den er ja selbst fabriziert hatte, nur staunen konnte.

Sein Fazit: „Das passiert mir mit der nächsten Silly-Platte schon mal nicht“. Federowski setzte sich im Presswerk an die Kontrollmonitore und überwachte eigenhändig, wie „Mont Klamott“ in Serie ging. Wie es dann nach der Wende mit Amiga bergab ging, erlebte er dagegen nur aus der Distanz.

Mit seiner Band tingelte er durch das wiedervereinigte Land, begleitete das Travestieduo Mary und Gordy, kam zurecht. Bis sich 1993 die Kollegen Jobs mit sicherer Perspektive suchten. „Die Auflösung der Band war definitiv ein Fehler; noch ein, zwei Jahre, dann wäre es richtig gut gelaufen“, vermutet er heute.

1994 kehrte der Ex-Kruzianer aus Berlin zurück in die alte Heimat. Sein Sohn aus erster Ehe wollte nach seinem USA-Austauschjahr kein Jahr vergeuden und hier, also nach zwölf Jahren Schule, Abitur machen. Eine Entscheidung mit Folgen. Federowski lernte seine zweite Frau, eine Wilsdruffer Schuldirektorin, kennen, baute ein Haus, bekam eine Tochter, die jetzt gerade Abitur macht. Er schrieb ein Musical, gründete einen Chor, produziert nebenbei und arbeitet in erster Linie als Gesangs- und Klavierlehrer. „Ruhestand? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, sagt er. Durch die jahrelange Selbstständigkeit fiele seine Rente auch nicht gerade üppig aus. „Außerdem muss ich kreativ sein.“ Er bereue nur, nicht eher fleißig gewesen zu sein. „Arndt Bause hat mal zu mir gesagt: Ich schreibe jeden Tag einen Song, macht also 350 pro Jahr.“ Davon würde er 300 wegschmeißen, 50 würden vielleicht zu Hits. „Das hätte ich mal genauso machen sollen.“