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Dienstag, 10.07.2018

Der „Halbjude“ an Honeckers Seite

Heinz Lippmann saß im KZ, machte in der DDR Karriere, floh in den Westen und arbeitete für den Verfassungsschutz.

Von Christian Ruf

Heinz Lippmann (1912–1974) brachte es vom Stellvertreter Erich Honeckers bei der FDJ bis zum West-Überläufer und „Verräter“.
Heinz Lippmann (1912–1974) brachte es vom Stellvertreter Erich Honeckers bei der FDJ bis zum West-Überläufer und „Verräter“.

© privat

Nur wenige Monate nach dem Sturz Walter Ulbrichts und dem Machtantritt Honeckers 1971 erschien in der Bundesrepublik das Buch „Erich Honecker. Porträt eines Nachfolgers“. In der DDR wurde es weder erwähnt noch vertrieben. Aus mehreren guten Gründen: Verfasst hatte es Heinz Lippmann, einst eine mittelgroße Nummer in der SED und als Stellvertreter Honeckers eine große Nummer in der FDJ. Von 1949 bis 1952 war er Mitglied der Westkommission des Politbüros der SED gewesen, hatte sich 1953 aber in den Westen abgesetzt.

„Sie nannten ihn Verräter“ heißt nun der Band über Lippmanns turbulenten Lebensweg, nachgezeichnet von Karoline Kleinert: Lippmann war ihr Großvater, über den in der Familie aber nur ungern gesprochen wurde. Auch wenn der untreue Womanizer zum Zeitpunkt der Flucht von Kleinerts Großmutter Inge bereits geschieden war. Kleinerts Großmutter nennt Lippmann meist nur „das Schwein“, hat er aus ihrer Sicht doch alles verraten, woran sie glaubt(e): ihre Liebe, die Familie und die Idee eines sozialistischen Deutschlands. Aber so sehr Kleinerts Großmutter von der DDR überzeugt war, sie gab sich 1955 nicht dafür her, als IM der Stasi andere Westemigranten zu bespitzeln.

Die studierte Politikwissenschaftlerin Kleinert versuchte, sich dem Menschen hinter der historischen Figur anzunähern, sprach mit Freunden und Weggefährten Heinz Lippmans, sichtete Briefe, Stasi- und BND-Akten. Mal gelingt es ihr, die Leerstellen zwischen den Fragmenten zu füllen, vieles bleibt jedoch Spekulation. Auf manche in den Raum gestellte Frage vermag auch Kleinert keine Antwort zu geben.

Die Biografie Lippmanns ist eine Achterbahnfahrt durch die deutsch-deutsche Geschichte. Geboren 1912 in Berlin, überlebte der „Halbjude“, für den eine Welt zusammenbrach, als er aus der HJ geschmissen wurde, die KZs Auschwitz und Buchenwald nur mithilfe kommunistischer Mithäftlinge. Eine falsche Angabe im Fragebogen über die Umstände seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten brachte Lippmann in der stalinistischen DDR in den Verdacht, ein Gestapo-Spitzel gewesen zu sein. Dann wird sein Freund Peter Heilmann verhaftet und sein Gönner, das Politbüromitglied Franz Dahlem, kaltgestellt.

Kommunistische Hexenjagd

Es ist die Zeit der sich kontinuierlich steigernden Agentenhysterie, wobei die kommunistische Hexenjagd sich durch den gesamten Ostblock zieht. Zuhauf fallen überzeugte Kommunisten, vor allem jüdischstämmige sowie solche, die im Westen und nicht in der Sowjetunion das Dritte Reich überlebt hatten, den Säuberungen zum Opfer. Lippmann flüchtet – vielleicht in einem Anfall von Panik – in den Westen. Und nimmt dabei 300 000 Mark aus der Parteikasse mit, die eigentlich dafür gedacht gewesen waren, die FDJ im Westen zu stärken, nun aber beim SED-Zentralkomitee hätten abgeliefert werden sollen.

Es sind nicht zuletzt Einblicke wie diese auf die DDR und ihre Organisationen, die Kleinerts Werk so lesenswert machen. Etwa wenn vermittelt wird, wie die FDJ im Westen ihre fehlende Massenwirksamkeit durch spektakuläre und provokative Aktionen wettzumachen suchte. Als die FDJ 1951 in der Bundesrepublik verboten wird, setzt man auf Untergrundtätigkeit und wendet dafür auch erhebliche Mittel auf. Wie man erfährt, brachte die Flucht Lippmanns auch Honecker zeitweise in Bedrängnis. Bekanntlich machte er dann aber doch Karriere im SED-Staat.

Im Westen erlangt Lippmann ob seines Hangs zu schönen Frauen und einem Faible für flottes Nachtleben einen zweifelhaften Ruf als „roter Lebemann“. Als das Bundesverfassungsgericht über ein Verbot der KPD verhandelt, muss auch der offenbar noch lange Rückkehrpläne hegende Lippmann Rede und Antwort stehen. Für die Ermittler ist er der ideale Zeuge, was die Westarbeit der DDR-Regierungskreise angeht. Kleinert mutmaßt, dass Lippmann damit in eine Situation gerät, die er an sich hatte vermeiden wollen, nämlich einstige Mitkämpfer anzuschwärzen. Aber auch sie räumt ein, dass ihr Großvater umfangreiche Angaben machte.

Lippmann war nicht unbedingt ein Freund des „sozialistischen“ Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Zunehmend engagierte er sich gegen die DDR. 1959 gründete er die Zeitschrift Der dritte Weg, die vom Verfassungsschutz mitfinanziert, illegal im Osten vertrieben und 1964 wegen Enttarnung eingestellt wurde. Er lernte andere Renegaten kennen, darunter Wolfgang Leonhard, Autor des berühmten Buches „Die Revolution entlässt ihre Kinder“. Der Gesprächskreis im Hause Leonhard nannte sich scherzhaft „Politbüro“. Bestimmte Kontakte in die DDR versuchte Lippmann weiterhin zu pflegen. Für die Staatssicherheit war er der Feind schlechthin und musste enttäuscht erfahren: Mindestens drei Menschen in seiner engsten Umgebung, darunter sein alter Freund Heilmann, bespitzelten ihn für das MfS.

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

1963 trat er in die SPD ein und wurde 1973 Mitarbeiter im Gesamtdeutschen Institut in Bonn. Schon ein Jahr darauf starb Heinz Lippmann im Alter von gerade mal 52 Jahren. Pikanterweise erklangen laut Karoline Kleinert bei der Trauerfeier die Arbeiterlieder „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ und „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Das kam nicht bei allen Mitarbeitern des Gesamtdeutschen Instituts gut an.

Karoline Kleinert: Sie nannten ihn Verräter. Rowohlt, 320 S., 22 Euro