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Dienstag, 07.06.2011

Der Goldene Reiter scheut

Das letzte Bild, das Hans Körnig 1961 in Dresden malte, heißt „Begräbnis der Vergangenheit“. Eine Ausstellung erzählt vom Weggehen und Ankommen.

Von Birgit Grimm

Der Dresdner Maler Hans Körnig begab sich im Sommer 1961 mit Frau und Tochter von Westberlin aus auf eine Reise durch Belgien und die Niederlande. Das war nicht verboten, aber auch nicht ganz legal. Als am 13. August der Bau der Mauer begann, waren Körnigs in Amsterdam. Sie kehrten von dieser Urlaubsreise nicht in die DDR zurück, zumal die beiden Stieftöchter des Malers bereits im Westen waren.

Das letzte Bild, das Hans Körnig in Dresden gemalt hatte, hat aus heutiger Sicht prophetischen Charakter. Oder aber es deutet darauf hin, dass Körnig ohnehin einen Schlussstrich unter die DDR und somit sein Leben in Dresden ziehen wollte. Das kryptische Bild heißt „Begräbnis der Vergangenheit“, zeigt eine Szene auf dem Friedhof in der Dresdner Neustadt, darüber zwei Züge, von denen einer Richtung Osten, einer Richtung Westen fährt. Ein Kompass hat keinen Norden, dafür zweimal Westen. Doch über allem steht ein Regenbogen als Sinnbild der Versöhnung.

Notgedrungen Niederwinkling

Hans Körnig hatte einst sein Atelier in dem Haus, in dem jetzt das privat finanzierte Museum Körnigreich residiert. Auf dem Wäscheboden organisierte er 1954 und 1955 seine legendär gewordenen Dachbodenausstellungen. Mit der Führung des Verbandes der Bildenden Künstler lag er bald danach schon über Kreuz. Eine Grafik zeigt den Goldenen Reiter, der vor der Sowjetfahne scheut. Als Körnig das Blatt – mit offizieller Genehmigung – in Westberlin ausstellte, wurde er aus dem Künstlerverband ausgeschlossen.

Im Westen kam Körnig nie richtig an. 1969 schrieb er an Fritz Löffler nach Dresden: „Drüben ist’s der Sozialistische Realismus auf Staatsraison mit seinen stinklangweiligen senilen Auswüchsen – hier das andere Extrem mit den abartigsten, unmenschlichsten Entgleisungen. Verhungern kann man unter Umständen hüben wie drüben, wenn man stur ist und sich nicht als geschickter Opportunist den Wünschen anpasst.“ In Berlin hätte er gern gelebt, doch dafür fehlte das Geld. Die Familie zog notgedrungen nach Niederwinkling. Doch mit dem Leben in dem kleinen Ort und mit dem „Halleluja-Gemache“ am Fuße des Bayerischen Waldes kam Körnig nicht klar. 1989 nahm er sich das Leben.

Die neue Sonderschau im Körnigreich konzentriert sich auf Arbeiten aus den 1950er- und 60er-Jahren. Sie zeigt, wie Körnig die Querelen in der DDR reflektierte. Sie zeigt das Unterwegssein als Quelle der Inspiration. Auf jeder Urlaubsreise zeichnete er. In Berlin entstand 1965 ein 33-teiliger Zyklus: Blicke auf die Mauer vom Westen aus. Körnig war einer der Ersten, der Mauerbilder schuf.

Immer wieder malte Körnig seine Reise-Impressionen auch auf kleine Holztafeln. Diese detailreichen, starkfarbigen Bilder sind im Familienbesitz und in dieser Sonderausstellung des Museums erstmals öffentlich zu sehen.

Museum Körnigreich, Dresden, Wallgässchen2; Do – Mo 11 – 18 Uhr. Katalog 19,90 Euro