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Dienstag, 15.05.2018

Der entblößte Adam

Das Schauspielhaus Zürich gastierte mit Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ in Dresden und spielt auf die Vertreibung aus dem Paradies an.

Von Rainer Kasselt

Ein großartiges Ensemble spielt den Kleist’schen Klassiker mit einem zuweilen nackten Dorfrichter Adam.
Ein großartiges Ensemble spielt den Kleist’schen Klassiker mit einem zuweilen nackten Dorfrichter Adam.

© Matthias Horn

Dorfrichter Adam hockt winselnd und splitternackt auf seinem Bürostuhl. Er leckt seine Wunden. Der Körper zerkratzt, der kahle Kopf blutig, die Beine zerschunden. Schreiber Licht betrachtet den Chef mit kaum verhohlener Schadenfreude und kündigt unangenehmen Besuch an. Gerichtsrat Walter kommt als Revisor ins Dörfchen, wo Adam seit zehn Jahren auf seine, sagen wir: unorthodoxe Weise Recht spricht. Zu allem Unglück ist noch sein Statussymbol verschwunden, die Perücke.

Am Wochenende gastierte mit zwei gefeierten Vorstellungen das Schauspielhaus Zürich im Staatsschauspiel Dresden. Im Gepäck Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, uraufgeführt 1808 in Weimar. In der Regie von Geheimrat Goethe ein Flop. Seit zweihundert Jahren das meistgespielte deutsche Lustspiel. Vielschichtig, witzig, sprachkräftig, poetisch, ironisch, voller List und Tücke, ein Spaß mit tieferer Bedeutung. Sittenbild mit starken Hieben gegen Justiz und Dünkeltum. Die Zürcher Intendantin Barbara Frey inszeniert Kleists Stück als zeitloses Drama, mit Eleganz und Esprit, präzise in Gestik und Detail. Nicht ohne diskreten Bezug auf die aktuelle MeToo-Debatte. Der Gerichtsrat legt wie absichtslos die Hand auf Eves Knie. Und Adam, seine Position nutzend, ist scharf auf die Dorfschöne.

Kleists genialer Einfall, den Richter über sich selbst Gericht sitzen zu lassen, wird in der Inszenierung ausgekostet. Wie sich Adam auch dreht und wendet, er ist es, der nachts in Eves Kammer schlich, dabei von ihrem Verlobten, dem Bauernburschen Ruprecht, überrascht wurde. Findig und nicht faul ersinnt er im Prozess um den zerbrochenen Krug, den er auf der Flucht zerstörte, immer neue Ausflüchte, schiebt Ruprecht die Schuld in die Schuhe. Gespielt wird auf dunkler Drehbühne von Muriel Gerstner, halb Mausoleum, halb Karussell mit engen Kabinen.

Perfekt gefeilte Dialoge

Das Zürcher Ensemble ist großartig, jede Figur ein Charakter, jeder Dialog ein Fest. Wenn schon Lustspiel, dann auch Spiel mit den Personen. Ruprecht, agil, hitzköpfig, empört, wird von einer famos auftrumpfenden Frau, von Inga Busch, verkörpert. Frau Brigitte, die den Teufel mit Klumpfuß gesehen haben will, wird verteufelt gut von einem Mann gespielt, von Graham F. Valentine.

Gerichtsrat Walter, graue Eminenz im grauen Anzug, ist der politische Kopf der Aufführung. Als der Prozess auf eine Entlarvung der Justiz hinausläuft, entscheidet er gegen Recht und Gesetz und das störrische Volk. Kühl und machtbewusst: Hans Kremer. Schreiber Licht, immer lächelnd, als intriganter Schmeichler von Michael Tregor in Szene gesetzt, will auf Adams Stuhl. Wie ein Angler, der den Köder auswirft, wartet er auf seinen Fang. Eves Mutter ist bei Friederike Wagner ein bodenständiges, keifendes Biest, das mit derben Worten Gerechtigkeit für sich und ihren kaputten Krug, „den schönsten aller Krüge“, einfordert. Eve schweigt lange, ehe die Wahrheit aus ihr hervorbricht. Sie ist bei Lisa-Katrina Mayer keine ängstliche Maid vom Lande, sondern eine junge, selbstbewusste Frau, die sich von niemandem als „liederliche Metze“ beschimpfen lässt.

Der 90-minütige, gut gekürzte Abend ist der Abend des Markus Scheumann. Sein schlauköpfiger, selbstherrlicher, verunsicherter, devoter, schlagfertiger Adam ist ein Ereignis. Er wird bis auf die nackte Haut entblößt und rettet sich in seine Robe, die ihm frischen Schwung verleiht. Wie er, in die Ecke gedrängt, immer neue Ausreden erfindet, um seinen Kopf zu retten, muss man gesehen haben. Das Dresdner Publikum geizte nicht mit Bravos und Beifall.

Zuletzt dreht sich das Karussell immer schneller, jede Kabine mit einer Figur besetzt. Alle nackt, wie nach der Vertreibung aus dem biblischen Paradies, hocken sie gekrümmt und gekränkt zwischen den Wänden. Schreiber Licht hat sich die Perücke gekrallt. Der alte Adam geht, der neue steht bereit. Arme Sünder weit und breit, und kein Ende abzusehen. Kleists Lustspiel wird zum Frustspiel.

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