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Donnerstag, 14.06.2018

Der Dschihad aus Dschermany

Das Künstlerkollektiv Slavs and Tatars forscht rund um das Alphabet zu Kriegspropaganda und verschollenen Schriften.

Von Uwe Salzbrenner

Jetzt im Lipsius-Bau zu sehen: „Love Letters No.9“, eine Wollgarn-Arbeit des Künstlerkollektiv Slavs and Tatars.
Jetzt im Lipsius-Bau zu sehen: „Love Letters No. 9“, eine Wollgarn-Arbeit des Künstlerkollektiv Slavs and Tatars.

© PR

Wenn wir Deutschen Wörter von außerhalb Europas übernehmen, erfinden wir sie gern so nach, wie man sie in der fremden Sprache spricht. Dschebel ist der Berg bei den Arabern, Dschingis der große Khan der Mongolen, Dschihad der Moslems heiliger Krieg. Womöglich, fragt das Künstlerkollektiv Slavs and Tatars, schreibt man „Dsch“, um die Fremdheit, die Herkunft aus einer anderen Kultur zu betonen? Noch der übers Englische aus der Hindu-Sprache eingewanderte Dschungel wird im Schriftbild durch vier Buchstaben vom Gin und von Gentleman unterschieden, von John und Jack, obwohl diese Wörter alle denselben weichen Laut meinen. „Dschentrifizierung“ haben die Künstler aufs Banner vor der Ausstellungshalle im Lipsius-Bau drucken lassen, Dschetlag auf das Büchlein mit helfenden Texten; Dschoggingschuh, Dschin Tonic, Dschermany auf Plakaten, Flugzetteln, Einladungskarten. Man möchte das Spiel fortsetzen, mit Dschoker und Dschockey, mit flaschenweise Dschin-dscher Ale in Karossen von Dscheneral Motors. Wir alle sind gut darin, aus dem Regelbruch Lust zu gewinnen.

Drinnen in der Schau erscheint das „Dsch“ freilich als ernüchternder Hinweis, dass der Dschihad im Ersten Weltkrieg beinahe von Deutschland ausgegangen wäre. Zumindest verteilt im Jahre 1915 die Nachrichtenstelle für den Orient unter moslemischen Kriegsgefangenen die entsprechende Propagandaschrift. Sollen sich doch damals, so hoffen Generalstab und Auswärtiges Amt, die Völker des Nahen und Mittleren Ostens an der Seite des Osmanischen Reiches gegen Briten und Russen erheben, ganz modern im Sinne antiimperialistischen Ressentiments. Slavs and Tatars haben Worte des Aufrufs auf polierten Stahl gedruckt. Und sie haben das „Dsch“ in wollene Teppiche weben lassen, die zeigen, wie einst die Sowjetmacht die Moslems in Mittelasien von ihrem Schrifttum trennen wollte. Erst ersetzt sie das arabische Alphabet durch das lateinische, später durch das kyrillische. Buchstaben passen nicht zum Laut, müssen neu erfunden werden. Die polnische Designerin Kasia Korczak und der iranisch-texanische Schriftsteller Payam Sharifi haben in Berlin in einer Lesegruppe zueinandergefunden, interessiert an Traditionen und Gebräuchen, Sprachwissenschaft und Geschichte, Philosophie und Politik. Seit 2006 machen sie zusammen als Slavs and Tatars – Slawen und Tataren – Kunst. Mit einem Arbeitsgebiet zwischen Berliner und chinesischer Mauer, dem Vorrat verschiedener Sprachen und Religionen. Sie forschen zu in Eurasien verwendeten Alphabeten, aber auch zu angeblichen Sprachen der Engel. Sie geben verschollene Schriften neu heraus, zuweilen die Basistexte einer Kultur. All dies kombinieren sie in Künstlerbüchern. Zur Illustration akzentuieren sie Details in Möbeln, Lampen, Spiegeln, Schrifttafeln.

Die Schau der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vereint Arbeiten der vergangenen zehn Jahre. Der große Saal erscheint leer, als heilige Halle des kollektiven Lesens. Zu diesem Zweck haben Slavs and Tatars Absperrgitter zu Lesepulten umgestaltet, mit Buchstütze und Sitz. Die ausliegenden Bücher, man darf sie studieren. Die Kunst in den Kabinetten dagegen: sehr nobel. Die Objekte, die Schriften, selbst die Lautsprecher sind perfekt designt. Es fehlt nicht an Anspielungen, galant verbundenen Gegensätzen, verschmitzten Provokationen: Shakespeares Zitat vom „Sein oder Nichtsein“ vereinfachen Slavs and Tatars zu Bier oder Nicht-Bier – in der Schrift des Korans ein heikler Sachverhalt. Zwei Popsongs erhalten neue Texte, angeblich gesungen von kaukasischen oder kurdischen Helden. Mehrfach zu sehen sind Zitate aus Johann Georg Hamanns Werk. Der deutsche Philosoph des 18. Jahrhunderts fasziniert Slavs und Tatars offenkundig. Wohl, weil er dem Übermut der Vernunft nicht bloß die religiöse Lehre entgegenhält, sondern Beispiele aus dem Leben.

„Slavs and Tatars“ bis 14. Oktober im Lipsius-Bau, Dresden, Brühlsche Terrasse. Geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Objekte sind im Albertinum platziert, in der Porzellansammlung und im Mathematisch-Physikalischen Salon.

Es erscheint ein Künstlerbuch.

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