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Montag, 21.11.2011

Der beste Sommer aller Zeiten

Von Johanna Lemke

Am Anfang steht das Ende. Das Ende des besten Sommers aller Zeiten. Noch bevor es losgeht, schwirren Maik Fetzen der Geschichte um den Kopf, die gleich folgen wird: Satzfragmente, Vorwürfe, unmoralische Angebote. Ein überwältigendes Gedankenwirrwar. Und er sagt nur: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. War doch eh klar, dass es so kommt.“ Und dann beginnen zwei wunderbare Stunden Theater.

Kaum ein deutsches Jugendbuch hat in den letzten Jahren für derart euphorische Kritiken gesorgt wie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Es ist ein Roman über den Achtklässler Maik Klingenberg, der mit dem verschrobenen Russlanddeutschen namens Tschick in einem geklauten Auto in „die Walachei“ fahren will und dabei entdeckt, was wahre Freundschaft ist. Der Roman wurde mit dem JugendliteraturPreis sowie dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet und für den preis der Leipziger Buchmesse nominiert, im nächsten Jahr gibt es auch noch den Hans-Fallada-Preis. „Tschick“ ist inzwischen vielfach Schullektüre. Das Staatsschauspiel Dresden hatte also einen guten Riecher, als es sich die Rechte für die Uraufführung sicherte.

Überzeugende Hauptrollen

Man entschied sich für die kleinste Bühne, die das Theater zu bieten hat: für das Kleine Haus 3, ganz oben im Dach. Regie führte Jan Gehler, der am selben Ort schon den verstörenden Monolog „Jakob von Gunten“ inszenierte. Gehler ist Jahrgang 1983, auch er gehört natürlich nicht mehr zu der Generation, um die es in „Tschick“ geht. Dennoch trifft er den Ton des Buchs sehr genau. Dabei hilft die Bühnenfassung von Robert Koall. Der ist inzwischen ein Experte für Dramatisierungen, die Szenen beließ er sehr respektvoll in ihrer ursprünglichen Reihenfolge. Ganze Passagen blieben im ursprünglichen Prosatext.

Benjamin Pauquet und Sebastian Wendelin spielen die Hauptrollen. Beide waren zuletzt vor allem auf der großen Bühne zu sehen. Doch gerade in dieser kleinen Geschichte finden sie zur Hochform. Vor allem Pauquet, den man doch sehr oft auf ein Figurenfach reduziert fand, spielt hier seine Paraderolle. Das Verdruckste, das ihm immer ein bisschen innewohnt, passt perfekt zu Maik Klingenberg. Der hat den Rucksack ein bisschen zu fest gezurrt und einen etwas zu verhuschten Blick, er erzählt von seinem langweiligen Leben, der alkoholsüchtigen Mutter und seiner großen Flamme Tatjana, die ihn nicht bemerkt. Der Einzige, der Maik nicht völlig uninteressant findet, ist ein anderer Außenseiter: Der Neue in der Klasse, Andrej Tschicha... Tschisch... egal, genannt Tschick. Sebastian Wendelin spielt das Migranten-Klischee treffgenau, ohne es überzustrapazieren. Er rollt leicht das R und findet Maiks Jacke „übertrieben geil“, er schaut immer ein bisschen verpeilt in die Gegend, oft umweht von einer kleinen Fahne – und er hat ein butterweiches Herz unter seiner Kette mit dem Silberkreuzchen. Es braucht nur ein bisschen Überredungskünste, dann steigt Maik bei Tschick in den kurzgeschlossenen Lada. Und die Reise kann losgehen.

Auf in die Walachei

Die Bühne von Sabrina Rox ist denkbar reduziert: Der anthrazitfarbene Hügel kann mal Schanze, mal Müllkippe, mal Gartenzaun sein. Als geklautes Auto dient ein wunderbarer Retro-Kassettenrekorder, der altmodische Lieder dudelt. Kleine Bewegungen wie ein aus dem Fenster gestreckter Kopf reichen aus, und man sieht die beiden Jungs durch die sattgelben Felder cruisen, spürt förmlich den Fahrtwind und ahnt ihr Glücksgefühl.

Auf ihrem Trip begegnen Maik und Tschick verrückten Öko-Müttern (Anna-Katharina Muck) und neurotischen Altkommunisten (Holger Hübner). Sie treffen die verdreckte Isa (Lisa Ruckpaul) auf der Müllkippe und finden zwar das Land namens „Walachei“ nicht, dafür aber ihre Freundschaft. Pauquet und Wendelin spielen das alles so humorvoll und zärtlich, dass es nicht nur Jugendlichen im Publikum das Herz erwärmt. Diese Inszenierung versetzt einen wirklich zurück ins Früher: Als es nicht darum ging, möglichst viel voneinander zu erfahren, sondern darum, einfach Zeit verstreichen zu lassen. Als alles „super“ oder „Wahnsinn“ war und der erste Kuss so undenkbar schien, wie dass man irgendwann selbst altern könnte. Nie war der Himmel so weit, so unendlich wie mit vierzehn. Und man zittert förmlich mit Maik mit, als die halbnackte Isa ihn sehr direkt auffordert, mit ihr zu schlafen.

Was den Roman ausmacht, ist, dass er authentisch ist, ohne Slang zu bemühen. Dass er von Sehnsucht erzählt, ohne kitschig zu sein. Genau das schafft Jan Gehler mit seiner Inszenierung. Man verzeiht ihm darum, dass manche Übergänge ein wenig knackiger hätten sein können. Bisweilen plätschert der Abend etwas dahin. Aber irgendwie macht ja gerade das die Jugend aus und diese Geschichte so groß: dass man damals, mit vierzehn, noch jede Sekunde der verstreichenden Zeit spüren konnte.

Wieder am: 26. und 29.11. sowie 13. und 14.12., jeweils um 20 Uhr im Kleinen Haus 3. Karten: 03514913555