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Freitag, 06.07.2018

Dem sozialistischen Realismus zum Trotz

Das Kupferstich-Kabinett entdeckt auch mithilfe des Archivs der Avantgarden die polnische Konzeptkunst der 1970er-Jahre.

Von Birgit Grimm

In der Arbeit „Ameryka“ konterkarierte das Künstlerpaar KwieKulik 1972 das süße Leben, das den Polen in einer Zeitschrift vorgegaukelt wurde, die die amerikanische Botschaft im Land verteilte.
In der Arbeit „Ameryka“ konterkarierte das Künstlerpaar KwieKulik 1972 das süße Leben, das den Polen in einer Zeitschrift vorgegaukelt wurde, die die amerikanische Botschaft im Land verteilte.

© Zofia Kulik/Przemyslaw Kwiek, Zak Branicka Gallery

Der polnische Künstler Wlodzimierz Borowski fragte sich schon Anfang der 1950er-Jahre, ob die Malerei als Kunstform noch auf der Höhe der Zeit sei. In seinen Arbeiten kommentierte er das Malen ironisch und plädierte für die Vielfalt der künstlerischen Mittel. Sein Kollege Edwad Krasinski setzte seine Bilder mit einem blauen Klebeband auf der Wand fort. Das Publikum dürfte irritiert gewesen sein, aber der Staat griff nicht ein, wenn Künstler in Polen keine Parteigruppenbilder mehr malen und keine Denkmäler für die Helden der sozialistischen Arbeit in Stein meißeln wollten. Sie nahmen sich beizeiten allerhand künstlerische Freiheiten. Statt mit Farben auf der Leinwand „malten“ sie Bilder mit der Schreibmaschine, analysierten Sprache und zerlegten Worte, veranstalteten Happenings und Performances, fügten Alltagsdinge zu Kunstobjekten. Film und Fotografie erschienen ihnen ausdrucksstärker als Gemälde und die Idee des Schöpfers wichtiger als das klassische Kunstwerk selbst. Die Erweiterung des Kunstbegriffs, der Abgesang auf die Malerei, fand also längst nicht nur in Westeuropa statt. Die Polen präsentierten sich dabei sehr persönlich, rückten das Individuelle in den Fokus. Das war nicht nur Selbstzweck. Damit gaben sie tiefe Einblicke in den Zustand der sozialistischen Gesellschaft.

Ihr Publikum war geübt darin, zwischen den Zeilen zu lesen und Andeutungen zu dechiffrieren. Das Besondere in Polen: Kunstschaffende wie Agnieszka Polska, Roman Opalka, Wlodimierz Borowski, Stanislaw Drozdz, Ewa Partum oder Barbara Koslowska arbeiteten nicht hinter verschlossenen Türen. Der Staat ließ sie Galerien gründen, Festivals organisieren, internationale Netzwerke knüpfen, solange sie nicht provokant an der Macht rüttelten. Ihre „Freiheitsübungen“ waren subtiler.

Diesen Titel borgt sich die aktuelle Ausstellung mit polnischer Konzeptkunst bei Jaroslaw Koslowski. Er begrenzte seine „Freiheitsübungen“ in Blau, Gelb, Pink und sechs weiteren Farben auf jeweils 24 mal 25 Zentimeter und rahmte sie quadratisch ein. Viel Spielraum bleibt da nicht, aber „Kunst ist, wenn sie trotzdem entsteht“. Das jedenfalls schrieb Robert Rehfeldt, der aus Ost-Berlin ein weltweites Netz von postalischen Kontakten knüpfte und 1975 seine erste Mail-Art-Ausstellung in Warschau zeigen durfte.

In den 1970er- und 80er-Jahren schaute man aus der DDR bewundernd nach Warschau und Poznan, Lodz und Wroclaw. Künstler und Kunstfans reisten über Oder und Neiße, um mit eigenen Augen zu sehen, was bei den Nachbarn möglich war und wie sie die Grenzen zwischen Kunst und Leben ausloteten. Zum Beispiel machte das Künstlerpaar KwieKulik den Familienalltag zum Kunstobjekt. Die beiden imitierten das glückliche Leben, das den Polen das Magazin „Ameryka“ vorgaukelte, das von der US-Botschaft verteilt wurde. KwieKulik entlarvten in ihrer Arbeit die Propaganda-Mechanismen, indem sie sich beim Kochen, im Atelier, auf Reisen, mit ihrem Sohn oder bei einer Vernissage fotografierten, also ihren amerikanischen Traum unter polnischen Bedingungen lebten.

Künstlerinnen spielten eine besondere Rolle. Selbstbewusst stellten sie weibliches Schöpfertum heraus. Sie machten ihre Körper, ihre Gesichter zum Gegenstand ihrer Kunst und mischten so die männlich dominierte Kunstgeschichte auf, hinterfragten Rollenbilder und kritisierten das existierende Machtgefüge.

Was in den 1960er-Jahren künstlerisch virulent begann, endete in der Ausstellung 1981, als die Regierung das Kriegsrecht verhängte, um die revolutionären Kräfte von Solidarnosc zu stoppen. Im eigenen Bestand hat das Kupferstich-Kabinett kaum polnische Konzeptkunst. Bei dieser Erkundungstour Richtung Osten wurden Direktorin Stephanie Buck und ihr Team nicht nur von polnischen Kollegen, zum Beispiel aus dem legendären Muzeum Sztuki in Lodz, großzügig unterstützt. Auch andere Häuser der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) steuerten Wichtiges bei. Aus der Berliner Privatsammlung Hoffmann, die kürzlich den SKD geschenkt wurde, nahm die sechsteilige Foto-Arbeit „Sztuka konsumpcyjna“ (Verbraucher-Kunst) von Natalia LL den Weg ins Kabinett.

Vor allem das Archiv der Avantgarden, eine Schenkung des Berliner Sammlers Egidio Marzona, lieferte für die Sonderschau historisches Hinterland, das gut aufbereitet in einer stimmigen Rauminstallation präsentiert wird. Diese Dokumente, Briefe, Manifeste und Fotografien sind schlüssige Ergänzungen zu den Kunstwerken.

„Exercises in Freedom. Polnische Konzeptkunst 1968 – 1981“. Bis 23. September im Kupferstich-Kabinett DD, Residenzschloss. Geöffnet 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen. Katalog 28 Euro (im Museum 15 Euro)

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