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Dienstag, 23.10.2018

Das nervt!

Eine Studie der Göttinger Demokratieforscher analysiert den Einfluss von Pegida auf junge Menschen.

Von Anja Bohländer

Immer wieder montags: Jugendliche nervt an der Pegida-Demo weniger die dort transportierte politische Botschaft, sondern vor allem, dass die Straßenbahnen nicht pünktlich fahren.
Immer wieder montags: Jugendliche nervt an der Pegida-Demo weniger die dort transportierte politische Botschaft, sondern vor allem, dass die Straßenbahnen nicht pünktlich fahren.

© momentphoto.de/Bonss

Die Göttinger Demokratieforscher haben rechtzeitig zum vierten Jahrestag der Dauerpräsenz von Pegida ihren dritten Forschungsband veröffentlicht. Unter dem Titel „Pegida-Effekte. Jugend zwischen Polarisierung und politischer Unberührtheit“ beschäftigt er sich mit der Fragestellung, inwiefern Jugendliche und junge Erwachsene im Bann von Pegida stehen.

Wie im zweiten Band wird auch hier anhand von Fokusgruppen (nicht repräsentativ) in Leipzig und Dresden für den Osten sowie Duisburg und Nürnberg für den Westen geforscht. Die Autoren ziehen im ersten Kapitel eine Zwischenbilanz zu Pegida. Weitere drei Kapitel beschäftigen sich mit dem Wertesystem der Befragten, ihrem Politikverständnis und ihrer gesellschaftspolitischen Verortung bzw. ihrem Wertesystem. Ein letztes Kapitel untersucht exemplarisch die Dialogbemühungen in Dresden-Klotzsche 2016/2017 als Fallbeispiel.

Jugend als Seismograf des politischen Klimas und Frühwarnsystem für Tendenzen in der Gesellschaft ist eine relevante und interessante Fokussierung. Die Ergebnisse der Studie allerdings überraschen: Die Forschungsgruppe fand zwar keine Indizien, die auf ein Anwachsen antidemokratischer Kräftereservoirs unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen hindeutet. Aber sie fand einen unerwartet konservativen Wertekanon sowie ein nur marginal ausgeprägtes politisches Bewusstsein.

Anpassung ist erwünscht

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätten ein starkes Harmoniebedürfnis, das zugleich mit einem Hang zur Konformität und dem Wunsch nach Kontrolle und Planbarkeit einhergeht. Die Erwartungshaltung sei, dass alle nach den Regeln spielen. Normverstöße werden missbilligt, Anpassung ist erwünscht. Enorm wichtig sind ihnen Kollektivwerte wie Familie und Zusammenhalt, und sie streben nach materieller Sicherheit. Das Bedürfnis nach Innovation und Veränderung ist gering. Eine aktive Gestaltung der Gesellschaft oder Politik liegt für die meisten außerhalb des Wünschens- und Erstrebenswerten. Das Interesse für die Mitmenschen begrenzt sich auf das eigene Umfeld. Verantwortung für die Gemeinschaft möchte kaum einer übernehmen. Problematisch ist die Beobachtung einer ausgesprochenen Distanz zum Politischen bei gleichzeitiger Abnahme von Polarisierungen.

Diese Befunde decken sich mit Ergebnissen anderer Studien. Diese stellen fest, dass Jugendliche sich wenn, dann bevorzugt unkonventionell und nicht institutionalisiert politisch betätigen. Mitglied einer Partei werden nur noch wenige. Damit einher geht ein geringes Vertrauen in Parteien bei zugleich hohem Vertrauen in Menschenrechts- und Umweltgruppen mit hohem moralischen Impetus. Man kann sich damit gut fühlen.

Auf der Wertebene dominieren Menschlichkeit, Toleranz und Vielfalt, gemischt mit Konsumkritik. Dennoch neigt die Mehrheit zur autoritären Interpretation von bürgerlichen Tugenden.

Und wie ist das Verhältnis der jungen Leute zu Pegida? Die Demonstrationen sind ihnen durchaus ein Dorn im Auge, allerdings eher deswegen, weil sie im Alltag nerven (die Straßenbahnen fahren nicht). Sie haben keine Affinität zu radikalen Bewegungen. Die Gründe aber sind ernüchternd: Zu groß ist ihre politische Distanz, sie sind schlicht polarisierungsresistent. Speziell in Dresden stellen die Forscher allerdings auch die bekannte Strategie der Opferrolle fest: Die Idee von Pegida sei legitim. Alles, was rechts ist, werde entweder durch die Medien überbetont, oder die Demonstranten seien durch Einflüsse von rechts unverschuldet vereinnahmt.

Mit Blick auf die „Bürgerdialoge Klotzsche“ 2016/2017 ziehen die Göttinger Forscher, die die Dialoge vor Ort besuchten, eine kritische Bilanz. Die Forschergruppe hat grundsätzliche Zweifel an der Funktionsfähigkeit von derlei Dialogveranstaltungen, da die Strategie, die andere Seite in Misskredit zu bringen, keine Voraussetzung für einen rationalen Diskurs sein könne und die Kompromissfähigkeit fehle. Es ist den Autoren zuzustimmen, dass durch Moralisieren und Selbstbezüglichkeit die Gräben nur noch mehr vertieft werden.

Der Interpretationsmut der Göttinger wirkt hier wie in den beiden anderen Bänden an manchen Stellen gewagt. Insgesamt ist es aber eine höchst interessante Studie mit wichtigen Erkenntnissen vor allem mit Blick auf die grundsätzliche politische Einstellung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie ihrem Wertekanon. Sprachlich bleiben sich die Göttinger treu, sodass der Band für ein breites Publikum gut lesbar ist.

Julia Schenke, Christopher Schmitz, Stone Mark, Katharina Trittel, Pegida-Effekte? Jugend zwischen Polarisierung und politischer Unberührtheit, Transkript Verlag, x-Texte zu Kultur und Gesellschaft, Bielefeld, 434 Seiten, 29,99 Euro

Unsere Autorin: Anja Bohländer ist Vorsitzende des Instituts Civitas für Demokratie- und politische Bildung und Doktorandin an der Universität Erfurt.