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Dienstag, 08.05.2018

Das liebreizende „Großgeiglein“

Das Violoncello ist endlich „Instrument des Jahres“. Es befeuert die „Cellomania“ bei den Dresdner Musikfestspielen.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

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© Uwe Zucchi/dpa

Das Violoncello ist beliebt, es gibt kaum jemanden, der den warmen, vollen Klang des Instruments nicht mag. Für dieses Jahr haben es die Landesmusikräte von neun Bundesländern, darunter Sachsen, zum Instrument des Jahres gewählt. Da fragt man sich höchstens: Wieso erst jetzt?

Vom Katalanen Pau Casals bis zum Russen Gennadi Roschdestwenski, vom Niederländer Anner Bylsma bis zur Britin Jacqueline du Pré – die Liste der Cello-Legenden ist lang. Dresdens aktuelle Klassikszene wird von zwei gelernten Cellisten mitgeprägt. Michael Sanderling, Chef der Philharmonie, startete seine Laufbahn an diesem Instrument, und Jan Vogler, Intendant der Musikfestspiele, spielt bis heute in der Champions League der Solocellisten.

Dieses Jahr erleben die am Donnerstag startenden Festspiele nach Voglers Willen gar eine „Cellomania“, zu der er bis 10. Juni über 20 mehr oder weniger namhafte Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt eingeladen hat. Yo-Yo Ma war schon da, Mischa Maisky sowie Steven Isserlis und Peter Wispelwey werden kommen. Und mit Marie-Elisabeth Heckert wird auch ein hochbegabtes sächsisches Eigengewächs zu bewundern sein.

Die frühe Geschichte dieses Instruments ist nicht ganz unkompliziert. Im 16. Jahrhundert existierten Streicher in zwei Großfamilien nebeneinander. Zum einen war das die mit bis zu sieben Saiten bespannte Gambe, die „Viola da gamba“, die überwiegend zwischen den Schenkeln (ital. „le gambe“) gespielt wurde. Die gab es in diversen Größen. Äußerlich waren sie an den „hängenden Schultern“ des Korpus erkennbar, während die Vorfahren unserer heutigen Geigen, Bratschen und Celli bereits die rundere Form hatten. Ahnmutter dieser anderen Familie war die auf dem Arm (ital. „il braccio“) gespielte „Viola da braccio“, zu der wir heute gern Bratsche sagen. Und die Ableitungen des Stammwortes Viola führten mit verkleinernden oder vergrößernden Nachsilben zu den anderen Namen. Das Violone war größer, das Violino kleiner als die Mutter.

Kurios wurde es, als man aus dem großen Violone, der sogenannten Bassgeige, durch abermalige Verkleinerung mithilfe der Nachsilben „-cino“ und „-cello“ zunächst ein Violoncino und dann, wohl ab 1665, ein Violoncello ableitete, ein „Violonlein“ oder „Violonchen“ sozusagen. Deswegen ist es eigentlich putzig, wenn wir verkürzt „Cello“ sagen, denn das bedeutet lediglich „-chen“ oder „-lein“. Doch Sprache folgt oft chaotischen Pfaden, variiert da und spart dort. Ist heute vom Cello die Rede, weiß jeder, was gemeint ist.

Die frühesten Instrumente dieser Art sind für die Zeit um 1535 in Norditalien nachgewiesen, etwa drei Jahrzehnte vor der Geburt Monteverdis. Damit ist das Cello inzwischen fast ein halbes Jahrtausend alt. Die berühmteste Werkstatt jener Zeit führte Andrea Amati in Cremona, seine Söhne und Enkel setzten die Tradition auf hohem Niveau fort. Gasparo da Salò in Brescia, dessen Schüler Giovanni Paolo Maggini und später der Cremoneser Antonio Stradivari und der Venezianer Matteo Gofriller wurden ebenfalls weit über Italien hinaus geschätzt.

Bis ins 18. Jahrhundert differierten Größe, Bauweise und Stimmung der Instrumente noch erheblich. Letztlich setzte sich die Variante mit vier in Quinten auf a-d-G-C – genau eine Oktave tiefer als die Bratsche – gestimmten Saiten durch. Der Korpus misst 75 bis 76, der Hals reichlich 25 Zentimeter und die Zarge, über die die Saiten laufen, hat heutzutage eine magische Höhe von genau 111 Millimetern. Noch zu Bachs Zeiten waren auch kleinere Versionen im Gebrauch, und das Instrument, für das er die sechste seiner Suiten schrieb, jene in D-Dur, hatte noch eine fünfte Saite. Bachs Sammlung von 1720 ist bis heute das Maß der Dinge. Davor hatten bereits komponierende Cellisten wie Arresti, Galli, Gabrielli und Bononcini markante Solowerke notiert. Vivaldis exzellente Sonaten emanzipierten noch vor Bachs Suiten das Instrument von seiner Begleitrolle in der Basso-continuo-Gruppe, die den barocken Sound prägte.

In der frühen Klassik hielt das Instrument nicht nur endgültig Einzug in Hofkapellen und Opernorchester, wo es die Gambe rasch verdrängte. Es wurde auch zur wesentlichen Stimme in der Kammermusik. Haydn verschaffte ihm in Quartetten und natürlich mit den Solokonzerten neue Aufmerksamkeit. Boccherini, selbst begnadeter Cellist, variierte das Streichquintett dahingehend, dass er es mit zwei Violoncelli statt mit zwei Bratschen besetzte und den tiefen Stimmen auch weite Teile der Melodieführung zugestand. Schubert und andere haben dies später genial weitergeführt. Rückblickend mag erstaunen, wie schmal, verglichen mit der Violin- oder Klavierliteratur, das romantische Cello-Repertoire geblieben ist. Mendelssohn, Brahms, Schumann und Chopin, sie alle haben es bedacht, später auch Saint-Saens, Dvorák, Elgar und im 20. Jahrhundert Ligety und Schostakowitsch. Doch insgesamt ist die Auswahl dessen, womit ein Solist heute brillieren kann, überschaubar.

Aus dem Orchestersound ist das Cello nicht mehr wegzudenken. Es trägt wesentlich zur warmen Klangfarbe und zum Klangvolumen bei. In Partituren wird die Violoncellostimme unten über der Stimme des Kontrabasses notiert. Fehlt diese, nimmt sie selbst den untersten Platz ein, gehört also auf jeden Fall zur Basis.

Über die Beliebtheit des Celloklangs ist viel sinniert worden. Der Tonumfang erstreckt sich über fast fünf Oktaven, besonders klangvoll sind die Lagen, die den Gesangsstimmen Alt, Tenor und Bass entsprechen. Doch das ist es nicht allein. Ein großer Reiz liegt wohl in der Vielseitigkeit, in der Melange aus melodiösem, sonorem, warmtonigem Saitengesang und kraftvoller rhythmischer Akzentuierung durch spezielle Techniken, die wie das gezupfte Pizzikato oder geklopfte Effekte über den gestrichenen Ton hinausgehen.

Bei aller Vielfalt der Handschriften und Temperamente und trotz der großen stilistischen Spannweite der Werke, die im Frühling bei der „Cellomania“ zu den Festspielen erklingen werden, dürfte feststehen: Das Publikum wird diese Auftritte lieben, und es wird die Solisten am „Großgeiglein“ begeistert feiern, für Wohlklang und Attacke, für Virtuosität und Liebreiz.

Leser-Kommentare

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  1. Marc Brossmann

    Eigentlich schade, dass sich nicht unter diesen Text eine vielköpfige Kommentatorenschar einfindet, das könnte durchaus eine interessante Debatte werden und zudem wäre der Eindruck zu gewinnen, in einer selbsternannten Kunst- und Kulturstadt lebte auch die dazugehörige Bürgerschaft. Doch stattdessen wird sich regelmäßig an Brücken-, MIV vs. Radfahrer vs. DVB- oder ähnlichen "Themen" abgearbeitet. Aber bei dieser Gelegenheit sei Jens-Uwe Sommerschuh ausdrücklich gedankt für seine stets guten und klugen Texte und Kolumnen. Ohne die Arbeiten des Herrn Sommerschuh wäre ich der "Sächsischen Zeitung" längst schreiend entlaufen. Den verantwortlichen Redakteuren kann ich jedenfalls nur zurufen: Weniger Laske und Berndt (besser noch: niemals mehr Laske und Berndt - wobei die Namensliste alles andere als vollständig sein kann) und dafür umso mehr Sommerschuh. Natürlich weiß ich auch, dass dieser, mein Ruf ungehört verhallen wird, aber die Welt wäre dadurch um so vieles schöner.:-)

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