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Montag, 12.02.2018

„Das Judentum muss weiter bestehen“

Normal wie Popstars: Jüdische Jugendliche feiern mit einer Show in der Dresdner Messe ihren Zusammenhalt.

Von Rafael Barth

„Im Glauben liegt die Kraft, dass man auch alles schafft“: Das singen junge Juden aus Bayern bei ihrem Auftritt in Dresden zur Musik der No Angels.
„Im Glauben liegt die Kraft, dass man auch alles schafft“: Das singen junge Juden aus Bayern bei ihrem Auftritt in Dresden zur Musik der No Angels.

© Ronald Bonß

Das Video zu dem treibenden Popsong überrascht nicht nur, weil es rüberkommt wie ein professioneller Musikclip. Man sieht ein paar Jungs, die mit Opa shoppen gehen, die zusammen mit ihm Eier gegen ein Haus werfen, die den Senior zum Tätowierer begleiten und anschließend zu einer Party. Es ist Großvaters Achtzigster. Am Ende sagt ein kleiner Junge zu ihm: „Opa, ich liebe dich.“ Ein Clip, der zu Herzen geht.

Die Jury aber überzeugen die Jugendlichen aus Frankfurt am Main mit dem, was sie danach zeigen. Über Wochen haben sie an der Gruppen-Choreografie gefeilt, die sie nun auf der Bühne der Messehalle 1 in Dresden zeigen. Trommler treiben sie an, die Popmusik ist mit Klezmerzusätzen versehen, den Text dazu haben sie selber geschrieben. „Auf Machane treffe ich ein Mädchen, lass gemeinsam Gala gehen./ Du bist so krass wie Christina Aguilera.“ Die beiden verlieben sich. Und unter einem Baldachin, schnell aus der Kulisse herausgetragen, feiern sie schließlich Hochzeit.

Mit diesem Happy End hat die Gruppe des Frankfurter Jugendzentrums „Amichai“ in der Samstagnacht auch sich selbst glücklich gemacht. Sie ist der Sieger des deutschlandweit größten Gesangs- und Tanzwettbewerbs für jüdische Jugendliche, der Jewrovision 2018. Die 17. Ausgabe des Wettstreits war zugleich die erste, die in Ostdeutschland ausgetragen wurde. Die Teilnehmer: Hunderte Kinder und Jugendliche, vereint in 18 Gruppen aus ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nicht ganz. Dass es keiner einzigen jüdischen Gemeinde im Osten gelang, ein eigenes Team aufzustellen, ist ein Hinweis darauf, dass die Strukturen hier noch immer nicht so ausgebaut sind wie im Westen. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen sagte vorige Woche die Vorsitzende der Dresdner Gemeinde, Nora Goldenbogen: „Was ich von der Jewrovision gesehen habe, war sehr professionell. Da können wir derzeit nicht mithalten.“

Pop mit Lokalstolz

Stimmt. Videos, Texte, Tänze, Gesang, Kostüme – das alles kostet Betreuung, Zeit und letztlich auch Geld. Es ist am Ende nicht schlimm, wenn der Stimmbruch manchem Nachwuchssänger in die Quere kommt. Die Halle ist nicht ausverkauft, aber gut gefüllt und keinesfalls leise. Musik von Daft Punk und Beyoncé treibt die Massen an. Tröten, Pfeifen, Luftballons, Fahnen. Wer auf sich hält, beweist Lokalstolz. Die Münchner Gruppe zeigt der Konkurrenz die Muckis. Auf ihrem Plakat steht: „Friss die Bratwurst.“

Die Jewrovision war Teil einer jüdischen Jugendbegegnung, weshalb die Signale insgesamt auf Eintracht standen. Das Wettbewerbsmotto hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland als Veranstalter ausgegeben: „Circle of Life“. Viele Beiträge nahmen darauf Bezug: der Lauf des Lebens, der jüdischen Feste, der Geschichte. Die qualvolle Vergangenheit als Grund, heute umso fester zusammenzustehen. Aufrufe, selbstbewusst zu leben. Und glücklich. Die Gruppe aus Hannover singt: „Wir werden Hand in Hand gehen./ Das Judentum muss weiter bestehen.“

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